Morgengrauen

Und das war das

Gastkommentar / von Peter Strasser / 30.06.2016

Dringende Morgenangelegenheiten sind zu erledigen. Beim Frühstückstisch sagt meine Frau mit einem Blick nach draußen: „Die Kirschen fallen schon von den Bäumen. Wie rasch die Zeit vergeht!“ Ich wende ein, dass es um diese Zeit vor unserem noch nachtdunklen Fenster nichts zu sehen gibt. Meine Frau erwidert, dass dies weder die Kirschen daran hindere, von den Bäumen zu fallen, noch die Zeit daran zu vergehen, und zwar rasch. Und wieder wirft sie, wie um mich zu widerlegen, einen Blick aus dem Fenster, worin sich der Lichtschein unserer Frühstücksecke spiegelt.

Und weil ich morgens dazu neige, außer einem trägen Kopf, in dem es graut, auch Einsichten zu haben, glaube ich plötzlich, den Blick meiner Frau zu verstehen. Wir sehen kaum etwas, sind fast blind. Wir sehen in einem dunklen Spiegel rätselhafte Zeichen. Wir deuten die Zeichen, deuten auf sie hin, mit Blicken und Worten, Gesten und Werken. Und so, indem wir der Welt bestätigen, dass sie ist, wird sie.

Keine Ahnung, wie sich meine Einsicht auf das Herabfallen von Kirschen anwenden lässt, trotzdem erkläre ich’s meiner Frau, dozierend, nach einem kräftigen Biss in mein mit Butter und Marmelade köstlich bestrichenes Frühstücksbrötchen. Worauf meine Frau erwidert: „Aber die Zeit vergeht, ob du gescheit daherredest oder nicht.“ Und ein Blick aus dem bereits aufhellenden Fenster zeigt: kaum Kirschen an den Bäumen! „Und das war das“, wie ein berühmter Zen-Meister zu lehren pflegte, bevor er seinen Schülern mit dem Stock auf den Kopf schlug.


Peter Strasser
 ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: 
„Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).