Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Vom Gehen über Lebende

Gastkommentar / von Peter Strasser / 12.03.2016

Blick in die Zeitung. Der eiserne Zaun gegen Asylsuchende. Wachtürme. Anderswo Soldaten, um die neue „Völkerwanderung“ einzudämmen. Daneben die Kommentare jener, welche uns mit ihrer Vernunft, ihren rationalen Planspielen, ihrem Einerseits-Andererseits vor dem schieren herzzerreißenden Elend erkalten lassen.

Wir betrachten die Bilder ausgemergelter Menschen, die fast schon zu Tode erschöpft sind, darunter wie immer Mütter mit ihren Kindern, auch Hochschwangere, während die zeitgemäßen Frühstücksmenschen unter uns ihren Latte Macchiato schlürfen (so heißt übrigens die neueste „Soziologie der kleinen Dinge“: Latte Macchiato, von Tilman Allert).

Heute außerdem in der Zeitung: die Analyse eines Kollegen, der sich die jetzt unter Geistesmenschen verantwortungsethisch gebotene Attitüde der Gelassenheit zugelegt hat. Zwar zieht er rhetorisch die Augenbrauen hoch, sobald er über die „Mauerbauer“ (??) spricht, besonders aber mokiert er sich über die „Gutmenschen“, die einfach so helfen wollen …, das ist doch idiotisch, oder? Mir kommt vor, die Losung der Gelassenheitshumanität lautet: Wir gehen nicht über Leichen, wir gehen über Lebende.

Ding-Dong, eine SMS von einem mir befreundeten Idioten: Er hat schon wieder eine Internetinitiative gestartet, er will helfen, einfach so … Ich umarme den Gutmenschen virtuell und bin immerhin fähig, den Bissen meines Frühstücksbrötchens, der mir im Hals stecken geblieben ist, hinunterzuschlucken. Zu mehr reicht’s bei mir momentan auch nicht.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen. Dieser Tage erschien sein aktuelles Buch „Achtung, Achtsamkeit“ im Braumüller Verlag.