Morgengrauen

Vom Schlafen bei offenen Augen

Gastkommentar / von Peter Strasser / 10.10.2016

Dass ich noch mein ganzes Leben verschlafen werde, war einer der elterlichen Vorwürfe, die ich zu hören bekam, sobald ich mich, statt aus dem Bett zu springen, mein Gesicht erneut tief in das Polster drückte. Als Langschläfer war man, so schien es, Mitglied einer über die Welt verstreuten Schicksalsgemeinschaft, deren Mitglieder einander nicht kannten, aber eines gemeinsam hatten: Ihnen allen drohte, am Ende ihrer Tage, dem Sensenmann beichten zu müssen, dass sie ihr Leben verschlafen hatten.

Daran musste ich neulich denken, als aus dem Gespräch zweier Frauen, die mit mir zusammen auf den Bus Richtung Urnenfriedhof (mit Zwischenstation „Universität“) warteten, ein in die Frühmorgenkälte gehauchter Satz aufstieg: „Er wird noch bei offenen Augen sein Leben verschlafen.“ Als ich diese von einem tiefen Seufzer begleitete Prognose hörte – offenbar der Seufzer einer besorgten Mutter –, da stieg vor meinem inneren Auge eine Lebensutopie auf, die zu erreichen mir als das höchste aller Ziele erschien: Man geht nicht blind durchs Leben; man sieht die Dinge, wie sie sind – sie sind meistens so, dass sie man sie besser verschliefe –, und voilà: Man verschläft sie offenen Auges!

Die Welt wäre dann da, aber eingelassen wie in einen wundersamen Traum, der bald schon zu Ende sein würde, freilich ohne die Drohung eines plötzlichen Erwachens hinein in jenes Reich des Schreckens, den man Realität nennt. Der Bus kam: Ab ging’s Richtung Universität, mit Endstation „Urnenfriedhof“!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Letzteres gibt es nun auch in Buchform:„Morgengrauen. Journal zum philosophischen Hausgebrauch“.