Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Verlegthaben und Nichtfindenkönnen

Gastkommentar / von Peter Strasser / 05.12.2015

Volles Haus heute Morgen. Meine Enkeltöchter E. und H. haben bei uns übernachtet. Sie sind ausgesprochene Morgenmenschen, und der ausgesprochene Morgenmensch spricht sich schon am Morgen munter aus.

Und worüber sprechen sich E. und H. heute aus? Darüber, dass sie etwas suchen. Nicht etwas, sondern dies und das und eigentlich alles, was sie gestern irgendwo hingelegt und dann verlegt und dann aber vergessen haben, wohin sie’s hin verlegten.

Während ich meine Kreise zwischen Wohnzimmer und Frühstücksecke ziehe, auf meinen gewohnten Frühstückszubereitungspfaden, wimmeln meine beiden Enkeltöchter (ja, es sind zwar nur zwei, aber wimmeln können sie trotzdem) um mich und rund um mich herum.

Durch den Einsatz der angeborenen Überlebensstrategie ständiger Stimmfühlung lassen mich E. und H., indem ihre Laune sich ziehharmonikaförmig quietschend verschlechtert und wieder hochschnellt, fortlaufend plappernd wissen, wo sich was an diesem Morgen alles nicht befindet, während sich dies und jenes finden lässt, was keiner braucht, sinnlos herumliegt und bloß den Weg des erst Aufzufindenden versperrt.

Bei all dem Treiben, das mir den Restschlaf aus den osteoporotischen Knochen scheucht, werde ich buchstäblich philosophisch: Ist nicht das ganze Leben ein Verlegthaben und Nichtfindenkönnen? Und wäre das Finden all des Verlegten nicht der Tod?

Man muss gewisse Fragen nur stellen, um die Dinge in einem neuen Licht zu sehen.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.