Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Vorm Tribunal der Jein-Sager

Gastkommentar / von Peter Strasser / 17.12.2015

Erst neulich hatte die renommierte Kunstkuratorin (studierte Philosophin!) erklärt, dass alle Realität relativ sei. Als ich nun gegenüber jüngeren Kollegen, lauter beherzten Vätern, die Frage aufwarf, ob man Kindern die Realität erklären solle, falls es wahr sei, dass sie relativ sei, stieß ich auf Watte-Rhetorik.

„Ja und nein“, also jein. Irgendwie stimme es ja – oder nicht? –, dass irgendwie alles relativ sei.

Jein, das war die Kompromissformel, auf die man sich, nach mancherlei „Nachfragen“, schließlich zu einigen schien. In mir stieg indes eine bösartige Ungeduld mit den beherzten Vätern auf, deren Gerede ich für den erbärmlichen Ausdruck einer Erziehung zur Realitätswattierung hielt, die sich bruchlos mit einem geradezu solipsistischen Karrierewillen für den eigenen Nachwuchs paarte.

Also erläuterte ich, ganz ultimatives Pokerface, den beherzten Vätern kurzerhand den Realitätssinn meiner realitätstüchtigen Enkeltöchter, die sich am Weltbild der Lillifee orientierten: „Simsalabim!“ Alle lachten, aber darin schien mir keine rechte Selbsteinsicht zu stecken.

Heute Nacht wurde ich dann vor das Traumtribunal der beherzten Väter gezerrt. Ich sollte meinem „kindischen“ Glauben daran, dass die Realität ein Zauberkunststück sei – eine Schöpfung gar – abschwören. Das tat ich mit gekreuzten Fingern auf dem Rücken. Und mit gekreuzten Fingern auf dem Rücken erwachte ich – übrigens eine unbequeme Lage –, wobei ich den Traumschatten noch beherzt nachmurmelte: „Simsalabim!“

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.