© Lucasfilm/Everett Collection/Keystone

Star Wars Dezember 2015

Viel zu lernen du hast

von Florian Leu / 08.12.2015

Aus Sicht der Drehbuchratgeber hat Regisseur George Lucas alles falsch gemacht. In der Rebellenbasis kann es eigentlich keinen Sauerstoff geben. Und anfällig für die Macht ist vor allem das mittlere Management. Wenn Sie die Star-Wars-Filme genießen wollen, sollten Sie auf keinen Fall eine Filmwissenschaftlerin, einen Physiker oder einen Ökonomen mitnehmen. Die Kollegen von NZZ Folio haben sich auf das Experiment eingelassen.

„A New Hope“ (1977) mit der Filmwissenschaftlerin Michaela Krützen

Das Imperium beherrscht das Weltall, doch die Rebellen leisten Widerstand. Luke Skywalker und der Jedi-Ritter Obi-Wan Kenobi heuern die Schmuggler Han Solo und Chewbacca an, um Prinzessin Leia zu befreien, die auf dem Todesstern festgehalten wird. Dort trifft Obi-Wan auf Darth Vader, seinen ehemaligen Schüler, der auf die dunkle Seite der Macht gewechselt hat; während des Zweikampfs gelingt seinen Freunden die Flucht. Die Rebellen machen den Schwachpunkt des Todessterns ausfindig und zerstören ihn nach einer Weltraumschlacht.

Michaela Krützen sagt schon nach einer Sekunde, wovor sie ihre Studenten an der Münchner Filmhochschule immer wieder warne. „Finger weg von Texttafeln!“ Sie meint die Sätze, die zu Beginn von „A New Hope“ über die Leinwand kriechen und den Hintergrund der Saga erklären. Alles wird in diesem Film so überdeutlich gemacht, dass auch der dümmste Zuschauer mitkommt. „Slow Joe in the last row“, wie Krützen ihn nennt. „A New Hope“ setzt sie bei ihren Studenten trotzdem voraus. Das hat mit den ersten 17 Minuten zu tun, die für einen Hollywoodfilm ungewöhnlich sind. Mit der Geschichte der Hauptfigur, die eine klassische Heldenreise zurücklegt. Mit der Vermischung der Genres, von Science-Fiction bis Western.

Eigentlich hat der Regisseur George Lucas alles falsch gemacht. Zumindest aus Sicht der Drehbuchratgeber, die das Schema Hunderter von Filmen festlegen, Wendepunkte und Höhepunkte auf die Minute genau bestimmen. Statt sofort die Hauptfigur einzuführen, bombardiert Lucas die Zuschauer mit Effekten und geizt mit Hinweisen, wovon der Film genau handelt. Ein redseliger Roboter taucht auf, ein schweigsamer Hüne rauscht vorbei, ein Heer gesichtsloser Soldaten schießt um sich. Es ist wie ein Quiz: Wo ist die Geschichte? „Trotzdem wäre Lucas ein Idiot gewesen, wenn er sich von diesem Vorspann hätte abbringen lassen.“ Er führt in diese Welt ein und vertraut darauf, dass allein die Viecher, Waffen und Schauplätze die Zuschauer in ihren Bann ziehen werden. „Dann endlich: Auftritt des Jungen mit der schönen Föhnfrisur“, sagt Krützen, als zum ersten Mal Luke Skywalker zu sehen ist. „Luke ist selbstverständlich gleich mal nett und lächelt.“

Klassisch an den ersten Szenen, in denen der Protagonist vorkommt, ist auch der Gegensatz zwischen dem größten Wunsch der Figur und ihrem öden Alltag. Luke ist ein Bauernjunge auf einem Wüstenplaneten, die Umstände erinnern an den Wilden Westen: Staub, Arbeit, Mühsal, Gefahr. Mythische Helden kommen oft von den Rändern, sind entweder Prinzen oder Arme. Häufig ist der Held das Kind bedeutender Eltern, wird aber wegen einer Prophezeiung oder eines Fluchs in die Wildnis geschickt. Die königlichen Zwillinge Romulus und Remus werden von einer Wölfin gesäugt und von einem Hirten aufgezogen. Perseus, Sohn von Zeus und Danaë, wächst in der Hütte eines Fischers auf, bis er alt genug ist, ein Held zu werden und die Medusa zu besiegen.

Meist merkt der Held nicht, dass die Hand des Schicksals die Geschichte lenkt. In „A New Hope“ schickt Prinzessin Leia eine Botschaft an den Jedi-Ritter Obi-Wan Kenobi. Doch weil auf dem Wüstenplaneten gerade marodierende Müllsammler umherstreifen, geraten die Überbringer der Botschaft auf Abwege: zu Luke. Der träumt davon, von zu Hause auszuziehen. Weil „A New Hope“ eine Hollywoodproduktion ist, wird den Zuschauern auch dieser Sachverhalt dreimal eingebleut. Für die Schlauen, für die Halbschlauen, für Slow Joe.

Im Mythos bekommen die Helden einen Schild oder ein Amulett, ein Paar geflügelter Schuhe oder eine Kappe, die den Träger unsichtbar macht. Luke erhält ein Lichtschwert. Zwei weitere Dinge geben dem Anfang der Geschichte den Ruch eines Mythos. Die Roboter, die Luke kauft, liefern die Pläne des labyrinthischen Todessterns, übermittelt von Prinzessin Leia. Das ist ein Echo der Geschichte von Theseus, der sich nur dank dem Faden von Prinzessin Ariadne im Labyrinth zurechtfindet. In „A New Hope“ ist das Monster ein Hybrid aus Mensch und Gasmaske, im Mythos ein Mischwesen aus Mensch und Stier. Dann die Staffelung auslösender Momente: Das Leben im staubigen Nirgendwo langweilt Luke. Ein Mentor fordert ihn zur Reise auf. Als Luke zu seinen Adoptiveltern zurückkehrt und sie tot auffindet, fasst er endgültig den Entschluss aufzubrechen.

Krützen liebt die Figur des Lehrmeisters. Obi-Wan Kenobi wirkt mit seiner Kutte und dem weißen Bart wie ein Mönch oder ein Zauberer, ein Merlin im Weltall. „Die Studenten sollen erkennen, dass der Mentor eigentlich nie so lehrbuchkonform aussieht wie hier.“ Obi-Wan unterweist Luke, und der Film lässt keine Gelegenheit aus, um zu zeigen, wie viel der Junge noch zu lernen hat. „Luke macht schnell Fortschritte. Aber sehen Sie nur: Lange bleibt er ein totales Würstchen.“ Wie viel er am Ende gelernt hat, zeigt sich, als er sich an Bord des Todessterns schmuggelt. Er rettet die Prinzessin, gerät dann aber in eine Müllpresse. Es ist eine wunderbar eklige Szene, Krützen freut sich darüber wie eine Zehnjährige in der Kindervorstellung. Die Wände schieben sich immer näher zusammen, es ist sumpfig und warm – „Kontraktionen im Mutterleib“ fallen Krützen ein. Luke, von seinen Begleitern immer wieder liebevoll gehänselt, übernimmt zum ersten Mal das Kommando. Dann holt er sich und seine schleimbedeckten Kumpane aus der Klemme: „A hero is born.“

Der Film hat bis jetzt vor allem Lukes Werdegang geschildert, die Geschichte eines Reifeprozesses. Dafür musste Luke seine Heimat verlassen und in eine gefährliche Welt reisen. Lehrmeister halfen ihm, Gefahren lauerten am Wegrand, alle paar Filmminuten musste er eine Prüfung bestehen. Das ist es, was die Odyssee mit Artusromanen und Hollywoodfilmen teilt. Der Held muss wachsen. „A New Hope“ knüpft aber auch an die Anfänge des Films überhaupt an, an das, was Filmhistoriker das Kino der Attraktionen nennen. Die ersten Filme erzählten Anfang des 20. Jahrhunderts keine Geschichten, sie inszenierten oder dokumentierten spektakuläre Ereignisse, sie zeigten oft Zaubertricks, Revuenummern, Kunststücke.

„A New Hope“ ist bemerkenswert, weil der Film in vieler Hinsicht eine Mischung ist. Auf den ersten Blick Science-Fiction, auf den zweiten ein Märchen voll verborgener Mächte. Eine Weltraumsaga, doch mit der Textur eines Westerns, inklusive Showdown. Die Roboter, der eine klein und rund, der andere groß und dünn, sind Wiedergänger von Dick und Doof. Wie Luke und sein Begleiter Han Solo streiten – „ein Buddy-Movie“. Wie die Außerirdischen durchs Bild wandeln und manchmal sogar Klarinette und Schlagzeug spielen – „die Muppetshow“. Vielleicht erklärt sich der Erfolg des Films dadurch: Da ist alles drin. Krützen hält es lieber mit William Goldman, einem Drehbuchautor: „Du musst dem Publikum geben, was es will. Aber nicht, was es erwartet.“

Das gilt mustergültig für den letzten Teil des Films, der wenig mehr ist als eine Aneinanderreihung von Schlachten. Lasergeschosse, die einschlagen. Raumschiffe, die durchs All ruckeln wie Autos über Landstraßen. Ein Roboter als Copilot, der immer wieder Piepkommentare von sich gibt. Ein Sammelsurium von Gags – vermutlich würde „A New Hope“ mit all seinen komischen Momenten auch als Stummfilm unterhalten. Ein Showdown zwischen Luke und Darth Vader, aber mit einem Dreh. Die beiden stehen sich nicht gegenüber wie im Western, sondern jagen einander in Raumschiffen. Als „A New Hope“ in die Kinos kam, war der Film auch einer der schnellsten. Die Länge zwischen den Schnitten beträgt durchschnittlich 3,3 Sekunden. „A New Hope“ nahm die Rastlosigkeit von MTV vorweg. Kino der Attraktionen.

Wenn Krützen recht hat, dürfte Star Wars deswegen eine große Zukunft haben. „Es geht darum, eine Alternative zu jederzeit downloadbaren Filmen und Serien zu bieten.“ Star Wars ist mittlerweile in der dritten Dimension angekommen, was auch die besten Plasmabildschirme nicht zeigen können. Star Wars schließt beim frühen Kino an, pumpt es aber mit Steroiden voll. Ein optischer Overkill, eine akustische Attacke: „Bei Star Wars ist das Kino selbst der Spezialeffekt.“

Luke trifft in den Lüftungsschacht des Todessterns hinein, der zum Reaktor führt – „natürlich eine klassische Achillesferse“. Die Raumstation zerbricht in tausend Teile, Darth Vaders Schiff wird von den Druckwellen in die Tiefen des Raums geschleudert. Die Helden bekommen einen Orden. „Nur Chewbacca, der wandelnde Teppich, kriegt keine Auszeichnung.“ Während der Abspann über die Leinwand läuft, schaltet Krützen das Licht wieder an und zieht Bilanz wie nach einem gewöhnlichen Kinobesuch. „Obwohl ich den Film schon oft gesehen habe“, sagt sie, „fand ich ihn auch diesmal erstaunlich kurzweilig.“ (von Florian Leu)

„The Empire Strikes Back“ (1980) mit dem Astrophysiker Ben Moore

Darth Vader spürt die Rebellen auf dem Eisplaneten Hoth auf. Nach einer Schlacht dort reist Luke zum Jedi-Meister Yoda, um sich ausbilden zu lassen. Leia, Han Solo und Chewbacca flüchten in eine Wolkenstadt, wo sie in eine Falle gelockt werden. Im Kampf mit Darth Vader erfährt Luke, dass er dessen Sohn ist. Han Solo wird in Karbonit gefroren dem Verbrecherkönig Jabba übergeben.

Es dauert nicht lange, bis der zweite Teil der Star-Wars-Saga den Unmut von Ben Moore erregt. Fünf Sekunden nachdem das erste Raumschiff in Sicht kommt, ruft er aufgeregt: „Stopp, stopp, stopp! Da haben wir schon das erste Problem: die Raumschiffe.“ Im Film nähert sich ein Sternzerstörer der Imperium-Klasse, ein eineinhalb Kilometer langes Monstrum, ähnlich einem schnittigen Tanker mit einer hoch aufragenden Brücke am Heck, und genau das ärgert Moore. „Warum sieht es aus wie ein Schiff? Wir sind doch nicht auf dem Meer, wir sind im Weltall. Es gibt kein Oben und Unten.“ Und die Crew würde schon gar nicht exponiert zuoberst sitzen, weil immer die Gefahr besteht, dass Asteroiden oder Mikrometeoriten einschlagen.

Auch in der nächsten Szene geben sich die Macher von Star Wars nicht als intime Kenner physikalischer Grundlagen zu erkennen. Aus dem Bauch des Sternzerstörers starten mehrere kleine Sonden, die in alle Richtungen fliegen, um den Aufenthaltsort der Rebellen ausfindig zu machen. „Oje, wir hören Geräusche“, sagt Moore, als sich die Sonden mit einem Wuschen entfernen. Fairerweise muss man sagen: Fast jeder Science-Fiction-Film begeht diesen Fehltritt, obwohl es sich selbst unter Hollywoodregisseuren herumgesprochen haben dürfte, dass Geräusche ein Medium benötigen, um sich fortzupflanzen; im Vakuum des Weltalls wäre es also einfach still. Aber vor einer stillen Weltraumschlacht fürchten sich Filmproduzenten mehr als vor einem lästernden Physiker.

Natürlich ist es kleinkariert, einem Filmemacher physikalische Ungereimtheiten vorzuwerfen, schließlich ist Star Wars keine Schulstunde, sondern Popcorn-Kino, aber für einen Physiker wie Moore, der an der Universität Zürich über extrasolare Planeten forscht, mindern dramatische Fehler das Vergnügen. „Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit hätten sie den Details schon schenken können.“ Das gilt auch für den Eisplaneten Hoth, wo sich die Rebellen verstecken. Dort sieht man die Leute ganz normal atmen, obwohl es auf Hoth „nicht genug Leben gibt, um einen Raumkreuzer zu füllen“, wie Han Solo selber sagt. „Sauerstoff bekommt man aber ausschließlich von Pflanzen“, wendet Moore ein, „die Atmosphäre eines solchen Planeten kann keinen Sauerstoff enthalten.“

Als sich später der Millennium Falcon, das Raumschiff von Han Solo, in der Höhle eines Asteroiden versteckt, versuchen die Filmemacher Moore zu beweisen, dass sie sich hin und wieder doch etwas überlegt haben: Beim Ausstieg tragen Prinzessin Leia, Han Solo und Chewbacca doch tatsächlich Atemmasken. Bravo! Ein Asteroid hat zu wenig Masse, um mit seiner Schwerkraft eine Atmosphäre festzuhalten. Doch mit der nächsten Szene wird die Hoffnung, man könne von Star Wars etwas lernen, wieder zunichte gemacht. Da kommt doch tatsächlich ein Mynock geflogen. Ein Mynock ist eine Art Riesenfledermaus, und auch wenn man sich nicht mit der Frage aufhält, wie sie im Vakuum leben könne, ist laut Ben Moore eines sicher: „Im Vakuum fliegen kann sie nicht.“ Da kann sie so lange mit den Flügeln flattern, wie sie will. Darüber hinaus wären die Temperaturen so tief, dass „die Augäpfel der Menschen längst gefroren und herausgefallen wären“, wie es Moore beschreibt. „Bevor ich etwas von Physik verstand, konnte ich das noch genießen.“ Die fehlenden gefrorenen Augäpfel sind aus Sicht des Physikers jedoch nur eine Lappalie im Vergleich zum zentralen Problem in vielen Science-Fiction-Filmen: der nonchalante Umgang mit der Schwerkraft. Wird bei den Geräuschen im Vakuum die Physik aus dramaturgischen Gründen mit Füßen getreten, so sind es bei der Schwerkraft praktische. Eigentlich müssten Han Solo und Co. in der Höhle des Asteroiden schweben, aber weil das schneller ins Drehbuch geschrieben ist als umgesetzt, stehen sie halt mit beiden Beinen auf festem Grund und hoffen, dass nicht allzu viele Zuschauer wie Ben Moore zuschauen. Dem scheint auch die Auswahl der besuchten Planeten suspekt: „Es gibt eine riesige Vielfalt von Planeten da draußen. Auf den großen könnte man kaum gehen, auf den kleinen meterhoch springen. Aber in Filmen scheinen zufälligerweise alle immer genau dieselbe Masse wie die Erde zu haben.“

Als Moore nach der Hälfte des Films gesteht, dass er im Grunde Star Trek lieber mag als Star Wars, ist man nicht wirklich überrascht. Die Fans von Star Wars und Star Trek sind sich, seit es die Filme gibt, in liebevoller Feindschaft verbunden, wobei unter Wissenschaftlern die Fernsehserie rund um das Raumschiff Enterprise eindeutig beliebter ist. Das hat vor allem mit dem schmutzigen Geheimnis zu tun, das die Star-Wars-Filme umgibt: Genau gesehen gehören sie gar nicht zum Genre der Science-Fiction.

Das wird offensichtlich, als Luke Skywalker von Yoda lernt, die „Macht“ zu nutzen, jene geheimnisvolle Fähigkeit der Jedi-Ritter, die ihnen erlaubt, allein mit der Kraft der Gedanken Leute zu beeinflussen oder Gegenstände zu bewegen. „Das ist pure, unverfälschte Fantasy“, sagt Moore resigniert, „das ist es, was Fantasy-Fans wollen: geheimnisvolle Kräfte, Gedankenlesen, schwebende Dinge.“ Mit Science-Fiction hat das wenig zu tun. Science-Fiction meidet das Übernatürliche, die erdachten Elemente sollten plausibel innerhalb des wissenschaftlichen Zusammenhangs der Geschichte erklärbar sein, steht auf Wikipedia.

Besteht denn wenigstens die Aussicht, dass unsere Urenkel ein Lichtschwert in den Händen halten werden? „Man brauchte einen tragbaren Fusionsgenerator, um das Plasma in einem Magnetfeld einzuschließen“, sagt Moore und schürt die Hoffnung, doch dann fährt er fort: „Es wäre wie ein Stück Sonne am Ende des Schwertgriffs, das augenblicklich die ganze Atmosphäre in einen Feuerball verwandeln würde.“ (von Reto U. Schneider)

„Return of the Jedi“ (1983) mit dem Ökonomen Tomáš Sedláček

Luke Skywalker befreit den gefrorenen Han Solo und seine Freunde aus der Gewalt von Jabba, der ums Leben kommt. Yoda stirbt und Luke erfährt, dass Prinzessin Leia seine Zwillingsschwester ist. Während die Rebellen versuchen, den neugebauten Todesstern zu vernichten, stellt sich Luke seinem Vater zum Zweikampf. Als der Imperator Luke umbringen will, weil er nicht auf die dunkle Seite der Macht wechselt, rettet Darth Vader seinen Sohn, tötet den Imperator und wird im Sterben wieder zu Anakin Skywalker. Die Rebellen zerstören den Todesstern.

Anfällig für die Macht sei ja vor allem das mittlere Management, sagt Tomáš Sedláček, als Luke Skywalker mit seinen Jedi-Tricks an Jabba scheitert, dem krötenhaften Chef der Unterwelt. „Die Bosse haben einen zu starken eigenen Willen.“ Und weil die Macht nur wirke, wenn man an sie glaube, würden die Tricks bei Robotern oder tierhaften Wesen auch nicht funktionieren. Es ist gegen zehn Uhr abends, Sedláček trinkt vor dem Beamer in seinem Arbeitszimmer Bier, isst Popcorn und hustet immer häufiger. Gerade ist der 38-Jährige von einem Vortrag in Wien zurückgekehrt, wo er sich schlimm erkältet hat, später werden ihn zwei Freunde hier im Zentrum von Prag abholen, um über Nacht in die Slowakei zu fahren. Sedláček ist einer der bekanntesten Ökonomen Europas, der in seinen Vorträgen auch immer wieder gern Star Wars zitiert.

Wer sich mit dem Querdenker „Return of the Jedi“ anschaut, gerät unweigerlich in weit entfernte Galaxien: Warum gibt es das Böse? (Damit es überhaupt Geschichten gibt.) Was tut der Teufel in seiner Freizeit? (Wahrscheinlich ist er nett, um sich von der Bosheit zu erholen; vielleicht macht er Wohltätigkeitsveranstaltungen.) Welche Rolle hätte der Markt in der Psychoanalyse? (Die des Vaters, der den jungen Menschen zum nützlichen Mitglied der Gesellschaft machen will.) Der Tscheche hat den Bestseller „Die Ökonomie von Gut und Böse“ geschrieben, er unterrichtet an der Prager Karls-Universität, war ökonomischer Berater von Ex-Präsident Václav Havel und arbeitet für die Bank ČSOB als Chefvolkswirt. Doch Sedláček sieht dem haarigen Chewy ähnlicher als einem Topbanker. Er hat gekrauste rote Haare, einen roten Bart und trägt einen Kapuzenpulli; eigentlich wollte er für den Filmabend noch rasch ein T-Shirt kaufen: „Up the fuck shut you must“, steht darauf, darüber Yodas runzliges Gesicht. Der Laden war aber schon zu.

„Die Macht stark in deiner Familie ist“, haucht der sterbende Yoda, und Sedláček stoppt den Film. Es ist die Macht, die ihn fasziniert, oder besser: der Glaube daran. Als Kind war seine Lieblingsszene die aus „The Empire Strikes Back“, wo Luke beobachtet, wie Yoda mit purer Geisteskraft ein Raumschiff aus dem Sumpf hebt: „Ich kann es nicht glauben“, sagt Luke, und Yoda antwortet: „Deshalb scheiterst du!“ – „So geht das dann ja immer weiter“, ruft Sedláček begeistert, „Luke kann es zuerst gar nicht glauben, dann glaubt er es ein bisschen, will es aber noch stärker glauben, selbst als Jedi befallen ihn wieder Zweifel. Glaube ist der Schlüssel in vielen Geschichten – in Star Wars genauso wie in Matrix, aber eben auch in der Ökonomie!“ 45 Minuten sind seit dem Filmstart vergangen, und wir sind mitten in einem Thema, mit dem sich Sedláček bei manchen Kollegen unbeliebt gemacht hat: Er weigert sich, Wirtschaftswissenschaften als streng rationale, zahlenbasierte Wissenschaft zu betrachten. Stattdessen erforscht er die Ursprünge unserer Vorstellung über das Besitzen, Einnehmen und Ausgeben in der Literatur, bei den Religionen und eben auch in Filmen. Oder anders: Sedláček sucht nach Wirtschaft in den Mythen – und nach Mythen in der Wirtschaft.

Tomáš Sedláček nimmt Star Wars als Sinnbild dafür, dass man die Ökonomie auch als Glaubenssystem betrachten kann. Bei beiden gibt es Auserwählte (Yoda, die Ökonomen), die vorgeben, die Regeln zu kennen („Wut und Angst führen auf die dunkle Seite“, „Eigennutz bewirkt letztlich Gutes“), nach denen dann unsichtbare Kräfte wirken (die Macht, die unsichtbare Hand des Marktes). Und beide sind darauf angewiesen, dass ihr Publikum daran glaubt. „Das Problem ist, dass die Mainstream-Ökonomie mit ihren mathematischen Modellen vorgibt, neutral und objektiv zu sein“, sagt Sedláček. Dabei seien auch Wirtschaftsindikatoren und Konjunkturprognosen letztlich nichts anderes als Geschichten und Parabeln; man müsste die Ökonomie deshalb eher als Religion denn als exakte Wissenschaft behandeln. „Nehmen wir die unsichtbare Hand des Marktes“, sagt der Ökonom, als ein geisterhafter Obi-Wan Kenobi ins Bild schwebt. Die berühmte Metapher von Adam Smith beschreibt eine unsichtbare Macht, die dafür besorgt ist, dass das eigennützige Gewinnstreben des Einzelnen zum Wohl der Gesellschaft führt. Das sei keine empirisch erforschte Wahrheit, sondern etwas, woran man glauben könne oder eben nicht, sagt Sedláček. Außerdem: „Das mythologisch stärkste Bild unserer modernen Ökonomie ist eine Geisterhand ohne Körper, losgelöst von jedem Gehirn. Ich bin nicht sicher, ob wir ausgerechnet darauf vertrauen sollten.“

Man könnte jetzt glauben, Sedláček sei wieder in ein fernes Universum geraten. Aber in Star Wars kommt die unsichtbare Hand des Marktes tatsächlich vor, als gewaltiges Raumschiff der „Trade Federation“; diese „Invisible Hand“ endet in „Revenge of the Sith“ allerdings als manövrierunfähiges Wrack. Er habe übrigens kein Problem damit, an die Möglichkeit einer unsichtbaren Hand zu glauben, sagt Sedláček. Der Gedanke, dass aus Bösem Gutes entstehe, dass man den Teufel vor den Karren spannen könne, dass es eine Kraft gebe, die stets das Böse wolle und stets das Gute schaffe: der sei sehr alt. „Man kann also gerne annehmen, dass es diese unsichtbare Hand gibt, man kann es sich auch wünschen. Aber selbst wenn ich an sie glaube, finde ich doch, sie funktioniert einfach nicht gut genug.“ Man hat dem Ökonomen Sedláček auch schon vorgeworfen, er hasse die Ökonomie. Aber das stimme nicht, sagt er. Er betrachte die Ökonomie nur nicht wie ein Priester die Religion, sondern wie Literaturkritiker die Literatur.

Sedláček unterbricht den Film, diesmal, um nachzuschenken. In Prag holt man sich das Bier in Tonkrügen aus der nächsten Kneipe, und dieses hier haben Freunde von ihm gebraut. Freundschaft, sagt er, sei übrigens mit ein Grund, warum das Imperium nicht gewinnen könne. Seit einer Weile stürmen die Rebellen nun schon gegen den Todesstern an, und obwohl der Imperator die besseren Raumschiffe und Waffen hat, wird er schließlich doch verlieren. Es ist der klassische Kampf von „High-Tech, Low-Life“ gegen „Low-Tech, High-Life“, der auch in Filmen wie Matrix oder Avatar zu sehen ist. Die technisch perfekte, aber kalte Macht unterliegt primitiveren, aber moralischen Völkern: „Und wir, die in einer immer technologisierteren Welt leben, schlagen uns in solchen Geschichten fast automatisch auf die Seite der Primitiveren“, sagt Sedláček. „Wir sind eben janusgesichtige Wesen. Wir wollen den Fortschritt, und gleichzeitig fürchten wir ihn. Wir begehren etwas, aber unter dem Begehren versteckt sich meist noch ein anderes Begehren.“

Han Solo etwa, der zynische Weltraumcowboy, der nicht zufällig „Solo“ heißt, schließt sich den Rebellen an, weil sie ihm Geld bieten; er maximiert also seinen persönlichen Nutzen, „ganz Homo oeconomicus“. Doch dann kommt ihm etwas dazwischen, sagt Sedláček: „Solo will zwar das Geld, aber noch mehr will er jetzt Prinzessin Leia ins Bett kriegen – oder romantischer formuliert: Solos Handlungsmotiv verschiebt sich vom Geld zur Liebe.“ Der Mensch sei eben nicht berechenbar, und er handle auch nach Werten, für die es keine Preise gebe.

Deshalb kämpft das Böse so gern mit geklonten Stormtroopern wie in Star Wars oder mit einem ins Unendliche vervielfältigten Agent Smith aus Matrix. Deshalb fördern Diktaturen Kameradschaft statt Freundschaft, deshalb redet man in Firmen immer von Teams und von Kollegen: Kameradschaft ist die effizienteste Art, als menschliche Gruppe zusammenzuarbeiten. Wer sich aber wirklich nahekomme, sagt Sedláček, nutze seine Zeit nicht mehr nur zur Produktion. „Freunde kommen auf seltsame Ideen – und trauen sich eher, sie auszuführen.“ Der Imperator scheitert also, weil er in seinem durchorganisierten Reich nicht mit unkalkulierbaren Werten wie Freundschaft, Liebe oder – wie bei Darth Vader, der den Imperator schließlich tötet – Mitleid rechnet.

Es ist nach Mitternacht, und Sedláček muss bald los in Richtung Slowakei; er wird im Auto schlafen. „Ohne Freunde wäre das kein Spaß“, sagt er. Höchste Zeit also für das Happy End: Luke Skywalker ist ein Jedi, der Imperator tot, der Todesstern zerstört, Darth Vaders Seele gerettet, Han Solo mit Prinzessin Leia vereint; und beim Fest im lauschigen Wald tanzen Menschen, Felltiere und Roboter in schönster Eintracht. Ein Gedanke noch, sagt Sedláček über die Flötenmusik hinweg: „Stellen wir uns kurz vor, das Imperium hätte gesiegt. Würden sie jetzt feiern? Auf keinen Fall! Das Imperium würde sofort weiter expandieren.“

Ein letztes Mal schweift der Ökonom ab. Der Wettkampf, das Streben nach Wachstum: „Wir sind in ein Rennen verwickelt, zu dem niemand gerufen hat. Es gibt keinen Preis zu gewinnen für das höchste Bruttosozialprodukt.“ Die ideale Welt von Tomáš Sedláček kehrte zum Sabbatgebot zurück: Sechs Tage lang würde man sich anstrengen und versuchen, die Welt zum Besseren zu verändern, am siebten aber schaut man zufrieden umher: Wir sollten innehalten und uns freuen, sagt Sedláček: „Darüber, dass wir satt sind, ein Bier vor uns stehen haben – und einen Job, der uns erlaubt, gemeinsam Star Wars anzuschauen.“ (von Barbara Klingbacher)