Morgengrauen

Vom Elend positiven Denkens

Gastkommentar / von Peter Strasser / 09.05.2016

Think positive! Denk positiv! Das sind halt so dumme Sprüche, mit denen man leben kann, indem man sie ignoriert. Wie sollte denn das positive Denken ausschauen angesichts des Dauerzustands der Welt, der heute getoppt wurde durch das verbrannte Frühstücksbrötchen, das mir aus dem Ofenrohr entgegendampfte? Und warum – geradeheraus gefragt – war mein Frühstücksbrötchen, statt mir goldbraun entgegenzulachen, verbrannt?

Weil es bereits in aller Herrgottsfrühe an meiner Wohnungstür klingelte und ein armer Hascher draußen stand, der mir einen Werbeprospekt entgegenhielt, und zwar von einer Bäckerei, die sich anheischig machte, mir in aller Herrgottsfrüh ein Brotkörbchen voll knusprigen Gebäcks in die Wohnung zu liefern. Quer über dem Prospekt waren Brezeln und Salzstangen abgebildet, die sich zu einem Schriftzug formierten: Denk positiv!

Sakra, statt positiv zu denken, verfluchte ich, meinem stinkenden Ofenrohr entgegeneilend, das Elend der Welt, nicht ohne dem armen Hascher vor meiner Tür rasch ein fürstliches Trinkgeld für was auch immer zu geben (ich brauche keinen Frühstücksprospekt). Daraufhin fühlte ich mich gleich besser, trotz des Anblicks meines Frühstücksbrötchens, dem nicht mehr zu helfen war. Es würde heute wohl das übriggebliebene Brötchen von gestern werden, verschrumpelt, zäh. Aber immerhin, ich könnte es ja in den Kaffee tunken, ohne dabei positiv zu denken, nicht wahr? Und so denke ich doch noch positiv, indem ich’s einfach ignoriere, das verflixte positive Denken.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).