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Trumps Triumph, Amerikas Debakel

Gastkommentar / von Louis Begley / 28.05.2016

Zunehmend fassungslos verfolgt die Weltöffentlichkeit den Wahlkampf in den USA. Der Schriftsteller Louis BegleyLouis Begley, Sohn einer polnisch-jüdischen Emigrantenfamilie, begann nach einer Karriere als Rechtsanwalt erst spät zu schreiben. Mit „Lügen in Zeiten des Krieges“ gelang ihm 1991 ein Welterfolg. Seither legte er acht weitere Romane vor, die das privilegierte Milieu der amerikanischen Ostküste beleuchten. Auf Deutsch erschien zuletzt „Zeig dich, Mörder“ (2015). legt in einem großen Essay die Bedenken aus, die Amerikas Intellektuelle umtreiben.

Das Rennen ums Weiße Haus hat merklich an Spannung verloren. Es ist nun sicher, dass Donald Trump als Kandidat der Republikaner antritt, und sehr wahrscheinlich wird Hillary Rodham Clinton von ihrer Partei auf den Schild gehoben. Natürlich könnte Donald Trump bis zum Parteitag der Republikaner am 18. Juli noch eines natürlichen Todes sterben, unheilbar erkranken oder – obwohl er unter Personenschutz steht – ein gewaltsames Ende finden. Aber ohne Eingreifen einer höheren Macht ist ihm die Nominierung sicher.

Revolutionär ohne Chance

Auch Hillary ist nicht gegen den Tod gefeit, obwohl man manchmal den Eindruck hat, sie sei aus irgendeiner anorganischen Materie geschaffen. So ist auch in ihrem Fall nicht restlos sicher, dass sie es bis zum Parteitag der Demokraten schafft, der am 25. Juli in Philadelphia stattfindet. Dass aber Bernie Sanders sie aus dem Feld schlagen könnte, ist mittlerweile nurmehr ein theoretisches Risiko. PredictWise, eine als seriös geltende Website, die Daten von Meinungsumfragen und Wettmärkten auswertet, setzt seine Erfolgschance bloß noch bei 4 Prozent an.

Allerdings hat Bernie Sanders, der unabhängige Senator aus Vermont, der sich selbst als „demokratischen Sozialisten“ bezeichnet, zumindest etwas frische Luft in diesen furchtbaren Vorwahlkampf gebracht.

Als Sohn polnisch-jüdischer Immigranten in Brooklyn aufgewachsen, ist Bernie der eigentliche Anti-Trump – oder, wenn man so will, der gute Trump der progressiven Amerikaner. Er hat das Charisma und den raschen Mutterwitz des bösen Trump, er bietet, wie dieser, vage und eher ins Reich der Fabel gehörende Rezepte an – etwa eine einheitliche (staatliche) Krankenversicherung für alle oder die Abschaffung der Studiengebühren an öffentlichen Hochschulen.

Diese bewundernswerten Vorhaben würden durch Steuererhöhungen finanziert. Die praktisch garantierte Unmöglichkeit, solche Pläne während seiner Amtszeit in einem wie auch immer zusammengesetzten Kongress durchzubringen, schert Sanders nicht: Er will eine Revolution anstoßen, und Revolutionen beschränken ihre Ziele nicht auf das kurzfristig Erreichbare.

Sanders hat vieles zustande gebracht, was anfangs jenseits seiner Möglichkeiten zu liegen schien: Er hat Geldmittel von Kleinspendern eingeworben, wie es seit Barack Obamas Kampagne im Jahr 2008 niemandem mehr gelungen ist; er hat den Draht zu jungen Wählern ebenso gefunden wie zu älteren, die ihren Idealismus noch nicht verloren haben; und er war ein ernsthafter Herausforderer für Hillary Clinton, die man bereits für die gesalbte Kandidatin der Demokraten hielt.
Und da er sich als derart zäher Gegner erweist, könnte sie – so hofft man – zur Einsicht kommen, dass das Erfolgsrezept nicht mehr taugt, das ihrem Gatten 1992 und 1996 den Sieg brachte; damals hatte Clinton die Demokraten als Partei der Mitte neu erfunden. 2016 scheint es fast schon sicher, dass sie einen Schwenk nach links machen und sich auf ihre Wurzeln in Roosevelts New Deal und Lyndon B. Johnsons Great Society besinnen müssen.

Es steht also praktisch fest, dass die Ausmarchung zwischen Hillary Clinton und Donald Trump stattfinden wird – trotz der hektischen Anstrengungen jener Republikaner und Konservativen, die sich noch nicht von der „Never Trump“-Bewegung abgesetzt haben, einen dritten Kandidaten ins Spiel zu bringen; dieser könnte, so hoffen sie, in einigen Staaten als Unabhängiger antreten und so viele Stimmen auf sich vereinen, dass weder Hillary noch Trump die absolute Mehrheit der Wahlmänner hinter sich hätten. Dann, so das Kalkül, läge der Wahlentscheid beim Repräsentantenhaus; und da dieses über eine solide republikanische Mehrheit verfügt, würde ein „Mainstream-Republikaner“ (der Anti-Trump!) zum Präsidenten ernannt.

Aus mehreren Gründen bin ich überzeugt, dass eine solche Initiative nie zustande kommen wird – vor allem wegen der Rückgratlosigkeit der konservativen Elite und ihrer Furcht vor Trumps Rache, falls der Coup scheitern sollte und er dennoch den Wahlsieg davontrüge. Und noch wenn die Initiative lanciert würde, wäre sie wohl politischer Selbstmord. Denn es ist anzunehmen, dass der ausgewählte Kandidat vor allem Stimmen von Trump abziehen und Hillarys Sieg damit Vorschub leisten würde – womit das Ende der republikanischen Partei und ihrer Führerschaft besiegelt wäre.

Der Rüpel und die Glanzlose

Ja, Trump und Clinton werden den Finish bestreiten, und Derartiges hat es in der Geschichte der USA noch nie gegeben. Wir werden einerseits einen Präsidentschaftskandidaten haben, dem die Erfahrung und die charakterlichen Eigenschaften, die üblicherweise als Qualifikationen für das höchste Amt vorausgesetzt werden, rundweg abgehen.

Trump hatte nie ein öffentliches oder politisches Amt inne, kein Anzeichen lässt darauf schließen, dass er versteht, wie eine Regierung funktioniert, seine Ignoranz in außenpolitischen Dingen ist erschütternd, sein Respekt vor dem amerikanischen Verfassungssystem und dessen Traditionen dürftig. Er ist narzisstisch, ungeduldig, launisch, rachsüchtig und herrisch.

Hätte man sich je vorgestellt, dass ein Kandidat für das amerikanische Präsidentenamt prahlen könnte, er werde das Schuldenproblem durch Verhandlungen mit den Gläubigern oder, noch einfacher, mittels der Banknotenpresse lösen? – Positionen, von denen Trump inzwischen zurückzukrebsen scheint. (Ich ziehe es vor, weitere unerquickliche Eigenschaften des Präsidentschaftskandidaten, etwa seine Vulgarität, seine Misogynie und seinen Rassismus, nicht im Detail zu beleuchten.)

Statt der Kenntnisse und Erfahrungen, die einem Anwärter auf das höchste Amt nützlich wären, hat Trump nur eine einzige Karte auszuspielen: seine angeborene Intelligenz. Diese ist unbestreitbar, wie sein Erfolg als Immobilienunternehmer – dessen Praktiken, das muss erwähnt werden, auch ihre unsaubere Seite hatten – und seine Fähigkeit zum Geschäftemachen zeigen. Genau dieser Anspruch, einen guten Deal machen und eine Sache durchziehen zu können, macht Trump besonders attraktiv für jene Wähler, die desillusioniert und angeekelt sind angesichts des primär von den Republikanern zu verantwortenden Stillstands in Washington.

Hillary anderseits verfügt über alle wünschenswerten Kenntnisse in Regierungsdingen und innen- wie außenpolitischen Fragen, ja sie bringt sogar praktische Erfahrung mit; und doch ist sie eine Kandidatin, die Vorbehalte weckt. Es ist unmöglich – für mich jedenfalls –, an ihre Kandidatur zu denken, ohne sich gleichzeitig zu fragen, ob das laufende Verfahren wegen ihres Umgangs mit amtlichen E-Mails doch noch Verfehlungen zutage fördern wird.

Auch irritieren die exorbitanten Honorare, die sie für ihre Auftritte kassiert (warum folgt sie nicht Bernie Sanders’ Aufforderung und veröffentlicht die Skripten der Referate?), oder die Tatsache, dass die Clinton-Stiftung während ihrer Zeit als Außenministerin weiterhin Fundraising betrieb.

Diese Bedenken betreffen ihr Augenmaß und ihre Art, Prioritäten zu setzen: Muss man wirklich, wenn man für die Präsidentschaft kandidieren will und schon ein beträchtliches Vermögen hat, noch ein, zwei weitere Vorträge bei Goldman Sachs halten und dafür je eine Viertelmillion Dollar kassieren? Aber es gibt noch einen ungleich substanzielleren Vorbehalt.

Hillary hat bis heute keine überzeugenden Argumente dafür gefunden, warum sie Präsidentin werden sollte, und man wird den Verdacht nicht los, dass sie ganz einfach der Ansicht ist, sie sei jetzt an der Reihe, ins Weiße Haus einzuziehen, und zwar nicht nur als Gattin eines Präsidenten.

All diese Faktoren schlagen sich in den niedrigen Zustimmungsraten nieder, die ihre Kandidatur quer durch alle Bevölkerungsschichten findet, in den erbärmlichen Umfrageresultaten, wenn es um ihre Vertrauenswürdigkeit geht, und in der mangelnden Begeisterung der jungen Wähler. Deshalb scheint sie sich in letzter Zeit vermehrt darum zu bemühen, enttäuschte Republikaner für sich zu gewinnen.

Aber das ist eine riskante Strategie. Denn diese Republikaner werden wohl eher Wahlabstinenz üben, als für eine Demokratin zu stimmen. Und wenn Clinton sich ihretwegen zu weit nach rechts lehnt, dann wird sie die Unterstützung von Bernie Sanders‘ Anhängern verlieren, die sonst wohl für sie stimmen würden.

Drache und Drachentöter

Bei Wahlen geht es nun aber nicht darum, sich einen idealen Kandidaten zurechtzumodeln, sondern um den Entscheid zwischen zwei oder mehreren naturgemäß unvollkommenen Menschen. Ich kann immerhin sagen, dass ich bis jetzt noch niemandem begegnet bin, der Trump wählen wird, obwohl ich die Gretchenfrage ohne Hemmungen stelle; allerdings ist mir auch bestürzend klargeworden, dass viele meiner Landsleute für ihn stimmen werden.

Aber nicht genug, um ihn über die Ziellinie zu bringen – das sagt mir mein Bauchgefühl so gut wie mein Verstand, und es gibt auch äußere Faktoren, die darauf schließen lassen. Donald Trump findet bei Afroamerikanern und Latinos praktisch keine Unterstützung, und die Statistiker weisen darauf hin, dass sich ohne diese Bevölkerungsgruppen keine Wahl gewinnen lässt. Auch die Frauen, die Trump mit dem endlosen Strom seiner notorisch vulgären und sexistischen Äußerungen gründlich verärgert hat, werden ihm ihre Stimme nicht geben. PredictWise setzt dementsprechend Hillarys Siegeschancen bei 71 Prozent an.

Dennoch wäre es ein gewaltiger Fehler, „The Donald“ zu unterschätzen – das haben Jeb Bush, Marco Rubio, Ted Cruz und die dreizehn anderen Kandidaten, die für die Republikaner ins Rennen gingen, erfahren müssen. Eine Chance hätte Trump beispielsweise, wenn er den ganzen Rust Belt – Ohio, Pennsylvania, Michigan und Wisconsin – für sich gewinnen könnte. Diese Staaten verfügen über 64 Wahlmännerstimmen; 270 sind nötig, um einem Kandidaten den Sieg zu sichern.

Der Rust Belt ist wesentlich „weißer“ als das übrige Amerika, und er ist Stammland jener Wähler, die infolge der Auslagerung industrieller Arbeiten nach Fernost ihre Jobs verloren haben. Sie sind besonders empfänglich für Trumps xenophobe und protektionistische Verlautbarungen, und ganz generell ist der Rust Belt solid republikanisches Territorium. Die Gouverneure von Ohio, Michigan und Wisconsin sind allesamt Republikaner, auch in Pennsylvania ging das Amt erst 2015 auf einen Demokraten über.

Da ich grundsätzlich Optimist bin, versuche ich mir einstweilen nicht vorzustellen, was ein Wahlsieg Trumps und seine Inauguration als 45. Präsident der USA nach sich ziehen würde. Stattdessen möchte ich mein Augenmerk darauf richten, was die schiere Tatsache, dass er mit aller Wahrscheinlichkeit als Kandidat der Republikaner ins Rennen gehen wird, für die konservativen Eliten – Kongressabgeordnete, gestandene Parteimitglieder, Großspender, konservative Meinungsführer – bedeutet.

Bankrott einer politischen Elite

In ihrer ziemlich orientierungslos wirkenden Suche nach einem Kandidaten, der ihnen zusagen und ihre Interessen und Prioritäten vertreten würde, setzten die Republikaner zunächst auf Jeb Bush: Als „Bester“ unter den Bushs galt er als praktisch unschlagbar und wurde zum „intellektuellen“ Präsidentschaftsanwärter gesalbt. Nachdem Trump ihn erledigt hatte, indem er Bush als dümmlichen Schwachstrom-Kandidaten brandmarkte, fanden die Republikaner ihren neuen Champion in Marco Rubio, dem Senator aus Florida, der als einstiger Ziehsohn Jeb Bushs durchaus geneigt schien, politischen Vatermord zu begehen. Rubio hatte das Auftreten eines Laundromat-Besitzers, und dank Trumps Talent, Gegnern das passende Etikett zu verpassen, war er bald einmal „little Marco“.

Als auch er auf der Strecke blieb, warfen sich die törichten Grauköpfe des Parteiestablishments in ihrer Verzweiflung einem weiteren vermeintlich mehrheitsfähigen Drachentöter an den Hals: Ted Cruz, einem Konservativen vom äußersten rechten Flügel mit bemerkenswert harschen Ansichten. John Boehner, der vormalige republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses, hatte Cruz noch unlängst – und nicht zum ersten Mal – als „fleischgewordenen Luzifer“ bezeichnet; führende texanische Zeitungen hatten Cruz’ Kandidatur in den Primärwahlen torpediert und geißelten ihn als ineffizient und destruktiv. Sogar die Mitglieder des Senats hassen keinen ihren Amtskollegen mehr als ihn. Kein Wunder also, dass der Drache seine Lefzen leckte und den „mehrheitsfähigen“ Helden im Nu verschlang.

Was die Glaubwürdigkeit betrifft, ist die konservative Elite nach diesem Debakel eigentlich bankrott, und ihr Anspruch auf Repräsentanz für die republikanische Wählerbasis müsste grundlegend infrage gestellt werden. Ob das tatsächlich geschehen wird oder ob diese Weisen auch weiterhin in ihrer republikanischen Parallelwelt vor sich hinpredigen werden, bleibt abzusehen. Ich möchte darauf wetten, dass sie überleben.