Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Umso schlimmer für die Tatsachen

Gastkommentar / von Peter Strasser / 07.02.2016

Draußen ist es noch stockdunkel. Mir träumte, ich hätte alles falsch verstanden. Ich mache Licht in meinem Arbeitszimmer. Habe ich alles falsch verstanden?

Ratlos gleitet mein Blick über den kleinen Schrank mit den vielen Büchern, die ich geschrieben habe. An einem Buch mit dem Titel Ratlosigkeit bleibt er hängen. Das Cover ziert ein Bild von Kasimir Malewitsch. Inmitten einer leeren Landschaft stehen, leicht gegeneinander geneigt, fünf unterschiedlich große Häuser. Sie erinnern – weiße Fassaden ohne Fenster und Türen, draufgesetzt jeweils ein schwarzes Dach – irgendwie an wacklige Zähne.

Der Klappentext zum Buch lautet: „Neu hingegen ist die Utopie der Ratlosigkeit. Wo es nichts mehr zu retten, nichts zu erobern gibt (höchstens die Eiswüsten des Mars), dort beginnt man innezuhalten. Man beginnt, dem Gemurmel aus der Tiefe der Zeiten nachzulauschen. Dem Bewusstsein des Verlusts mag Neues entspringen, weniger besitzergreifend, weniger fortschrittsbesessen, weniger ausgebrannt. So wird die Ratlosigkeit zum Seelentrost in der entseelten Welt.“

Habe ich alles falsch verstanden? In Sachsen, und nicht nur dort, soll Pogromstimmung gegen Flüchtlinge herrschen, Asylantenheime werden in Brand gesteckt. Da blicke ich mich um in der Stille meines Arbeitszimmers, ratlos. Ich höre Gemurmel aus der Tiefe der Zeiten. Hegel soll auf den Vorhalt, seine Philosophie stimme mit den Tatsachen nicht überein, geantwortet haben: „Umso schlimmer für die Tatsachen.“

Ach Hegel, du alter Seelentröster!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.