Goran Basic / NZZ

Von Vögeln, Migranten und Narrativen

Meinung / von Martin Beglinger / 17.09.2016

Jede Zeit und jede Zunft hat ihre Lieblingsbegriffe. Unter Historikern zählt das „Narrativ“ schon länger zu den Favoriten. Auch am jüngsten (und erstmals durchgeführten) „Körber History Forum“ in Berlin war der Begriff oft zu hören. Eines der vielen Themen des Forums war Migration, und gerade hier ist die Forderung nie weit, es brauche endlich ein „Gegennarrativ“ zur politischen Rechten, das Migration nicht nur als Problem oder gar als Katastrophe darstelle.

Natürlich gibt es diese andere grosse Erzählung. Sie geht in Kürze so, wie es ein junger deutscher Historiker in einer Gesprächsrunde zum Thema „historische Kontextualisierung und Vermittlung aktueller europäischer Fluchtgeschichte(n)“ skizzierte: Migration gab es schon immer, sie ist der menschliche Normalfall und wirkt befruchtend für die Gesellschaften. Bereits für das 11. Jahrhundert, ergänzte eine Mediävistin enthusiastisch, liessen sich sehr geglückte Fälle von Migration belegen – sozusagen historische Vorläufer der Willkommenskultur. Das war dann der Moment, in dem sich der amerikanische Historiker Norman Naimark doch zu kurzer Gegenrede provoziert fühlte. Der Stanford-Professor, der sonst zu „viel Geduld“ und einem „moderaten Kosmopolitanismus“ rät, sagte nun: „Ich kann nicht viel anfangen mit der Vorstellung, alle Menschen seien Migranten. Wir sind keine Vögel. Migration hatte immer viel mit Gewalt, mit Tod und Vertreibung zu tun.“

Welche Probleme?

Ob wir nun Vögel sind oder nicht: Was sie jenen syrischen oder afrikanischen Flüchtlingen in den „welcome trainings“ an historischem Grundwissen über Deutschland beibringen solle, wollte eine Pädagogin von der Historikerrunde wissen. Erste Antwort: Es gebe viel zu wenig Lehrkräfte für diese Aufgabe. Zweite Antwort: Man sei sich ja nicht einmal untereinander einig, welches Narrativ denn nun für Deutschland gelte. Beides stimmt und war doch nicht wirklich hilfreich für die Pädagogin. Umso aufschlussreicher war die Bemerkung einer niederländischen Museumskuratorin, die in Berlin mit muslimischen Flüchtlingen arbeitet. Sie wage, so erzählte sie, im Asylbewerberzentrum nicht offen zu sagen, dass sie jüdische Wurzeln habe – „weil das sonst Probleme gäbe“. „Probleme.“ Mehr sagte sie nicht dazu, und auch sonst herrschte Schweigen in der Runde. Dass gerade die Nulltoleranz gegenüber Antisemitismus wohl zur ersten Geschichtslektion für Flüchtlinge in Deutschland gehört, hielt niemand für erwähnenswert. Es hätte womöglich das alternative Migrationsnarrativ gestört.

Ganz anders hingegen die Reaktion, als ein polnischer Forumsteilnehmer erklärte, die europäischen Flüchtlingsströme nach 1945 seien nicht vergleichbar mit jenen von 2015, weil der kulturelle Hintergrund der heutigen Flüchtlinge aus arabischen oder afrikanischen Ländern ein ganz anderer sei als damals. Diese Ansicht löste umgehend scharfen Widerspruch aus. Heute brauche es eben „die Konstruktion von mehreren Identitäten“, fand ein Historiker aus Paderborn. Die Kuratorin, die ihre Herkunft lieber verschweigt, erklärte, wie wichtig es sei, „über die Werte zu reden, die hier in Europa gelten“.

„Wir sind zu spät“

Schliesslich meldete sich ein Historiker „mit Migrationshintergrund“ zu Wort und erklärte: „Es ist ja schön, wenn wir in die Schulen gehen und verkünden, dass die Migration ein ganz normaler Vorgang ist. In diesem Raum mag man das so sehen, aber wir sind zu spät. Mit dieser idealistischen Haltung verlieren wir unseren Einfluss auf die europäische Debatte.“ Wer es nicht glaubte, der hätte wohl nur einmal kurz einen Türsteher zu fragen gebraucht, der den Eingang zum „History Forum“ überwachte.