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„Vatileaks“ II

Verrat und Verschwendung im Vatikan

von Andrea Spalinger / 05.11.2015

Papst Franziskus fordert von seiner Kurie Bescheidenheit und Barmherzigkeit. Vertrauliche Dokumente machen jedoch klar, dass sein Kurs auf starken Widerstand stößt. NZZ-Korrespondentin Andrea Spalinger berichtet aus Rom.

Selten herrscht bei Buchpräsentationen ein Andrang wie bei der Vernissage der neusten Enthüllungen von Gianluigi Nuzzi. Der Saal in einem Palazzo im Herzen Roms war am Mittwoch voll mit Journalisten aus dem In- und Ausland. Der 46-jährige Journalist aus Mailand hatte bereits zwei Bücher über den Vatikan veröffentlicht, die hohe Wellen schlugen. Auch diesmal versprachen die Verleger Scoops aus dem schwer zugänglichen Machtzirkel des Kirchenstaats. Der Vatikan lieferte Nuzzi zudem eine Steilvorlage, als wenige Tage vor der Publikation zwei angebliche Informanten verhaftet wurden, die vertrauliches Material weitergegeben haben sollen.

Lange Liste von Skandalen

Das Buch „Via Crucis“ (In der deutschen Übersetzung „Alles muss ans Licht“) enthält zwar wenig völlig neue Informationen. Die meisten darin erwähnten finanziellen Unregelmäßigkeiten waren zumindest ansatzweise bekannt. Nuzzi ist es aber gelungen, einen eindrücklichen Katalog von Fällen von Missmanagement, Betrug und Geldverschwendung zusammenzutragen und mit Beweisen zu untermauern. Er bezieht sich dabei auf Dokumente der Kommission für finanzielle Reformen, die 2013 von Franziskus eingesetzt worden war und inzwischen aufgelöst worden ist.

Wahrscheinlich hat Nuzzi die Tausende von Gutachten, Protokollen und vertraulichen Dokumenten von zwei Mitarbeitern der Kommission – dem spanischen Priester Ángel Vallejo Balda und der italienischen Lobbyistin Francesca Immacolata Chaouqui – bekommen, die nun im Visier der vatikanischen Polizei stehen. Nach dem ersten „Vatileaks“-Skandal 2012 (damals hatte ein Kammerdiener von Benedikt XVI. geheime Dokumente entwendet und Nuzzi übergeben) ist die Weitergabe vertraulicher Dokumente im Kirchenstaat ein Straftatbestand. Vallejo Balda sitzt deshalb nun in einer Zelle. Chaouqui wurde freigelassen, weil sie mit den Ermittlern kooperiert.

Keine „Kirche der Armen“

Unter Benedikt hätten schwere Missstände geherrscht, so der Kern von Nuzzis Buch. Franziskus habe das erkannt und externe Berater und Kommissionen eingesetzt, um Transparenz in die Finanzen des Heiligen Stuhls zu bringen. Doch einflussreiche Stellen hätten die Kooperation verweigert, und die vom Papst geforderten Reformen hätten nur sehr begrenzt umgesetzt werden können. Betrug und Missmanagement seien noch immer verbreitet und Franziskus ein einsamer Kämpfer, schreibt Nuzzi.

Zum gleichen Schluss kommt Emiliano Fittipaldi, der dieser Tage auch ein Buch veröffentlicht hat. Unter dem Titel „Avarizia“ („Knauserei“) schreibt der Journalist, die katholische Kirche sei ein milliardenschweres Unternehmen, von dem viele profitierten. Die vom Papst propagierte „Kirche der Armen“ sei im Vatikan darum unpopulär. Statt im apostolischen Palast lebe der Papst in einer 50 Quadratmeter kleinen Wohnung, erklärte Fittipaldi am Dienstag an einer Pressekonferenz. Die meisten Kardinäle hingegen lebten in großen Luxuswohnungen. Auch viele Verwandte und Bekannte von Kirchenmännern wohnten zu Spottpreisen in Immobilien des Vatikans, wo der Papst lieber Obdachlose oder Migranten einquartieren würde.

Zweckentfremdete Kollekten

Nuzzi und Fittipaldi scheinen sich auf ähnliche, wenn nicht die gleichen Quellen zu beziehen. Sie erwähnen eine ganze Reihe von Beispielen für Bereicherung und Verschwendungssucht einzelner Kurienmitglieder wie auch für Betrug und Missmanagement in Institutionen wie der Vatikanbank oder zur Kirche gehörenden Spitälern.

So werden Selig- und Heiligsprechungen teuer bezahlt. Um „heroische Taten“ oder „vollbrachte Wunder“ potenzieller Kandidaten zu prüfen, lassen sich die Verantwortlichen laut Nuzzi durchschnittlich 500.000 Euro bezahlen. Besonders schockierend für viele Gläubige dürfte sein, dass nur ein Fünftel der als Peterspfennig bekannten Kollekte, die weltweit gesammelt und dem Papst für caritative Zwecke übergeben wird, überhaupt entsprechend genutzt wird. Drei Fünftel werden von der Kurie zum Stopfen finanzieller Löcher zweckentfremdet. Ein weiterer Fünftel fließt in einen brachliegenden Reservefonds.

Ein Vatikansprecher hat die Enthüllungen als Vertrauensbruch gegenüber dem Papst bezeichnet. Doch diese werfen weniger ein schlechtes Licht auf Franziskus als auf seine Kontrahenten. Sowohl Fittipaldi als auch Nuzzi zeigen die Schwierigkeiten auf, mit denen Franziskus kämpft. In beiden Büchern ist zwischen den Zeilen Sympathie für Franziskus zu spüren. Die meisten Kommentatoren glauben denn auch nicht, dass diese den Papst schwächen werden – im Gegenteil: Nach der Veröffentlichung des letzten Buches von Nuzzi waren im Vatikan einige Köpfe gerollt.