Und dann gibt es die, die in der Gruft landen

von Yvonne Widler / 09.02.2015

„Kommt ein Mann zum AMS, sagt sein Betreuer zu ihm: Bisher konnte ich Ihnen nichts vermitteln. Nun kann ich Ihnen gar nichts mehr vermitteln.“ Solche Witze reißt man beim Arbeitslosenverein „Zum alten Eisen.“ Galgenhumor ist besser als gar kein Humor, denkt man sich dort.

Der 59-jährige Wiener wirkt abgekämpft und müde. Leo hat 33 Jahre den gleichen Beruf ausgeübt, er war Außendienstmitarbeiter für einen Möbelhersteller. Hat sich über die Jahrzehnte hochgearbeitet, hatte zuletzt sogar Personalverantwortung über größere Gebiete Wiens und Umgebung. Dann hat das Unternehmen zugesperrt und sein Leben hat sich von einen Tag auf den anderen verändert. Dass er jemals in die Kategorie „unvermittelbare Arbeitskraft“ fallen würde, macht ihn heute noch fassungslos. Doch er hat sich damit abgefunden. Auch seine Frau und die zwei Söhne haben sich an das Leben mit einem joblosen und frustrierten Mann und Papa gewöhnt. Und damit sind sie nicht allein.

Es sind Geschichten, wie man sie oft hört oder liest – oder beim Durchzappen in einem sogenannten Sozialporno oder einer Talkshow aufschnappt. Wolfi, der Anfang 2014 arbeitslos wurde, wird bald in den Notstand abrutschen und ist verzweifelt. Friedrich war Fotograf und ist seit langem erfolglos auf Jobsuche. Paul war selbstständig. Er konnte niemanden mehr beschäftigen, die Abgaben waren zu hoch. „Es ist hier in Österreich so schwierig, etwas zu gründen, das ist in anderen Ländern viel einfacher“, findet er.

Dietmar, Paul, Wolfi und Georg. Die vier Männer der Altersgruppe 50+ treffen sich jeden Donnerstag gegen 17 Uhr im Raucherzimmer vom Gasthaus Dormann im fünften Wiener Gemeindebezirk. Was sie gemeinsam haben: Sie sind arbeitslos, alt, und fühlen sich ausgegrenzt. Außerdem sind sie alle Mitglieder des Vereins „Zum alten Eisen“, dem viele Langzeit- und ältere Arbeitslose angehören. Paul, der heute im lässigen Holzfällerhemd gekommen ist, kümmert sich nun um die Produktion der Vereinszeitung.

Paul Felder (links) und Dietmar Köhler (rechts).

Besuch von der Frau Doktor

Insgesamt sieben arbeitslose, nein, erwerbslose Männer sitzen heute verteilt in dem kleinen, stark verrauchten Raum. Es ist ein ganz besonderer Donnerstagabend, denn weiblicher Besuch hat sich angekündigt. „Eine Frau Doktor!“, freut sich Dietmar und blickt schon nervös auf die Uhr. Magdalena Holztrattner, die hübsche, groß gewachsene Salzburgerin ist Ende dreißig und lebt seit zwei Jahren in Wien. Zu kurz, um schon Distanzen einschätzen zu können, wie sie selbst findet. Sie verspätet sich um eine gute halbe Stunde. „Ich wollte eigentlich früher da sein, damit ich noch spazieren gehen kann“, sagt sie mit keuchendem Atem und starkem Dialekt, er erinnert an den einer Ski-Lehrerin. Sie blickt in verdutzte Gesichter. Die Theologin ist Leiterin der Katholischen Sozialakademie (ksoe) und hat sich aktiv an die Männer gewandt, um sich über deren Befindlichkeiten und die Lage in Österreich zu informieren. Zuerst erzählt sie aber von ihren Forschungen in Lateinamerika zum Thema Armut und ihren Schwierigkeiten, selbst einen Job zu finden. Paul nimmt einen Schluck vom kalten Starobrno, das der Kellner gerade gebracht hat. Die anderen ziehen nach. „Prost!“

104.000 alte Menschen ohne Arbeit

Zum Diskutieren gibt es bei diesen Treffen immer etwas. Aktuell wurde beispielsweise die Zahl der beim AMS als arbeitslos vorgemerkten Personen für Jänner 2015 veröffentlicht. In Wien ist sie im Jahresvergleich insgesamt um 19,1 Prozent auf 128.977 gestiegen. Bei den über 50-Jährigen um 19,3 Prozent. Österreichweit waren es im Jänner 104.000 Menschen, die über 50 Jahre alt sind und keinen Job haben. „Es gibt so viele Leute, die arbeiten wollen, aber die können wir nie im Leben alle beschäftigen“, sagt Ernst Haider vom AMS. Ein Blick auf die aktuellen Ausschreibungen zeigt: Derzeit bietet das Arbeitsmarktservice 23.000 Stellen an. Für alle. Für ganz Österreich. „Da sehen Sie schon die Relation. Es gibt einfach zu wenig Arbeit“, so Haider.

Nachdem alle das Bierglas wieder abgestellt haben, Holztrattner angekommen ist und selbst ihren Radler genießt, beginnt Dietmar zu erzählen. „Das AMS schickt die Älteren oft zu uns, denn sie haben ein Redebedürfnis, wir sind wie eine Art Selbsthilfegruppe“, sagt der weißhaarige Vereinsobmann. „Viele glauben, sie sind selbst schuld an der Arbeitslosigkeit. Dann rutschen sie in Depressionen, beginnen zu trinken.“ Dabei seien es Umstrukturierungen, Konkurse oder Einsparungen, die zu Altersarbeitslosigkeit führen.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Hier treffen nämlich einige Variablen aufeinander. Auf der einen Seite gibt es eine immer größer werdende Zahl an älteren Beschäftigten. Damit steigt aber auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese arbeitslos werden. Einerseits sind ältere Menschen ein nennenswerter Kostenfaktor für Betriebe, trotzdem sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie zuerst gekündigt werden oder auch generell gekündigt werden, tatsächlich geringer als bei Jüngeren. Haider vom AMS:

Es ist sicher nicht so, dass die Unternehmen liebend gerne die Alten kündigen.

Einige würden das tun, aber nicht nennenswert viele. Die Dynamik der Jobwechsel spiele sich hauptsächlich bei jungen Arbeitnehmern ab. Das Problem bei den Älteren: Sind sie einmal aus dem System gefallen, kommen sie nicht mehr rein. Der Bestand an älteren Arbeitslosen verfestigt sich. „Wir müssen die Betriebe mit starker Überzeugungsarbeit dazu bewegen, ältere Menschen einzustellen“, so Haider. Die Auswirkungen der Pensionsreform tun ihr Übriges. Ältere sind in der Regel eher gesundheitlich beeinträchtigt. Arm und Arbeitslos hängt oft zusammen. „Früher war das einfacher, ab einem Alter von 58 konnten Männer um Invaliditätspensionen ansuchen. Dem ist ja jetzt ein Riegel vorgeschoben worden. Auch die Anhebung des Pensionantrittsalters spielt hier mit.“

„Trauen Sie sich das wirklich noch zu?“

Ältere Arbeitslose waren immer schon eine Zielgruppe des AMS. Das neueste Paket: 150 Millionen im Jahr wendet das Sozialministerium an finanziellen MittelnDas Ganze nennt sich Beschäftigungsinitiative 50+. Insgesamt stehen 370 Millionen Euro bis 2016 zusätzlich zur Verfügung, um Menschen über 50 beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt zu unterstützen.  auf, um Personen über 50 Jahre wieder zu integrieren. So werden Anreize für Betriebe geschaffen, ältere Menschen einzustellen, indem sie einen Teil der Lohnkosten gefördert bekommen. Dieses Maßnahmen-Package läuft seit dem Frühjahr 2014. Nach Angaben des AMS zeigt dies auch Erfolge, im Konkreten heißt das: Aktuell sind 23.600 Personen über dieses Programm in Beschäftigung.

Wolfi macht ein Fenster auf, selbst er, der den Raum und den Rauch gewohnt ist, hält es nicht mehr aus. Inzwischen berichtet Obmann Dietmar fachkundig und eloquent von Gesetzestexten, finanziellen Hürden und dass es sich einfach nicht ausgehen kann. Er raucht viel, alleine in dieser Stunde waren es fünf Zigaretten. Die erste gelbe Smart-Packung ist leer, er zerknüllt sie und zieht eine neue aus der Jackentasche hervor. „Zu Beginn ist man nicht unglücklich über die Arbeitslosigkeit, dann aber, nach einer Zeit, beginnt das seelische Leiden. Ich habe mich unzählige Male beworben und immer gesagt bekommen, dass ich überqualifiziert oder zu alt bin.“

„Trauen Sie sich das wirklich noch zu?“ – diese Frage, die übersetzt heißt „Sie sind zu alt“ haben Dietmar und seine Freunde zur Genüge gehört. Sehr oft werden die Männer mit dem Vorwurf konfrontiert, dass sie nicht fleißig genug nach Arbeit suchen würden, denn wer wirklich arbeiten will, der findet auch etwas. „So gerne sagen sie Sozialschmarotzer zu uns, sie alle“, ärgert sich Paul. Doch das stimme nicht, sie hätten einfach keine faire Chance auf Arbeit. Frust und Enttäuschung bringen nach diesen Worten den Redefluss kurz zum Erliegen. „Sie alle Sozialschmarotzer zu nennen, ist unreflektiert. Natürlich gibt es Einzelfälle. Aber blöderweise kennt angeblich immer jemand einen Einzelfall und schließt auf alle. Wenn jemand ganz bewusst eine Arbeit nicht annimmt, wird er von uns gesperrt. Aber das geschieht sehr selten“, so Haider.

Dietmar Köhler, Magdalena Holztrattner und Georg Hönig im Gespräch.

Die Männer im Gasthaus Dormann freuen sich jedenfalls über das Interesse von Frau Holztrattner, überschlagen sich fast bei ihren lebendig erzählten Anekdoten aus ihrem erwerbslosen Leben, wetteifern um die Aufmerksamkeit der Besucherin. Holztrattner hört sich das alles an, möchte aber spürbar gerne bei ihren geplanten Fragen bleiben. Dietmar beispielsweise ist gerade äußerst vertieft in die Geschichte über ein vermeintlich geheimes Dokument des AMS, zu dem er Zugang hatte, als die Theologin ihn freundlich unterbricht. „Wie sind hier die Bedingungen für Arbeitslose? Ist es eine gute Arbeitslosigkeit in Österreich? Können Sie Ihre Fähigkeiten und Kreativität trotzdem ausleben? Was heißt soziale Gerechtigkeit hier? Welche Chancen und Schwierigkeiten erleben Sie in Ihrem Lebensstatus? Auf all diese Fragen folgt ein ehrliches: „Vielleicht bin ich auch unfähig, die richtige Sprache mit Ihnen zu sprechen.“ Es scheiterte wohl weniger an der Sprache als am Inhalt. Doch die Anfangsschwierigkeiten sollten sich bald legen.

Ja, das hat es gegeben

„In manchen Kursen sitzen Hilfsarbeiter und Prokuristen zusammen. Teilnehmer im Alter zwischen 27 und 57 nebeneinander, das kann doch nicht funktionieren“, sagt Dietmar. Es werde nicht berücksichtigt, welche Schulungen man schon besucht hat. „Einer von uns war schon siebenmal im gleichen Kurs, bloß wurde der immer anders betitelt und war von unterschiedlichen Anbietern.“ Ja, das hat es gegeben, das gibt das AMS auch ganz offen zu. „Das wurde aber abgestellt. Das kommt unter Garantie nicht mehr vor“, so Haider. Als Beweis nennt er die Schulungszahlen von älteren AMS-Kunden. Demnach seien es immer weniger, im Jänner 2015 waren es 6.000, also um 3.000 Personen weniger als im Jänner 2014.

Heute ist etwas anders: Eine Frau, die sich für ihre Geschichten interessiert, ist da. Holztrattner hält an ihrem Fragenkonstrukt weiter fest. „Was hat die Arbeitslosigkeit nun für konkrete Konsequenzen im Leben? Soziale Anerkennung ist wahrscheinlich ein Thema, nehme ich an?“ Sie hat noch nicht einmal fertiggesprochen, da schießt es aus Georg heraus. „Die AMS-Betreuer sind nicht sehr nett zu uns, also der Großteil. Ich weiß, dass sie nicht schuld sind, sie sind auch im Stress und müssen ihre Beratungsquote erfüllen.“ Man könne einem 59-Jährigen schließlich schwer die Wahrheit ins Gesicht sagen. Sie müssten ihre Bemühungspflicht dokumentieren oder die Betroffenen in Kurse stecken und das war es dann. „Völlig sinnloses Unterfangen, wenn Sie mich fragen.“ Die Aufgabe eines AMS-Betreuers ist es, für die Existenzsicherung des Kunden zu sorgen. Wenn ein älterer Mensch aus dem Erwerbsleben scheidet, beispielsweise durch Insolvenz, muss der Betreuer umgehend versuchen, wieder einen Job zu finden. So zumindest der Auftrag. „Die Chance der Reintegration ist da am höchsten. Die Betreuer haben also die Pflicht, sofort zu vermitteln“, sagt Haider. Ein zweiter Weg ist der über Arbeitsstiftungen, die manchmal eingerichtet werden. In den USA beispielsweise lassen sich 50-Jährige über solche Stiftungen noch zum Kindergärtner oder Pfleger umschulen, sie erlernen in diesem Alter noch einen neuen Beruf. Für Haider auch hierzulande denkbar.

Ganz ehrlich, 50-Jährige müssen bei uns noch 15 Jahre arbeiten, da ist es schon sinnvoll, einen neuen Beruf zu erlernen.

Holztrattner macht sich Notizen und setzt zur nächsten Frage an. „Welche sind stärkende Momente, was hilft einem?“ Und dann erzählt Dietmar diese eine Geschichte, die es nur einmal gab. Die Geschichte, bei der er leuchtende Augen bekommt, wenn er sie erzählt. Die Geschichte, wo alle ganz ruhig im Raum werden, weil sie sie so gerne hören. Sie geht so: „Es gab bei uns im Verein einen Mann, dem hat das AMS einen SAP-Kurs ermöglicht. Er hat noch während dem Kurs einen Job bekommen.“ Die andere Geschichte, die er viel öfter erzählt, geht so: „Und dann gibt es diejenigen von uns, die in der GruftBetreuungszentrum für Obdachlose in Wien landen, da habe ich schon viele erlebt. Am Schluss haben sie alles verloren, mit der Delogierung ist alles vorbei.“

Paul und Georg vor der Arbeitslosigkeit
Credits: VzAE

Der Verein „Zum alten Eisen“ fordert eine gerechte Verteilung der vorhandenen Arbeit, die Ächtung diskriminierender Aussagen wie Sozialschmarotzer, die Aufhebung diskriminierender Bestimmungen wie Universitätsbesuche oder etwa eine jährliche Inflationsanpassung von Arbeitslosengeld und Notstandshilfe. Das jetzige System sei ungerecht und würde den Hass zwischen Arm und Reich noch mehr schüren. „Es wird vielleicht irgendeinen Reichen geben, der fünf Monate im Jahr am Strand herumliegt und sonst nicht viel macht. Aber so sind sicher nicht alle, ich bin auf niemanden neidisch, aber ich will faire Chancen. Auch dem Rolls-Royce-Fahrer stehen dieselben Sozialleistungen wie mir zu“, sagt Dietmar.

Zum Thema Arbeitslosigkeit haben viele etwas zu sagen. Auch Dietmar, Paul, Wolfi und Georg beispielsweiseIch verwende hier nur Vornamen, weil mir das auch vor Ort angeboten wurde..

Und Leo, der gerade wieder mit seiner Frau und den Kindern am Küchentisch sitzt und die Stellenanzeigen durchforstet, wird beim nächsten Treffen des Vereins vielleicht dabei sein. Seine AMS-Betreuerin hat ihm nämlich davon erzählt.

Hier noch der Spot zur Initiative des Sozialministeriums: