Morgengrauen

Vom wörtlichen Aus-der-Haut-Schlüpfen

Gastkommentar / von Peter Strasser / 06.09.2016

Wir haben eine Freundin, die sich in einem fort beklagte: „Was soll ich tun, ich kann aus meiner Haut nicht heraus?!“ Sie meinte es wortwörtlich. Möglicherweise, so dachten wir, war unsere Freundin außerstande, den Sinn geflügelter Worte zu erfassen. Immer wieder versuchte meine Frau, sie zu beruhigen: „Du solltest dich in deiner Haut wohlfühlen.“

Auch ich gab gerne meinen Senf dazu, indem ich die Situation durch ein Späßchen aufzulockern suchte – zum Beispiel: „Deine Haut gehört dir!“ –, was natürlich das Dümmste war. Bloß kein Späßchen über ein geflügeltes Wort, das wortwörtlich genommen wird. Von unserer Freundin bekam ich zu hören, dass, wenn es stimmte, dass ihre Haut ihr gehörte, sie dann wohl das Recht habe, mit ihr zu machen, was sie wolle, oder? Auch unser wiederholter Versuch, unserer Freundin zu erklären, dass man den Satz „Ich kann aus meiner Haut nicht heraus“ keinesfalls wörtlich nehmen solle, sondern bloß als Ausdruck dafür, dass man eben sei, wer man sei – und im Übrigen kein Grund, sich von Grund auf zu ändern –, wurde barsch zurückgewiesen. Unsere Freundin wollte sich nicht ändern, sie wollte bloß aus ihrer Haut heraus.

Gestern, spätabends, rief sie an und verkündete, es sei ihr endlich gelungen, aus ihrer Haut zu schlüpfen. Endlich! Obwohl wir ihr sofort gratulierten, plagt meine Frau und mich heute das blanke Morgengrauen: Was, wenn unsere Freundin tatsächlich aus ihrer Haut schlüpfte, nur, weil sie außerstande ist, den Sinn geflügelter Worte zu erfassen?

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).