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Arbeitsmarkt

Und es gibt sie doch: Die Obergrenze der Menschlichkeit

von Lukas Sustala / 01.02.2016

Es gibt keine Obergrenze für Menschlichkeit.

Ein Satz, der in der aktuellen Debatte um die real existierende Obergrenze im österreichischen Umgang mit der Flüchtlingskrise immer wieder gebracht wird. Von Nichtregierungsorganisationen, Aktivisten oder auch Politikern. Humanität kennt keine Grenzen, fordern jene wohl zu Recht, die die Willkommenskultur nicht für ein Alleinstellungsmerkmal der Wiener Kaffeehäuser halten wollen.

Doch stimmt dieser Satz tatsächlich? Kennt die Menschlichkeit keine Obergrenze?

Die vergangenen Monate müssen jeden skeptisch stimmen, der sich moralisch im Recht und seine Mitbürger in der Pflicht sieht. Denn spätestens nach den Diskussionen um die Kosten der Flüchtlingsunterbringung, die schiere Anzahl der Durchreisenden und die Vorkommnisse in Köln ist die Stimmung äußerst negativ. Was vor Wochen noch als zutiefst „rechts“ vom politischen Mainstream betitelt worden wäre, etwa ein Text über die kulturell verankerte Frauenverachtung in muslimischen Ländern, wird längst thematisiert, selbst in tendenziell linken Medien wie dem Falter.

Konkret versus abstrakt

Menschlichkeit ist nicht abstrakt, sie ist immer konkret, heißt es denn auch bei vielen Kommentatoren. Menschlichkeit ist konkret relativ einfach. Menschen sind evolutionär mit einem Grundmaß an Empathie ausgestattet. Sie fühlen mit, sie leiden mit, sie freuen sich mit. Doch die Empathie fällt leichter für besonders nahe Menschen. Je konkreter ein Leid nachvollzogen werden kann, desto eher fühlt man eben mit.

Je weiter weg Leid passiert, desto weniger kann man sich auf die „natürliche Menschlichkeit“ verlassen. Gerade dann, wenn es um abstrakte, entfernte Probleme geht, stößt der Appell an die Menschlichkeit oft an seine Grenzen.

Ende der Willkommenskultur

Aktuell aber zeigt sich trotz der kriegerischen Situation in Syrien und der Krise in den Flüchtlingslagern des Libanon, der Türkei oder Jordanien, dass die uneingeschränkte Willkommenskultur sichtbar am Ende ist. Die Menschlichkeit hat in gewisser Weise eine Obergrenze erreicht.

Tatsächlich muss man wohl akzeptieren, dass die Menschlichkeit in Form von Solidarität und Unterstützung von Schwächeren eben gewisse Grenzen kennt. Sie können kultureller Natur sein, also von Land zu Land unterschiedlich, wie etwa der „World Value Survey“ immer wieder vor Augen führt. Diese Umfrage zeigt unterschiedliche Wertvorstellungen auf, vom Vertrauen in die Mitmenschen bis zu den persönlichen Zielen.

Auch das Eurobarometer erfasst für die europäischen Länder die zentralen Werte. Der Respekt für das menschliche Leben und die Menschenrechte werden dabei noch sehr hoch gehalten. Allerdings sieht es bei der Solidarität dann schon anders aus. So erklärt sich, dass die Flucht aus Angst um Leib und Leben und die „Wirtschaftsmigration“ politisch derart scharf getrennt werden.

Dabei hängen die Wertstrukturen auch mit den jeweiligen Formen der Sozialstaaten zusammen. Ein besonders interventionistisches, intransparentes System kann zu einem erhöhten Misstrauen in andere Menschen beitragen, wie ein einflussreiches ökonomisches Forschungspapier gezeigt hat.

Das Argument der Ökonomen ist relativ einfach: Wo Vertrauen zwischen den Menschen fehlt, interveniert der Staat und sorgt für Klarheit. Gleichzeitig aber verhindern staatliche Interventionen vielfach auch, dass sich das Vertrauen zwischen den Menschen überhaupt erst aufbauen kann. Der Sozialstaat an sich könnte damit nicht wirklich zu dem Kitt namens Solidarität beitragen, der in Phasen von Krisen wichtig wäre.

Magnet „soziale Hängematte“

Die Argumentation der sozialen Hängematte als Magnet für Flüchtende geht genau in diese misstrauende Richtung. So müssen sich auch Forderungen wie zuletzt in der FAZ lesen lassen: „Es ist besser, eine Mauer um den Wohlfahrtsstaat zu bauen als um das ganze Land.

In den USA sind es weitgehend andere Warnungen wegen der Migration als in Österreich oder Deutschland. Hierzulande wird vor der Ausnutzung des Wohlfahrtsstaates gewarnt, in den USA hingegen die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt beklagt. Deswegen kann Präsidentschaftskandidat Donald Trump eben auf eine andere Art gegen Migranten wettern und seine eher schlecht ausgebildeten, eher schlecht verdienenden Wähler applaudieren ihm dafür zu. Wobei die USA eine andere Einstellung zu Migration hatten, weil dort „nur“ das Recht, hart zu arbeiten, mit der Zuwanderung verbunden war, und in deutlich geringerem Maß auch das „Anrecht“ auf soziale Wohlfahrt.

Es geht um Arbeit

Um die Obergrenze für Menschlichkeit so hoch wie möglich ansetzen zu können, braucht es viel Arbeit – und zwar im doppelten Sinn. Die Absorptionskräfte einer Gesellschaft hängen zuallererst am Arbeitsmarkt, zumal in Österreich das Sozial- und Steuerwesen rundherum gebaut wurden. Doch weil in Ländern außerhalb des real existierenden Sozialismus nur dann Jobs entstehen, wenn Unternehmen sie schaffen, kann die Politik hier nur auf den ersten Blick den Hebel umlegen, wie sie das aktuell etwa mit einem Wohnbaupaket versucht. Wirklich wirksam wären hier nur langfristige Reformen, die die Rahmenbedingungen für das Wirtschaften in diesem Land verbessern.

Aber die Stimmung wird noch länger angespannt bleiben, weil der Arbeitsmarkt angespannt ist. Mit 500.000 Arbeitslosen in Österreich ist eine gesellschaftliche Akzeptanzobergrenze für staatlich verordnete Solidarität wohl niedriger als bei 200.000.

Menschlichkeit außerhalb des Sozialstaats

Wer keine Obergrenze der Menschlichkeit will, muss dafür kämpfen. Er muss mit denen reden, die sich selbst ohnmächtig und vielleicht auch entmenschlicht fühlen. Und ja, das mag vielleicht nicht der „schönere Menschenschlag“ sein, aber eben jene besorgten Menschen, die sich selbst als Verlierer von Globalisierung, Digitalisierung und Co. sehen, weil sie spätestens im Bildungssystem verloren gegangen sind, und ganz klar auf mittlere Sicht Wohlfahrtsverluste auf sich zukommen sehen. Menschlichkeit von jemandem einzufordern, der sich selbst ohnmächtig fühlt, ist gar nicht so einfach.

Zumal die Solidarität in Österreich nicht bedingungslos ist. Nur wer einer gut organisierten Gruppe angehört, kann mit ihrer Solidarität rechnen. Das wissen „prekär“ Beschäftigte und Ein-Personen-Unternehmen in diesem Land schon länger. Ohne Kammer keine Lobby. Der Korporatismus in Österreich, diese sozialpartnerschaftliche Kartellierung entlang der Linien von Arbeiter-, Wirtschafts- und Landwirtschaftskammer, mag in Zeiten des allgemeinen Aufschwungs eine besonders gute Verteilungsmaschinerie sein. Aber in dem Moment, in dem auch der heimische Sozialstaat an Wohlfahrtsgrenzen stößt, sorgt die verkrustete Struktur für fehlende Flexibilität.

Und so ist die „Obergrenze“ für Menschlichkeit in diesem Land wohl aktuell schwerer zu überwinden, als sie sein könnte, wenn es mehr positive Stimmung und Wirtschaftsdaten gebe.

Und sie könnte wohl auch leichter überwunden werden, wenn die Appelle an die Menschlichkeit von Taten begleitet werden. Wer konkrete Menschlichkeit einfordert, aber sie bei sozialen Problemen in Österreich gerne zu hundert Prozent an staatliche Strukturen delegiert, verharrt selbst nur in der Theorie.