Urs Odermatt, Windisch / © Pro Litteris

Und ewig lockt der Untergang

von Roman Bucheli / 18.06.2016

Nostalgische Wehmut und apokalyptische Wollust sind mächtige Verbündete in der Vernichtung der Zeit.

Ein halbes Leben lang hat der Polizist Arnold Odermatt fotografiert. Wurde er zu einem Verkehrsunfall gerufen, nahm er seine Kamera mit und hielt mit ihr fürs Protokoll fest, was er vorfand: schroff ineinander verkeilte Wagen, von der Strasse in den Graben gestürzte Fahrzeuge, umgekippte Laster, um Laternen gefaltete Karosserien, an Geländern hängende und über Abgründen schwebende Automobile. Arnold Odermatt war längst im Ruhestand und sein stilles Lebenswerk schon fast vergessen, als sich seine Fotografien plötzlich in Kunst verwandelten.

Nicht als Phänomenologe des Missgeschicks und auch nicht als Diagnostiker des mobilisierten Zeitalters wurde der Polizist zum Künstler. Odermatts präzise Bilder erzählen nichts über die Menschen, die bei den Unfällen zu Schaden kamen oder die Karambolagen verursacht hatten. Die knochentrockene Nüchternheit dieser Bildsprache schuf eine Poesie, die sich erst außerhalb des ursprünglichen Zusammenhangs artikulierte und gedeutet werden konnte.

Verdoppelter Schock

Heute lesen wir die Bilder ganz anders als damals Odermatts Kollegen der forensischen Spurensicherung. Sie erzählen uns eine neue Geschichte, die vor allem anderen uns selber betrifft. Diese Aktualität gewinnen sie gerade aus dem zeitlichen Abstand zwischen dem Augenblick des Entstehens und dem Moment des Betrachtens. Daraus ergibt sich ein doppelter Stillstand: hier die abrupt zum Halten gebrachten Fahrzeuge, da die eingefrorene nahe Vergangenheit. Dem heutigen Betrachter, dessen Stillstand wiederum rast, resultiert daraus die Empfindung eines Verlusts.

Der in den Fotografien fixierte Schock hat sich darum in einen neuen Moment des Erschreckens übersetzt. Nicht Automobile, aber Gegenwart und Vergangenheit prallen nun blitzartig aufeinander. In diesem Zusammenstoß werden Empfindungen und Gedanken freigesetzt, die ihrerseits der Deutung bedürfen.

Die Welt in Odermatts Bildern ist in Unordnung geraten. Doch selbst im wüsten Störfall bewahrt sie noch ihre beruhigende, fast idyllische Übersichtlichkeit. Das verbindet diese Fotografien mit vielen Aufnahmen aus den fünfziger und sechziger Jahren: Sie erzählen von einer Zeit, da die Menschen noch (oder vielleicht: wieder) glauben mochten, es sei eine Ära der Beständigkeit und der zuverlässigen Konstanz angebrochen. Nichts würde sich für die Dauer der Lebenszeit so sehr ändern, dass es nicht wiedererkennbar bliebe. Gerade Straßenszenen aus diesen Jahren suggerieren eine heute unvorstellbar gewordene Langsamkeit – gar Lautlosigkeit – der Motorisierung. Wo auf den Bildern Menschen im gemessenen Gang unterwegs oder in Gruppen ins Gespräch vertieft sind, vermuten wir bereitwillig eine Daseinsfülle, die zu den halbleeren Strassen und Wegen in schönstem Kontrast steht.

Solche Vergegenwärtigungen einer verlorenen Zeit schieben den Wunsch nach Übersichtlichkeit kräftig an. Wo dem modernen Menschen in der beschleunigten Jetztzeit die Daseinsvertrautheit und -gewissheit fehlt, bieten sich die Bilder einer scheinbar geordneten Welt für die fabelhaftesten Projektionen an. Die Phantasie verwandelt die Vergangenheit nur zu gerne in ein nostalgisches Theater und präsentiert der Gegenwart als imaginäres Widerlager eine Epoche der fraglosen Dauer: die eingebildete Erinnerung an nie Erlebtes.

Indessen entziffern wir in Odermatts Stillleben mit Blechschaden noch eine weitere Nuance, die der Vergangenheitsseligkeit nur dem Schein nach entgegengesetzt ist: Die Unfallszenarien halten die Apokalypse im kleinen Maßstab fest. Die Bilder nehmen alle heutigen wie vor allem auch die noch befürchteten ausstehenden Verheerungen vorweg, gewissermaßen im Spitzweg-Format. Der Störfall auf den Strassen der fünfziger Jahre gibt einen adretten Vorschein aller kommenden Betriebsstörungen, mit denen die Moderne rechnet.

Die Nostalgie zeigt sich hier als die kleine Schwester der Apokalypse. Beide löschen sie die Gegenwart aus. Vielleicht nur dem Nostalgiker und nur dem Apokalyptiker kann verborgen bleiben, dass sie beide rücklings aneinandergekettet sind. Die Wehmut verbündet sich mit der Untergangslust: Ordnung und Übersicht verschaffen sich beide, hier die Tabula rasa, dort der geordnete Raum als Abbild des Gartens Eden. Und den Stillstand führen beide auf je eigene Weise herbei.

Abkürzung der Unendlichkeit

Dieses seltsame Geschwisterpaar findet sich in noch einmal anderer Gestalt auch in der Sehnsucht nach authentischen Naturerfahrungen. Nie wähnte sich der Mensch und wähnen wir uns noch heute der Natur näher und meinen, sie unverstellter wahrzunehmen, wie wenn wir uns im Glauben gefallen, als Erste einen Boden zu betreten und nicht in den Spuren anderer zu gehen. Wir sehen uns dann – und das macht den Reiz erst aus – in der Rolle zugleich der Ersten und der Letzten. In diesem Moment schrumpfen die Welt und ihre Geschichte nicht nur aufs menschliche Maß, sondern auf das eigene. Anfang und Ende berühren sich in einem Punkt, im Ich.

Alle heilsgeschichtlich geschürten Vorstellungen einer kommenden Ära der Erlösung und des Friedens sowie der Rückkehr zu Gott und in den Garten Eden haben die Menschen immer schon in den Zwiespalt gebracht, erwarten zu müssen, was sie mit Gewissheit nicht erleben werden. Und immer schon hat dieser unüberbrückbare Abstand für Kränkung gesorgt und in Versuchung geführt, die Heraufkunft des Erlösers und damit das Weltende zu beschleunigen. Die Frist des Wartens soll abgekürzt werden. Wir erkennen Reste solcher metaphysischen Heimsuchung in unseren nostalgischen Anwandlungen und in den nie nachlassenden Hoffnungen auf bessere Tage oder ein besseres Leben. Die Stecke bis dahin möge doch bitte überschaubar werden.

Eindringlicher als mit Kleist haben Dichtung und Leben selten sowohl die Unmöglichkeit wie den Wunsch, diese Frist aufzuheben, ins Bild gesetzt. In seinem Aufsatz „Über das Marionettentheater“ lässt Kleist einen Tänzer über den Verlust der Grazie sprechen und darüber, welches Unheil das Bewusstsein anrichtet, seit der erste Mensch vom Baum der Erkenntnis gegessen habe. Der Weg zurück zur Grazie – und in den Stand der einstigen vorbewussten Gnade – sei indes verwehrt. „Das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns.“ Sinnlos also sei die Wehmut nach dem Vergangenen und Verlorenen. „Wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es [das Paradies] vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.“

Das ist der Weg, den jede heilsgeschichtliche Lehre weist – abzüglich des endzeitlichen Heilsversprechens. Denn was den Menschen am anderen Ende der Welt erwartet, ob das Paradies, die verlorene Unschuld oder nicht vielmehr nichts: Kleist lässt es offen. Unzweideutig bleibt er nur darin: An dem Weg um die Welt führt nichts vorbei. Abkürzungen sind nicht vorgesehen.

Im Dezember 1810 ist Kleists Aufsatz in dessen „Berliner Abendblättern“ erschienen. Kein Jahr sollte es da noch dauern, bis sich Kleist – im gemeinschaftlichen Selbstmord mit Henriette Vogel – eine Kugel durch den Kopf schoss. Die Gnade der Grazie glaubte er nur noch in einem Tod zu finden, den er peinlich genau inszeniert hatte. Die Kraft für den Gang durch die Unendlichkeit brachte er nicht mehr auf.

Nicht erst heute – aber heute vielleicht wie nie zuvor – sehen wir am Horizont solcher Gedanken über die Wiedererlangung verlorener Unschuld eine Götzendämmerung des Schreckens. Darin verschmelzen die zerstörerischen Energien nostalgischer Sehnsucht und apokalyptischer Vision. Denn die Heilserwartung pervertiert zum Terror, wo die Heraufkunft der entschwundenen, aber besseren Welt mit Gewalt herbeigezwungen und die Frist bis dahin vernichtet wird.

Das Zerrbild dieses wahnhaften Verlangens nach dem verschlossenen Paradies tritt uns in Gestalt fundamentalistischer Attentäter vor Augen. Abgefallen von Gott sei die Welt und der Sünde verfallen. Darum wollen sie diese in den Untergang bomben und sich selbst in die himmlische Ewigkeit. Die Welt soll nicht mehr sein, wenn sie anders – unvollkommen und in Schande, wie sie glauben – nicht sein kann. Verheerender als in solchen Schreckensfiguren gingen Nostalgie und Apokalypse nie Hand in Hand.