Digitale Sehnsucht

Von der Liebe zum Smartphone

von Milosz Matuschek / 18.10.2015

Der Jurist und Publizist Milosz Matuschek macht sich Gedanken über Liebeskrankheiten und digitale Sehnsüchte.

Sie sind ein sehr begehrter Mensch. Täglich werden Sie mit der Bitte um Streicheleinheiten, um Zuwendung und Kontakt geradezu angefallen. Es beginnt schon frühmorgens, wenn der Wecker klingelt, und endet erst, wenn Sie abends ins Bett gehen. Sie sind auch ein guter Mensch. Sie kommen dem Kontaktwunsch gerne nach, schenken diesem sich nach Liebe sehnenden Gegenüber täglich bis zu 88 Mal Ihre Aufmerksamkeit. Das muss ein ganz besonderer Mensch sein, könnte man meinen, der sich da so viel Zuwendung verdient.

Belohnung in Form von SMS

Tatsächlich handelt es sich nicht um einen Menschen. Es ist das Smartphone, das täglich im Schnitt alle 18 Minuten die Blicke von Millionen Menschen in seinen Bann zieht. Jüngere Smartphone-Benutzer blicken im Schnitt sogar 100 Mal pro Tag auf ihr Gerät und verbringen drei Stunden täglich damit, so das Ergebnis einer Studie mit 300.000 Teilnehmern, die der Bonner Informatikprofessor Alexander Markowetz durchgeführt hat und in seinem erschreckend entlarvenden Buch „Digitaler Burnout“ darlegt. Im Vergleich mit dem heutigen Nutzerverhalten muss die Zuwendung an das Tamagotchi in den neunziger Jahren in die Kategorie „Vernachlässigung“ fallen. Das Smartphone ist ein Aufmerksamkeitsstaubsauger. Es buhlt um Synapsen im Gehirn wie mittelalterliche Minnesänger um das schöne Burgfräulein. Statt mit Gedichten und Lautenklängen besticht es sie mit zur Abholung bereiten, tatsächlichen oder potenziellen Belohnungen in Form von SMS, Mails oder ein paar Punkten durch zerplatzte gelbe Bonbons bei „Candy Crush“.

Die vollkommene Fixierung

Die digitale Liebessehnsucht scheint das Pendant zur echten Liebeskrankheit geworden zu sein, wie sie seit der Antike gerne beschrieben wurde. Das digitale Zeitalter ist so gesehen die Wiederkehr des Althergebrachten – hier der Stoffabhängigkeit im Gewande des Substitutionsprogramms. Das Phänomen der Liebeskrankheit ist heute, weil zu kitschig, nicht einmal mehr ein Thema für Heftchenromane. Die digitale Abhängigkeit hat es in Form des Films „Her“, in welchem Joaquin Phoenix sich in seinen Computer verliebt, immerhin schon ins Kino geschafft. Liebeskrankheit und Monopolisierung der Aufmerksamkeit durch Smartphones liegen sich tatsächlich näher, als man auf den ersten Blick erahnen würde. Smartphones sollen nach Ansicht einiger Hirnforscher die gleichen Hirnareale aktivieren wie die Liebe. Nur mit Liebeswahn ist wohl auch zu erklären, warum Menschen bereit sind, vor einem Handygeschäft zu zelten. Zudem ist die vollkommene Fixierung auf ein Liebesobjekt dem Betroffenen als im Grunde irrationales Verhalten ebenso bewusst wie dem Smartphone-Benutzer das mehrmalige E-Mail-Checken binnen fünf Minuten.

Digital Detox

Die Liebeskrankheit von früher trifft sich mit der digitalen Erotomanie von heute schließlich im Gedanken der „Passion“, im Zustand des passiven Erleidens der Situation. „Dagegen bin ich machtlos“, hiess es so schön in Choderlos de Laclos’ „Gefährliche Liebschaften“. Das war 1782. Das würde wohl auch der Handybesitzer sagen, wenn er in zwanghafter Daumenbewegung über das Display wischt. Der Fortschritt zeigt sich immerhin noch an den Mitteln zur Bekämpfung des Phänomens: An die Stelle der endgültigen Lösung eines jungen Werther ist der Digital Detox getreten, der kalte digitale Liebesentzug.