APA/Anja Kundrat

Vergessene und Schutzbefohlene

Meinung / von Michael Fleischhacker / 18.04.2016

Faktisch sollte eigentlich alles klar sein: Dreißig bis vierzig Rechtsextreme „stürmten“ am Donnerstagabend das Auditorium Maximum der Universität Wien, wo das Kollektiv „Die Schweigende Mehrheit“ vor knapp 800 Zusehern eine Version des Stückes „Die Schutzbefohlenen“ von Elfriede Jelinek aufführte. Flüchtlinge und Zuschauer seien attackiert und mit Kunstblut bespritzt worden, heißt es in zahlreichen internationalen Pressemeldungen; schließlich habe die Polizei dafür gesorgt, dass die Vorstellung zu Ende gespielt werden konnte.

Stimmt nicht, behaupten die Aktivisten der „Identitären Bewegung“. Sie sprechen von einer „Ästhetischen Intervention“ und bieten auf ihrer Website „Beweise“ für die manipulative Berichterstattung der Medien an. Der Protest sei absolut gewaltfrei verlaufen, es seien im Gegenteil die Aktivisten der Identitären von „Linken“ aus dem Publikum attackiert worden, hätten diese Attacken nur blockiert, um die Fortsetzung der Störaktion zu ermöglichen. Bei der Polizei, die erst nach Ende der Aktion eingetroffen war, sind acht Anzeigen von Besuchern wegen Körperverletzung eingegangen.

Mit der Klärung des tatsächlichen Hergangs wird die Doppelinszenierung dieses Donnerstagabends nicht vorbei sein. Das Auftauchen der neu-rechten Aktivisten in der Universität und während eines Kunstevents hat der österreichischen Öffentlichkeit einen gehörigen Schock versetzt. Kein Wunder: Die Kombination von Kunst und Universität konstituiert das 68er-Selbstverständnis des Landes, in dem „1968“ darüber hinaus so gut wie nicht stattgefunden hat.

Im Juni 1968 aber fand im Neuen Institutsgebäude die Aktion „Kunst und Revolution“ statt, die vom Boulevard mit dem Kosenamen „Uni-Ferkelei“ versehen wurde. Günter Brus, Otto Mühl, Peter Weibel und Oswald Wiener übten sich in Tabubrüchen aller Art von Auspeitschung bis Masturbation und Verschmieren frischer Fäkalien auf dem eigenen Körper, das alles unter Absingen der österreichischen Bundeshymne. Eine Art Kunst-Exorzismus, der da am „reaktionären“ Österreich vollzogen wurde, dessen Rückgrat die noch immer von ehemaligen Nationalsozialisten und Ständestaatlern dominierte Universität darstellte.

Nach einem halben Jahrhundert wird dieselbe Universität von den erfolgreichen Protagonisten des Jahres 1968 und ihren Epigonen dominiert, und deshalb lesen viele die Attacke der „Identitären“ auf die Jelinek-Aufführung im AudiMax als Teil einer „konservativen Revolution“, deren Ziel ein Zurück zu nationalen und völkischen Vorstellungen und deren gewaltsamer Durchsetzung sei. Hier stehen nicht nur eine Theateraufführung und eine spezifische Haltung in der Flüchtlingsfrage zur Disposition, sondern ein gesellschaftliches Narrativ, das die vergangenen Jahrzehnte dominiert hat.

Wie alle Revoluzzer inszenieren sich auch die „konservativen Revolutionäre“ der „Identitären Bewegung“ als Opfer: Die „Vergessenen“ nennen sie sich, Unterdrückte einer im Paralleluniversum existierenden, wohllebigen Elite, die brav klatsche, wenn Flüchtlinge Theater spielten, aber nicht verstehen wolle, dass sie sich mit ihrer „No-Border-Ideologie“ schuldig macht: „An euren Händen klebt das Blut von Bataclan und Brüssel.“

Die Gegenseite lässt sich begrifflich nicht lumpen: „Der Unterschied zwischen dem Anschlag auf das Konzert im Bataclan und dem Angriff der Nazis auf unsere Aufführung von ,Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene‘ – werden zwei Teilnehmer auf der Website von ,Die Schweigende Mehrheit‘ zitiert – ist, dass die Nazis keine geladenen Waffen dabei hatten.“

Womöglich ist der Unterschied zwischen diesen beiden Narrativen kleiner, als beide Seiten das gerne hätten.


Wer Theater stört, hat keine Kultur, die er verteidigen könnte