Morgengrauen

Vom Endlich-ausgelernt-Haben

Gastkommentar / von Peter Strasser / 12.06.2016

Gestern The Intern angeschaut. Aus Anlass dieser Filmkomödie mit dem freundlich alternden Robert de Niro und der reizend quecksilbrigen Anne Hathaway ging vor einiger Zeit wieder einmal ein Gemeinspruch um, der unsereinen den seelenruhigen Schlaf – der meine Sache ohnehin nicht ist – verdirbt: Man lernt nie aus.

Als ich heute Morgen meine Morgenliturgie feierte (mit dem falschen Fuß aus dem Bett steigen, im Ofenrohr bei 60 Grad Umluft drei Frühstücksbrötchen für meine Frau und mich aufbacken, den Filterkaffee durchrinnen lassen, dazwischen Morgenwäsche, hinterher den Tisch in unserer Frühstücksecke neben dem Fensterbrett mit den sich zur Sommerblüte rüstenden Orchideen decken …) – während ich also das alles mit einer, ich muss schon sagen, heiligen Ehrfurcht vor dem schönen Immerselben tat, da fasste ich zum x-ten Mal den Entschluss, an dem mir geschenkten neuen Tag nichts dazuzulernen. Absolut nichts!

Das umlaufende Gerede übers „lebenslange Lernen“, wonach unser Leben vom Saugen an der Mutterbrust bis zum Exitus dem Lebenstüchtigkeitsimperativ „Man lernt nie aus!“ genügen müsse, war ein perfider Teufelstrick. Durch ihn sollten wir daran gehindert werden, während unseres kurzen Erdendaseins jemals halbwegs irgendwo anzukommen – zum Beispiel bei einem gedeckten Morgentisch, dessen stiller Glanz uns ein Sinnbild des Bleibenden sein mag, während doch alles hier und jetzt von der Zeit hinweggerafft wird. Mein Stoßgebet, jeden Tag erneuert: Endlich ausgelernt haben, amen!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).