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Mehr als frei haben

Urlaub. Ein Irrtum.

von Michael Fleischhacker / 24.12.2015

Kinder haben Ferien, Erwachsene haben Urlaub. Diesen Unterschied habe ich schon als Kind nicht verstanden. Nicht nur, weil ich auf einem Bauernhof aufgewachsen bin. Mir wollte einfach nicht einleuchten, warum man zwei Dinge, die doch offensichtlich dasselbe bedeuten, nämlich „frei haben“ (auch interessant, dass wir „frei haben“ sagen, obwohl wir doch eigentlich „frei sein“ sollten) unterschiedlich nennt.

Dass dieser Unterschied aus gutem Grund gemacht wird, zeigt ein kurzer Blick in das etymologische Wörterbuch.

Was Ferien sind, ist seit den römischen Tagen ziemlich klar: Festtage, an denen das öffentliche Leben ruht. Weihnachtsferien, Osterferien, Pfingstferien: In den staatlichen Feiertagen, die an die kirchlichen Hochfeste angelehnt sind, ist die Macht der Kirche, die bis in die Neuzeit das Leben der Menschen auf dem alten Kontinent bis in den Alltag hinein geprägt hat, noch spürbar. Als Folge der „translatio imperii“, der „Übertragung der Herrschaftsgewalt“ über den abendländischen Menschen vom römischen Imperium auf die römische Kirche.

Mit der nächsten „translatio imperii“, der Übertragung der Herrschaft auf das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ im Mittelalter, kam der Urlaub ins Spiel. Das althochdeutsche „urloup“ heißt so viel wie „Erlaubnis“. Die ersten Urlaubsansuchen werden also wohl von deutschen Rittern an ihre Lehensherren gestellt worden sein. Sie baten um „Erlaubnis“, sich vorübergehend aus dem Herrschaftsbereich des Lehensherrn zurückzuziehen, ihre Dienstpflichten ruhen zu lassen. Die ersten Urlaube wurden in der Mittelmeerregion verbracht, denn die Herren Ritter brauchten die Abwesenheitserlaubnis, um an den Kreuzzügen teilnehmen zu können. Der „Dschihad-Tourismus“ ist in der Region noch heute in Mode.

Das Heilige Römische Reich endete 1806, aber mit dem aufkommenden Industriekapitalismus fand sich im 19. Jahrhundert, was die „Erlaubnis“, Mensch zu sein, betrifft, ein würdiger Nachfolger. Nun war man nicht mehr in Lehensverhältnissen gebunden, sondern in Arbeitsverhältnissen, und auch aus diesen war Abwesenheit nur unter besonderen, der Erlaubnis durch die Herrschaft bedürftigen Umständen denkbar. Das ist bis heute so geblieben. Man kann daran erkennen, dass der Industriekapitalismus zwar im Zuge der digitalen Revolution einen guten Teil seiner geistigen und ökonomischen Prägekraft eingebüßt hat – die Erlaubnis, „den industriellen Maschinen fernzubleiben“, ist im Zeitalter der Smartphones obsolet geworden –, dass er uns aber habituell noch immer ziemlich gut im Griff hat.

Man kann den Charakter eines Menschen kaum exakter bestimmen als durch die Weise, wie er über Urlaub spricht. Manche nehmen sich Urlaub, manche fragen, ob sie Urlaub bekommen, andere machen Urlaub. Die Unterschiede sind zwar interessant und charakteristisch in dem Sinn, dass sie viel über den individuellen Habitus desjenigen aussagen, der darüber spricht. Zugleich sind sie aber nur unterschiedliche Ausprägungen ein- und desselben Irrtums.

Denn der Irrtum ist das Wesen des Urlaubs. Dass wir anderen die Verfügungsgewalt über unsere An- und Abwesenheiten überlassen, dass wir die Fremdbestimmung zum Naturgesetz gemacht haben, drückt sich darin ebenso aus wie unser verzweifelter Versuch, uns dadurch, dass wir Urlaub „machen“, zu den Menschen zu „machen“, die wir sein wollen, aber nicht sind. Wie für die meisten Widersprüche unseres Lebens hat der Sozialstaat auch für diesen fundamentalen Akt der Entfremdung einen Euphemismus parat: „Urlaubsanspruch“. Kein anderes Wort könnte die große Lüge, in der wir leben, besser beschreiben als einer, der behauptet, wir hätten einen Anspruch auf Erlaubnis.