Goran Tomasevic/Reuters

Über Netz-Tribalismus: Die geschlossene digitale Gesellschaft

Meinung / von Eduard Kaeser / 11.10.2016

Das Internet, das alle mit allen verbindet, brachte eine „Entgesellschaftung“ der Gesellschaft mit sich – würde man denken. In Wahrheit aber hat es uns zu digitalen Stammesangehörigen gemacht.

Vor siebzig Jahren sinnierte der Philosoph Karl Popper in seinem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ über eine Gesellschaft, in der sich die Menschen praktisch nie von Angesicht zu Angesicht begegnen; in der alle Geschäfte von isolierten Individuen über telekommunikative Kanäle verrichtet werden. Eine solche fiktive, „vollständig abstrakte und entpersönlichte Gesellschaft“ ist für Popper der Gegenpol der offenen, liberalen Gesellschaft.

Die Fiktion hat sich zur Realität gewandelt. Wie nie zuvor sind wir alle miteinander verbunden, mailen, twittern, simsen auf Teufel komm raus. Die Frage stellt sich nur, wer mit wem verbunden ist. Ein näherer Blick verrät, dass wir dazu tendieren, nur mit „unseresgleichen“ zu verkehren. Die Befürchtung Karl Poppers, wir würden wie Robinsons auf sozialen Inseln leben, muss heute in ganz bestimmter Richtung präzisiert werden: Wir leben mit Menschen des gleichen Stamms auf Smartphone-verbundenen Inseln im Internet.

Züge eines Neo-Primitivismus

Der Mensch ist ein Herdentier. Zusammenleben, Empathie, gutes und schlechtes Handeln lernt er zuerst im Kreis seiner Familie, seiner Angehörigen, seiner Bekannten. Selbst wenn er im Laufe seines Lebens zur „erwachseneren“ Sicht heranreifen mag, dass friedliches ziviles Zusammenleben eines umfassenderen „Wir“ bedürfte, bleibt immer ein Rest an Stammesmentalität an ihm haften.

Wir leben mit Menschen des gleichen Stamms auf Smartphone-verbundenen Inseln im Internet.

Wenn man also von „Eingeborenen des Netzes“ spricht, muss man dem ethnologischen Einschlag im Ausdruck Rechnung tragen: Es handelt sich buchstäblich um eine Sozialstruktur, wie sie die klassische Ethnografie unter „Primitiven“ studiert hat: eine Struktur, die der Stammesordnung stets Vorrang gegenüber einer umfassenderen Gesellschaftsordnung gibt. Und man kann im Verhalten der digitalen Stämme durchaus Züge eines Neo-Primitivismus ausmachen, in Gestalt von Mobbing, Shitstorm und dem rüden Ton in gewissen Blogs und Websites. Wobei nicht das Internet die Ursache dieser Phänomene ist; es verstärkt nur vorhandene tribale Tendenzen im Menschen.

Von Marshal McLuhan stammt der Begriff des globalen Dorfs. Was er damit meinte, brachte er in einem seiner letzten Interviews unverblümt zum Ausdruck: „Eine der Hauptsportarten der Stammesmenschen ist das gegenseitige Abschlachten [. . .] Wenn die Menschen dichter zusammenrücken, werden sie barbarischer, gegenseitig ungeduldiger. [. . .] Das globale Dorf ist ein Ort mit sehr harten Schnittstellen und sehr ruppigen Situationen.

Auch das Internet. Der Stamm war früher geografisch gebunden. Das ist heute nicht mehr der Fall. Ein Klick genügt, und ich bin in Kontakt mit meinesgleichen. Wenn ich einziger Verehrer des Fliegenden Spaghettimonsters an meinem Wohnort bin, dann hindert mich das nicht daran, Stammesangehöriger der globalen Fliegenden-Spaghettimonster-Diaspora zu werden. Was ich brauche, ist ein Relais im Netz, um Informationen und Nachrichten auszutauschen.

Stämme sind familiär, ethnisch, sprachlich, religiös oder kulturell homogenisierte Gemeinschaften. Die sozialen Bindungskräfte – Vertrauen, Verpflichtung, Verantwortung – sind stark nach innen zentriert. Sitte und Brauch bestimmen Verhalten und Loyalität. Das ist auch im Netz so. Nur wird die Homogenität anders erzeugt. Man teilt ein Hobby, ist Fan von Lady Gaga oder Arsenal, verdammt Putin oder Beppe Grillo, will das Abendland retten oder einfach gute Pasta kochen.

Die gleichen Hashtags, der gleiche Slang

Bereits 2011 war im „Guardian“ von „Twitter-Stämmen“ die Rede. Angehörige digitaler Stämme identifizieren sich meist nicht als solche. Aber sie sind Follower der gleichen Leute auf Twitter oder Tumblr; lesen die gleichen Blogs; schauen die gleichen Videos auf Youtube; benutzen die gleichen Hashtags; reden den gleichen Slang; „liken“ und „sharen“ die gleichen Facebook-Links; verachten die gleichen Feinde. Und all dies, obwohl sie einander gar nicht als physische Personen kennen. Sie formieren als elektronische Monaden genau jene Phantom-Gemeinschaft, die Karl Popper vorausgeahnt hatte.

Moderne Gesellschaften, so haben wir es von den Aufklärern gelernt, funktionieren auf der ideellen Basis universeller, und das heisst: antitribalistischer Leitlinien und Normen. Tribalisierung bedeutet also „Entgesellschaftung“ der Gesellschaft; ein Prozess, in dessen Verlauf gemeinsames universelles Ideengut schleichend unterhöhlt wird durch partikulare Stammesansprüche. Einst galt die Stammesmentalität als Ausdruck eines beschränkten Horizonts. Der digitale Tribalismus ist eine gewollte Rückkehr zu solchen Zuständen auf technisch avanciertem Niveau. Macht das Netz neue Troglodyten aus uns?

Eduard Kaeser ist Physiker und promovierter Philosoph. Er ist als Lehrer, freier Publizist und Jazzmusiker tätig. Zuletzt erschien der Band „Trost der Langeweile. Die Entdeckung menschlicher Lebensformen in digitalen Welten“ (2014).