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Liebe und Lust

Vom Burnout zum Sexout

von Birgit Schmid / 13.03.2016

„Die Bewegung der ganzen Welt läuft auf Paarung hinaus“, hat Montaigne gesagt. Und dann das. Die Lichter sind gelöscht, die Laken ans Kinn gezogen, da liegt das Paar im Pyjama und kehrt einander den Rücken zu. Die Körper werden schwer. Gute Nacht, guten Morgen. Dazwischen ist nichts passiert. So geht das seit Wochen.

Dieser Zustand, wenn zwei Menschen nebeneinander ruhen und sich in Ruhe lassen, wird vermehrt als Leiden wahrgenommen. Man redet von der Not, dass Paare keinen Sex mehr haben. Neuerdings gibt es den Begriff „Sexout“ dafür: Wie beim Burnout, der Erschöpfung durch Überarbeitung, hat die Leidenschaft die Leidenschaft aufgezehrt. So jedenfalls nennt es Wilhelm Schmid, der Lebenskunstphilosoph, in seinem neuen Buch und mahnt: „Fast alle kann es treffen.“

Therapeuten bestätigen, dass es viele getroffen hat, sie sehen ja nur die. Und raten gegen die Sexmüdigkeit: Kerzenlicht, ein Wochenende in Paris, Rituale wie die Verabredung im Bett am Sonntagmorgen. Schmid hingegen schlägt in seiner Kunst des guten Lebens Nachdenken vor, was nun auch nicht so triebhaft klingt.

Vor allem aber: Je mehr etwas als Mangel benannt wird, desto mehr Leute erleben sich als mangelhaft. Schon das Reden über Frequenzen orientiert sich an einem Ideal. Dabei ist das Flackern der Lust nicht neu; neu sind nur der Aufruhr und die Gründe, die dafür gefunden werden. Das Verwechseln von Lieben mit Leistung, das innere Pornokino, ja sogar: die fordernden Frauen seien schuld daran, dass der Sex aussetze.

Nun hat das Statistikamt soeben vermeldet, es gebe einen neuen Babyboom. Das ist nur scheinbar ein Widerspruch zu den kalten Betten. Der Stress nimmt mit kleinen Kindern zu und die Libido darum ab.

Und jetzt: Ist das schlimm? Romantikerinnen sagen, sie wollten das Begehren nicht für die Elternschaft opfern – und da ist etwas dran. Andererseits überlegt sich das kaum jemand, bevor er oder sie eine Familie gründet. Zumal sich der Triebhaushalt nicht berechnen und kontrollieren lässt wie die Haushaltskasse. Schwankungen gehören dazu. Arbeitsame Phasen, in denen man abends bewusstlos ins Bett sinkt. Schon früher kamen Bauernkinder nicht zufällig neun Monate nach Ende der Erntezeit zur Welt.

Es stimmt, Sex bleibt die stärkste Antriebskraft, wie Montaigne schon sagte und Sigmund Freud belegte. Was man tatsächlich bedauern kann, ist die Zähmung dieser Kraft im zivilisatorischen Prozess. Man möchte die Natur dafür einklagen, dass sich das Begehren entgegengesetzt zur Länge einer Beziehung verhält. Und die Pyjamahersteller dafür, wie sie die Abstinenz nach den ersten textilfreien Nächten befördern.

Zum Schluss doch noch die obligate Frage, die Umfrage ist anonym: Wie oft haben Sie Sex? Täglich. Dreimal. Einmal im Monat. Nie. Es ist okay. Es ist okay. Es ist okay, solange niemandem etwas fehlt. Solange der eine nicht leidet, weil der andere nicht mehr will. Hilfreich könnte aber auch eine neue kanadische Studie sein, an der 30.000 Leute teilgenommen haben und die herausfand, dass jene Paare am glücklichsten sind, die einmal pro Woche miteinander schlafen, unabhängig von Alter, Geschlecht und Beziehungsdauer. Paare haben häufiger Sex, wenn sie zufrieden sind, lässt sich daraus folgern, und umgekehrt: Sie sind zufriedener, weil sie regelmäßigen Sex haben.

Sie sollten es also tun: Das Licht ist aus, Gute Nacht gesagt, der Körper eingerollt. Einer beginnt. Fuß berührt Fuß, eine Hand langt herüber.