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Klimagipfel

Und jetzt alle

von Reto Knutti / 30.11.2015

Auf dem heute in Paris beginnenden Weltklimagipfel soll das Kyoto-Protokoll durch einen neuen Vertrag abgelöst werden, in dem auch die Entwicklungsländer und nicht nur die Industriestaaten Verpflichtungen eingehen würden. Der Klimaforscher Reto Knutti Reto Knutti ist Klimaforscher und Delegierter für Nachhaltigkeit an der ETH Zürich. über eine Konferenz, die den Pfad für die Zukunft festlegen könnte.

Die internationalen UNO-Klimaverhandlungen sind ein jährliches Ritual, und die frühere Euphorie ist längst einem nüchternen Sinn für das politisch Machbare gewichen. Doch für die am Montag in Paris beginnende Weltklimakonferenz (COP21) sind die Erwartungen wieder höher als bei früheren Treffen: Der politische Wille, das Klimaproblem anzupacken, sei vorhanden. Auf Paris würden wir in Zukunft als Wendepunkt für eine bessere Zukunft zurückblicken, schreibt Christina Figueres, Generalsekretärin der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC). Das tönt ambitioniert, und tatsächlich stimmen die politischen Vorzeichen optimistischer als bei früheren Zusammenkünften. Ein Erfolg ist auch dringend nötig, denn in Paris soll nichts Geringeres als das Nachfolgeabkommen des Kyoto-Protokolls beschlossen werden.

In der Klimapolitik geht es primär um das wichtigste menschengemachte Treibhausgas Kohlendioxid. CO2 wird in der Atmosphäre kaum abgebaut. Zwar nehmen Weltmeere und Pflanzen einen Teil des CO2 auf, aber von jeder emittierten Tonne bleibt heute etwa die Hälfte in der Atmosphäre – und selbst nach Jahrtausenden ist ein großer Teil noch da. Der dadurch verursachte Klimawandel bleibt über Jahrhunderte bestehen. Die Konsequenz: Wollen wir die globale Erwärmung auf ein bestimmtes Maß beschränken, steht uns nur eine bestimmte Menge an CO2-Emissionen zur Verfügung. Das Fernziel muss also ein vollständiger Verzicht auf Emissionen sein. Wollte man den Klimawandel wieder rückgängig machen, müssten wir das Kohlendioxid sogar aktiv aus der Atmosphäre entfernen.

Adam Dean/Panos

Chinesische Wanderarbeiter bei einem Familienfest. Im Hintergrund die Schornsteine eines Kohlekraftwerks. (c) Adam Dean/Panos

Die Staatengemeinschaft hat sich geeinigt, dass die globale Erwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit nicht mehr als 2 °C betragen soll. Damit dieses Zwei-Grad-Ziel erreicht wird, darf die Menschheit nach gegenwärtigen Schätzungen höchstens rund 2.900 Milliarden Tonnen CO2 emittieren. Von diesem sogenannten CO2-Budget haben wir aber durch die bisherigen Emissionen bereits zwei Drittel aufgebraucht. Es bleiben noch rund 850 Milliarden Tonnen für die Zukunft. Diese scheinbar große Zahl wird durch die jährlichen Emissionen von etwa 40 Milliarden Tonnen CO2 relativiert. Blieben sie unverändert, wäre das CO2-Budget schon in gut 20 Jahren aufgebraucht. Damit stellt sich die Frage, wie dieses restliche CO2-Budget fair zu verteilen sei. Und damit verbunden: Wer muss wie viel CO2 reduzieren? Und wer muss Geld für Klimaschäden und den Technologietransfer von Industrie- in Entwicklungsländer bereitstellen?

Dass dies schwierige Fragen sind, zeigen die bisherigen Klimaverhandlungen: Das Problem der Lastenverteilung ist kaum zu lösen. In der UNO-Klimarahmenkonvention ist zwar festgehalten, dass alle Länder nach dem Prinzip der „gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung“ ihren Beitrag leisten müssen. Länder mit historisch höheren Emissionen, mehr technologischem Know-how und höherer Wirtschaftskraft müssten demnach mehr Verantwortung übernehmen. Aber zu unterschiedlich sind die Prioritäten der Länder, ihre Kulturen, ihre historischen Emissionen, ihre nationalen Interessen, als dass man sich einigen könnte, wie die einzelnen Faktoren gewichtet werden sollen und wie eine faire Verteilung aussieht.

Es ist aber nicht nur eine Diskussion um Fairness zwischen einzelnen Ländern, sondern auch zwischen den Generationen. Denn jede bereits emittierte Tonne CO2 kann eine nächste Generation nicht mehr ausstoßen. Die Frage von Fairness ist abhängig von Werten: Gibt es ein Recht auf Besitzstandwahrung für reiche Länder, oder bedeutet Fairness weltweit gleiche Pro-Kopf-Emissionen? Werden dafür die historischen Emissionen mitberücksichtigt, sind wir also für die Treibhausgas-Emissionen unserer Vorfahren verantwortlich? Gibt es überhaupt ein Recht auf Verschmutzung?

Gescheiterte Versuche

Verschiedene Länder und Organisationen haben Kriterien für diese Lastenverteilung vorgeschlagen, aber weil Entscheide in der UNO nur durch Konsens zwischen den Beteiligten gefällt werden können, hat dieser Ansatz die Klimapolitik kaum weitergebracht. Zwar sind sich heute alle Staaten einig, dass der Klimawandel ein ernstes Problem ist, das wir gemeinsam lösen müssen. Aber der Versuch, die Treibhausgas-Emissionen als ein Verteilungsproblem zu lösen, ist bis jetzt gescheitert, am prominentesten 2009 auf der Klimakonferenz in Kopenhagen.

Warum also sollte in Paris nun der Durchbruch gelingen? Wir, zwei Klimawissenschaftler aus der Schweiz und Österreich, glauben, dass die Erwartungen an den Gipfel dieses Mal realistischer sind als bei früheren Konferenzen. Der lange vorbereitete Vertragsentwurf enthält an entscheidenden Stellen zwar noch viele Optionen, die sich gegenseitig ausschließen, ist aber weiter fortgeschritten, als es 2009 in Kopenhagen der Fall war. Die wichtigste Neuerung jedoch ist, dass die Länder vorab ihre freiwilligen künftigen Emissions-Reduktionen deklarieren mussten. Diese als „Intended Nationally Determined Contributions“ (INDC) bezeichneten Absichten der Treibhausgas-Reduktionen werden in Paris, im Gegensatz zu Kopenhagen, nicht verhandelt. Vielmehr geht es darum, zunächst alle Länder – und nicht nur die Industrieländer – in einen neuen Klimavertrag einzubinden, und nicht darum, einem Land Reduktionsziele aufzuzwingen. In diesem neuen Rahmenabkommen sollen dann die Spielregeln festgelegt werden, etwa wie die Aufforstung von Wäldern als CO2-Senken oder Emissionsrechte aus der bisherigen Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls angerechnet werden können. Das Abkommen sollte nicht nur die von den einzelnen Ländern gemachten Absichten zur Treibhausgas-Reduktion enthalten, sondern auch einen Fahrplan definieren, wie diese Ziele in Zukunft weitergeführt und verschärft werden können und wie wir sicherstellen, dass wir auf Kurs für das gewählte Klimaziel sind.

Folge eines Hurrikans: Hochwasser in New Orleans. (c) Zackary Canepari/Panos

Folge eines Hurrikans: Hochwasser in New Orleans. (c) Zackary Canepari/Panos

Allerdings: Die deklarierten Emissionsreduktionen für das Jahr 2030, manche nur bis 2025, reichen bei weitem nicht aus, um das Zwei-Grad-Klimaziel zu erreichen. Grob gesagt, würden die derzeitigen Emissionsreduktionsvorschläge uns von einer 4 °C wärmeren Welt zu einer 3 °C wärmeren Welt bringen – aber nur, falls alle Verpflichtungen auch eingehalten werden und die globalen Emissionen nach 2030 nicht wieder steigen. Eine 2 °C wärmere Welt, die viele Klimaschäden mildern würde, bleibt vorerst also, was sie bisher schon ist: ein politisches Ziel.

Aber die Hoffnung von Paris ist, dass Länder später freiwillig oder durch wirtschaftlichen und politischen Druck sich zu weiteren Reduktionen verpflichten, weil es für sie attraktiv wird. Paris wird in Sachen Klimaschutz also keine endgültige Lösung bieten, aber die Konferenz hat Symbolcharakter, weil es hier gelingen könnte, den Streit um die Lastenverteilung durch freiwillige Selbstverpflichtungen zu ersetzen.

Die Frage wird oft gestellt, ob die vorgeschlagenen Emissionsreduktionen immerhin noch kompatibel mit dem 2-°C-Ziel sind und ob wir trotz Verzögerung später wieder auf Kurs kommen können. Das Fazit von vielen Studien ist eindeutig: Je weniger die Emissionen bis 2030 reduziert werden, desto schneller müssen sie später zurückgehen. Es wird also immer schwieriger und teurer.

Betrachtet man die INDC auf Länderebene, zeigt sich allerdings ein differenzierteres Bild. Grundsätzlich sind die Zusagen schwer vergleichbar, weil die Länder verschiedene Basisjahre verwenden, auf die sie die beabsichtigten Reduktionen beziehen. Andere wiederum beziehen sich nicht auf absolute Emissionsmengen, sondern auf Werte relativ zur Wertschöpfung ihrer Wirtschaft. Trotz solchen Unwägbarkeiten versucht „Climate Action Tracker“, ein Zusammenschluss von vier wissenschaftlichen Organisationen, die internationalen Klimaversprechen miteinander zu vergleichen. Dabei berücksichtigen die Forscher auch die Wirtschaftskraft und die historische Verantwortung der Staaten, um zu einem fairen Urteil zu gelangen.

Nicht überraschend erhalten viele Länder für ihre INDC lediglich die Note „ungenügend“. Russlands INDC etwa würde einen Anstieg der Emissionen von 30 bis 40 Prozent gegenüber 2012 bedeuten. Ebenfalls ungenügend sind die Absichten von Australien, Kanada, Japan oder auch Neuseeland. Ähnliches gilt auch für weniger entwickelte Länder wie Argentinien, Chile, Südafrika und Indonesien. Als vorbildlich gelten die Absichten von Bhutan, Costa Rica, Äthiopien und Marokko. Viele andere Länder, darunter die Schweiz, China, Indien, die EU und die USA, werden mit „mittelmäßig“ benotet.

In diesen Fällen sind die vorgeschlagenen Emissionsreduktionen nur dann kompatibel mit dem Zwei-Grad-Ziel, wenn die Verteilkriterien für das CO2-Budget für das entsprechende Land vorteilhaft gestaltet sind. Für Industrieländer wie die Schweiz würde dies bedeuten, dass ihre Angleichung an heutige Entwicklungsländer mehr Zeit in Anspruch nehmen darf und dass die historische Verantwortung dieser Länder nur wenig berücksichtigt wird. Für andere Länder bedeutet dies entsprechend strengere Vorschriften. Arme Länder werden solche für Industriestaaten aufgeweichten Anforderungen daher nicht unterstützen, sie fordern einen höheren Beitrag der reichen Länder.

Produktion von Biomasse

Sollten die CO2-Emissionen nicht schnell genug sinken oder die Temperaturen stärker auf die CO2-Emissionen reagieren als erwartet, würden wir unser CO2-Budget überziehen. In der Finanzwelt wären das Schulden, die man begleichen muss, beim Klima negative CO2-Emissionen: Wir müssten CO2 aktiv aus der Atmosphäre entfernen – und zwar mehr, als wir emittieren. Eine Technologie dafür ist die Produktion von Biomasse mit anschließender CO2-Sequestrierung: Aus Pflanzen, die der Atmosphäre CO2 entziehen, stellt man Biotreibstoffe her und lagert das beim Verbrennen frei werdende CO2 im Boden. Allerdings sind zumindest frühe Generationen von Biotreibstoffen wegen direkter Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion diesbezüglich keine Option. Eine andere Technologie bindet CO2 direkt aus der Luft. Obwohl dafür Pilotanlagen existieren, ist die Technologie im Moment viel zu teuer und zu energieintensiv, um sie im großen Stil anzuwenden. In jedem Fall stellt sich die Frage, wo man Milliarden von Tonnen CO2 im Boden sicher speichert und ob die gesellschaftliche Akzeptanz für solche Endlager gegeben ist.

Trotzdem gehen viele ökonomische Modelle davon aus, dass die CO2-Sequestrierung spätestens ab 2070 im großen Stil verfügbar und kostengünstig ist. Unter dieser Annahme sind Szenarien mit einem zunächst relativ langsamen Absenkpfad und netto negativen Emissionen ab etwa 2070 kostengünstiger als solche mit schnellen Maßnahmen ohne Sequestrierung. Dass neue Technologien entwickelt und bei großflächiger Anwendung günstiger werden, ist wahrscheinlich. Trotzdem ist die Strategie riskant, weil man sich auf kaum bekannte Technologien mit unbekannten Risiken verlässt. Sie ist zudem aus ethischer Sicht bedenklich: Wir brauchen heute zu viele Ressourcen, hätten Alternativen zur Verfügung und überlassen trotzdem die Lösung der Probleme und die anfallenden Kosten den nächsten Generationen.

Ein noch strengeres Ziel

Negative Emissionen wären allerdings auch dann notwendig, sollten sich die Auswirkungen einer globalen Erwärmung von 2 °C als problematisch erweisen. Das allgegenwärtige und von der UNO akzeptierte Zwei-Grad-Ziel darf keineswegs als sicher betrachtet werden. Es gibt keine scharfe Grenze zwischen sicher und gefährlich, die Unsicherheiten in den Auswirkungen des Klimawandels sind hoch, Klimawandel verursacht schon heute Schäden, und welche Risiken wir – und künftige Generationen – tolerieren wollen, ist mit Werturteilen verbunden. Ähnlich wie ein Tempolimit im Straßenverkehr muss die Gesellschaft zwischen Kosten, Risiken und Machbarkeit abwägen. Für eine evidenzbasierte Entscheidungsfindung sind wissenschaftliche Fakten unabdingbar, aber sie sind nur einer von mehreren Faktoren.

Über hundert Nationen, vor allem Entwicklungsländer, haben sich bereits für ein 1,5-°C-Ziel ausgesprochen. Ein solches wäre sehr wahrscheinlich nur durch ein Überschießen und eine anschließende Temperaturreduktion zu erreichen. Die oft gestellte Frage, ob das Zwei-Grad-Ziel das richtige ist, ob es noch erreichbar ist und wo wir mit den heutigen Verpflichtungen Ende des Jahrhunderts landen würden, sind allerdings nur beschränkt relevant. Denn die ersten notwendigen Schritte für 2 °C oder 1,5 °C sind ähnlich, und selbst 2,5 °C wäre besser als ein ungebremster Klimawandel. Wie bei jedem anderen Problem werden wir jedes Klimaziel immer wieder neu evaluieren, aus den Erfahrungen lernen und die nächsten Schritte anpassen müssen. Die Frage nach dem richtigen Klimaziel lenkt deshalb von der unmittelbaren Herausforderung ab: der Notwendigkeit, endlich gemeinsam den ersten großen Schritt zu machen. Paris bringt uns nicht ans Ziel, aber es könnte sogar mehr sein als der erste Schritt: Der Gipfel könnte den Pfad für die Zukunft festlegen.