Morgengrauen

Und was dann?

Gastkommentar / von Peter Strasser / 04.09.2016

Gestern Abend, in einer geselligen Runde – es wurde kein besonderer Anlass gefeiert, man war nur zusammengekommen, um einander wieder einmal zu sehen –, da fragte plötzlich einer, und zwar derart fordernd, dass keiner einfach so tun konnte, als habe er nichts gehört: „Und was dann?“

Zuerst waren wir ratlos. Wir schienen irgendetwas Wesentliches übersehen zu haben, und vermutlich nichts, worüber man einfach zur Geselligkeitstagesordnung übergehen konnte. Einer platzte mit der irgendwie gleichermaßen berechtigten wie blödsinnigen Gegenfrage heraus: „Was ‚Und was dann?‘?“ Da ihm keine Antwort zuteil wurde, sondern bloß allgemeines, wenn auch gepresstes Gelächter rundum kurz aufbrandete, wurde die Sache nicht weiter traktiert. Es blieb allerdings der Stachel: „Und was dann?“ Die Stimmung war verdorben, obwohl es keiner zugeben wollte, besonders jener nicht, der sie mit seiner Frage verdorben hatte.

Als ich heute, beim Ausräumen des Geschirrspülers – eine ungemein entspannende Tätigkeit, besonders morgens, wo es auch innerlich viel auszuräumen gilt –, versuche, meine Gedanken zu ordnen, bleibe ich in einem fort bei der Frage hängen: „Und was dann?“ Ich wende mich meiner Frau zu (die gerade das verklebte Geschirr von gestern Abend vorreinigt und zusammenstapelt), um ihr mein heutiges Morgengrauen kundzutun: „Und was dann?“ Worauf sie antwortet, indem sie mir einen erstaunten Blick zuwirft: „Und dann räumen wir den Geschirrspüler wieder ein.“

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).