Jonas Opperskalski / laif

Ultraorthodoxe Juden und der Sex

von Ulrich Schmid / 11.06.2016

Streng orthodoxe Frauen geben einem fremden Mann nicht die Hand, Rabbi Natan verkauft Sex-Toys. Willkommen in der vielfältigen Welt des jüdischen Sex.

Wegsehen oder hinschauen? Nach einer sündigen Millisekunde senkt der Ultraorthodoxe in Jerusalem den Blick, wenn ihm eine fremde Frau entgegenkommt – um nicht in Versuchung zu geraten. Sex und Juden, das ist schwierig. Man bringt die bärtigen Männer in Schwarz nur schwer in Zusammenhang mit leiblicher Lust. Und dann kommt der junge Rabbi Natan Alexander daher, hält einen rosaroten Vibrator in die Höhe, schaut ihn genau an und erklärt freudig, wo es der Klitoris und wo dem G-Punkt gut tut.

Der koschere Dildo

Widersprüche sind nicht Unvereinbarkeiten. Hier feiern die hochgradig Säkularen von Tel Aviv ihre rauschenden Feste, da beten sich die bärtigen Haredi vor der Klagemauer mit Pendelbewegungen in Trance. Scheu zieht die ultraorthodoxe Frau die Hand zurück, wenn der ungeschlachte Schweizer die seine ausstreckt, barsch wird der Tourist in Mea Shearim, der Hochburg der Orthodoxen in Jerusalem, aufgefordert, sich angemessen „bescheiden“ zu kleiden – nicht so, wie es ihm, dem Besucher, passt, sondern so, wie es den Orthodoxen passt, weil sie nun einmal so sind. Und hier oben in Elazar, einer kleinen jüdischen Siedlung im Westjordanland südlich von Bethlehem, betreibt der knabenhafte, aber durch und durch orthodoxe Rabbi seine Website „Bebetter2gether“, die koschere Sex-Spielzeuge anbietet, und kümmert sich um die Ratsuchenden, die er durch seine zweite Website – „Inspiring Self Improvement and Relationship Empowerment“ – auf sich aufmerksam macht.

Rabbi Natan empfindet sich als Pionier und ist stolz darauf. Sex, sagt er, sei gut, und keine der großen Weltreligionen habe ein entspannteres Verhältnis zum Sex als der Judaismus. Eigentlich. Denn ja, „sie sind zum Teil schon ganz schön verklemmt, die Orthodoxen“. Ihr Verhältnis zum Körper ist schwierig. Frauen werden nicht angeschaut, sie werden nicht berührt, ihr eigenes Haar verschwindet unter der Perücke. Man studiert, man redet nicht über Sex. Doch all das, sagt Rabbi Natan, und fast wirkt er nun etwas esoterisch – all das habe mit der Zerstörung des Zweiten Tempels und mit der Vertreibung der Juden aus ihrer Heimat zu tun. Durch das fast 2000 Jahre währende Leben in der Diaspora sei den Juden die „Erdung“ verloren gegangen. Er, Natan, wolle sie ihnen zurückgeben. Er wolle diese unselige Aufspaltung in Ultraorthodoxe und säkulare Zionisten überwinden. Wie sein Vorbild, der große Rabbi Abraham Isaak Kook, sage er, dass „unsere Körper ebenso heilig sind wie unsere Seelen“. Und all dies falle ihm leicht, weil das Judentum den Sex liebe.

Ungehemmtes Wachstum

Regeln gibt es allerdings auch bei Rabbi Natan. Sex ist super, aber nur in der Ehe. Sex ist schön, aber er darf nicht vulgär sein, also sorgt Natan dafür, dass seine Spielzeuge koscher, sprich frei von Bildern nackter oder schmachtender Frauen sind. Vor allem aber: Sex ist das Vorrecht der Frau, nicht des Mannes. Der Mann hat dafür zu sorgen, dass seine Frau so viel Sex bekommt, wie sie wünscht, und zwar so, dass er ihr gefällt. So will es der Talmud. Der Mann darf sich nicht verweigern. Er darf nicht zu lange auf Reisen gehen, und er hat stets darauf zu achten, ob ihm die Gattin still signalisiert, dass sie Sex möchte. Sie soll nicht darum bitten müssen. Irgendwie ist das alles recht schlau – Rabbi Natan lacht, das findet er auch. Beispiel: Im Talmud wird dem Leser nahegelegt, dass ein Sohn zu erwarten sei, wenn beim Verkehr die Frau als Erste zum Orgasmus kommt. Kommt der Mann zuerst, ist eine Tochter fällig. „So nützt die Schrift den Wunsch des Mannes nach einem Sohn in einer Art aus, die der Frau zugutekommt.“ Und er, Rabbi Natan, nutzt aus, dass gut zehn Prozent der Israeli Ultraorthodoxe sind, dass es immer mehr werden und dass der Markt für Sex-Toys weltweit in den letzten Jahren gigantisch gewachsen ist. Für 22,8 Milliarden Dollar wurden 2014 Sex-Produkte eingekauft, bis 2020 sollen es jährlich weit über 33 Milliarden sein. Der Online-Anteil wächst stetig.

Hoch im zehnten Stock sitzt David Ribner in seiner Praxis und hat den sprichwörtlichen Überblick. Ribner ist Sex-Therapeut, unterrichtet an der Bar-Ilan-Universität und versucht den Ultraorthodoxen einen etwas entspannteren Umgang mit Sexualität beizubringen. Fast alle seine Klienten sind Orthodoxe, er arbeitet eng mit den Rabbinern zusammen, die ihre Gläubigen gerne zu ihm schicken, wenn sie feststellen, dass sie unglücklich sind: „Ich kenne ihre Denkweise, ich kenne ihre Metaphern.“ Es seien nicht die Sexprobleme an sich, die Ultraorthodoxe von Säkularen unterschieden, betont Ribner. „Erektionsstörungen, Orgasmusstörungen, vorzeitige Ejakulation, trockene Vagina – meinen Haredi geht es nicht anders als den Säkularen.“ Was anders ist, ganz anders, ist der Wissensstand. Ultraorthodoxe haben einfach oft keine Ahnung. Zwei flexible Holzpuppen liegen in Ribners Büchergestell: Mit ihnen erklärt er den Ahnungslosen, wie das geht mit der Lust, dem Anfassen und den Stellungen. In dem Buch „The Newlywed’s Guide to Physical Intimacy“, das er Ratsuchenden mitgibt, befindet sich ein Umschlag mit nüchternen Skizzen der Geschlechtsorgane und der Dinge, die man mit ihnen tun kann – versehen mit dem warnenden Hinweis, hier setze man sich „Explizitem“ aus.

Ribner hat größtes Verständnis für seine Ratsuchenden. Als Problemgruppe will er die Ultraorthodoxen keinesfalls sehen, dafür sind sie ihm viel zu menschlich, normal und lernfähig. „Aber sie haben enorme Herausforderungen zu bewältigen.“ Da lebten sie in einer Welt ohne Fernsehen, ohne Radio, ohne Bücher, ohne Filme. „Es gibt Regeln, Talmud und Thora, sonst nichts.“ Tritt das andere Geschlecht schließlich vor einen, egal, ob höchstselbst oder in Form verführerischer Reklame, ist man ratlos. Sex vor der Ehe geht nicht, Sex außerhalb der Ehe sowieso nicht, Homosexualität als Akt – nicht aber als Ausrichtung – ist strengstens verboten. Masturbation ist vor allem beim Mann abzulehnen (wegen der „vergeudeten“ Spermien), aber auch bei der Frau nicht wirklich okay.

So wachsen die Ultraorthodoxen auf – und dann heiraten sie und kommen von einem Tag auf den andern in eine Welt, in der Sex nicht nur toleriert wird, sondern etwas höchst Erfreuliches ist, eine Mitzwa, ein religiöses Gebot. Dieser Übergang bereitet vielen Mühe. Deshalb empfiehlt auch Ribner unglücklichen Frauen oft Vibratoren und referiert über Techniken der Masturbation. Er kennt Rabbi Natan und heißt dessen Initiativen ausdrücklich gut.

Wie Rabbi Natan unterstreicht auch Ribner, dass Sex im Judentum etwas grundsätzlich Positives sei. Der Talmud rede „offen und entspannt, oft sogar freudig“ über die Lust. Die zutiefst lustfeindliche Sexualmoral der katholischen Kirche, die über Jahrhunderte alles daransetzte, die Gläubigen im Zustand der Schuld (Erbsünde) und Angst (Hölle) zu halten: Sie fehlt im Judaismus völlig. Es gibt keine Erbsünde. Sex und Lust sind wunderbar und müssen durchaus nicht nur der Fortpflanzung dienen, sondern befeuern das Zusammengehörigkeitsgefühl des Paares. Sex ist Ausdruck von Lebensbejahung. Es gibt zwar den „bösen Trieb“, es gilt ihn zu bekämpfen. Aber mit den Sünden der Ahnen hat er nichts zu tun. Die Seele des Menschen ist ein „Funke Gottes“, und der entzündet ein Liebesfeuer, das Herz, Verstand und Körper erfasst. Dass viele Orthodoxe so „misstrauisch“ sind gegenüber allem Sexuellen, hat für Ribner zu einem guten Teil damit zu tun, dass die Juden im Laufe von 2.000 Jahren Diaspora stark vom Christentum und vom Islam beeinflusst wurden. „Doch heute wird Sex im Judentum ganz eindeutig wieder positiv konnotiert.“

Stimmt, wie jeder weiß, der einmal in Tel Aviv war. Tel Aviv ist cool, tolerant, verspielt und kunstsinnig. Was andere tun, ist egal, solange es nicht körperlich weh tut. Hier findet die grösste Gay-Pride-Parade statt, hier vermarktet sich Permissivität schon fast anstößig lustvoll. Aber ist Tel Aviv überhaupt noch eine jüdisch geprägte Stadt?

Die Härte Jerusalems

Jerusalem dagegen ist der Ort, an dem tendenziell die leben, die es für richtig halten, andere dazu zu zwingen, so zu leben wie sie. Auch die letzten am Sabbat noch offenen Geschäfte sollen schließen. Behäbig, in verhaltener Aggressivität spaziert der Ultraorthodoxe am Sabbat in seinem Quartier mitsamt Gattin, Anverwandten und der ganzen Kinderschar mitten auf der Straße – sie gehört ihm, er setzt die Regeln hier, und böse Blicke schickt man dem Säkularen oder dem Nichtjuden hinterher, der sich erfrecht, das Automobil zu benützen. Jerusalem ist die Stadt, in der letztes Jahr wieder ein Orthodoxer ein Messer zückte und sich auf die Teilnehmer einer Schwulenparade stürzte – derselbe Mann, der bereits 2005 zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, weil er an der gleichen Parade 2005 drei Menschen niedergestochen hatte. Und in Jerusalem sind auch all die Leute anzutreffen, die nicht so denken, aber sich den harten Regeln der Ultraorthodoxen unterwerfen.

Menschen dazu zu bringen, über ihre Sexprobleme zu sprechen, ist nirgendwo leicht. Aber in Israel gibt es alles, also gibt es auch die junge Geschäftsfrau Amaris und ihren Gatten, den Thora-Studenten Shmuel, die wir am Rande eines geräumigen Kinderspielplatzes in Modi’in treffen. Mit Shmuel kann der Korrespondent sprechen, Amaris sitzt abseits und betrachtet still verzückt die meist schwangeren Frauen mit ihren rollenden Laufgittern, an deren Stäben sich bis zu acht krummbeinige, wackelnde Kleinkinder festklammern.

Durch Lust zum Glück

Amaris kommt aus Marokko, und schön sind sie, die beiden, doch Fotos gibt es keine – weder die „Bescheidenheit“, die zu leben Orthodoxe gehalten sind, noch ihr Anstandsgefühl ließe so etwas zu. Allerdings sind sie glücklich, und Glück beflügelt das Mitteilungsbedürfnis. Shmuel sagt es mit geradezu sakralem Stolz: Amaris ist schwanger. Wie wichtig das in Israel ist, weiß jeder. Drei Jahre sind sie verheiratet, und nie hat es geklappt, vielleicht auch, wie Shmuel zugibt, weil sie viel zu wenig wussten „über diese Dinge“. Doch nun, nachdem sie einen Therapeuten aufgesucht haben, der sie hervorragend beraten und auf Rabbi Natans wundersame Website aufmerksam gemacht hat, „haben wir wieder Freude am Sex“. Shmuel sagt es mit der Miene wohliger Betretenheit.

Durch Lust zum Glück – es ist ein profund jüdischer Weg. Viele Israeli erinnern sich noch sehr gut an den Bestseller „Kosher Sex: A Recipe for Passion and Intimacy“, mit dem der amerikanische Rabbi Shmuley Boteach nicht nur die jüdische Gemeinde, sondern ganz Amerika und Juden weltweit in Wallung brachte. Boteach erhob die Lust zum „Höhepunkt der Heiligkeit“, und jenen, die dennoch glaubten, darin das Zusammenfließen zweier gleichberechtigter Prinzipien zu sehen, erteilte er eine Absage, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt: „Lust ist der Höhepunkt der Heiligkeit, und stellt man Liebe neben Lust, hat Liebe keine Chance.“ Er empörte damit vor allem die prüden Christenmenschen, die seit je dazu neigen, in der Lust um ihrer selbst willen Satanisches und in der Liebe Himmlisches zu sehen. Die Orthodoxen sind da gelassener. Ribner, der Sex-Therapeut, findet zwar keinen sonderlichen Gefallen an Boteach, er hält ihn wegen der „fehlenden Fachausbildung“ für „inhärent problematisch“. Rabbi Natan aber im luftigen Elazar sieht das entspannt. Boteach sei ein mutiger Mann, der der Welt klargemacht habe, wie viel die Thora zum Thema Sex zu sagen habe. Natürlich sei ihm, Natan, die Vereinigung von Liebe und Lust das Wichtigste, während Boteach etwas gar arg die Lust verehre. Doch der Rabbi aus Amerika habe mit vielen Mythen und Missverständnissen aufgeräumt. Und das sei schließlich genau das, was auch er, Natan, tue.