Morgengrauen

Und sah, dass es gut war …

Gastkommentar / von Peter Strasser / 09.11.2015

Das ist es, was ich immer wollte. Ich wollte die Augen aufschlagen, morgens, wenn draußen in den Bäumen die Vögel zu rascheln beginnen, und dann wollte ich es sehen. Ich wollte sehen, dass es gut war …

Das ist natürlich, gemessen am Zustand der Welt seit ihrem Bestehen, ein kindischer Wunsch. Max Horkheimer, der fast schon vergessene Autor der tiefsinnigen Notizensammlung Dämmerung, schrieb den Satz: „Auch wir gehören zu den Teufeln – auch wir.“

So etwas merkt sich unsereiner nicht nur, wenn er, als lebenskünstlerisch ambitionierter Spätaufsteher von heute, beim Brunch seinen Latte Macchiato schlürft und dabei eine Gourmetportion Carpaccio vom Rind mit Rucolapesto verzehrt.

Man wacht nicht gerne mit dem Gedanken auf, auch zu den Teufeln zu gehören. Man will zu denen gehören, die ihre Frau lieben, ihre Kinder lieben, ihre Arbeit mögen und bereit sind, den Tag noch vor dem Abend zu loben. Ich schlage die Augen auf und weiß, dass es die Hölle gibt. Doch ach, dieses Wissen, das mir der Gedanke an Horkheimers Dämmerung beschert, rührt mich nicht.

Bin ich fühllos?

Während ich das Frühstück zubereite, kommt mir vor, der Realismus der Hölle sei abgeschmackt. Ich weiß nicht, was der Schöpfer der Welt sah, als er sah, dass es gut war … Denn Er hat alles gesehen, ich hingegen sehe nur, wie der Morgenkaffee durch den Filter in die Kanne abperlt. Es perlt und duftet. Und so ist es gut, für den Moment, den menschenmöglichen.

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.