Jacob Sempler

Neues Verkehrszeichen in Stockholm

Vorsicht, Smartphone-Zombies!

von Rudolf Hermann / 27.11.2015

Sie sind inzwischen überall: Leute, die mitten im Verkehrsgewühl auf ihre Smartphone-Bildschirme starren. Kann man sie vor sich selber schützen? NZZ-Korrespondent Rudolf Hermann über „Smombies“ und was sie anrichten könnten.

Wo anders als in Stockholm hätte ein solches Verkehrsschild auftauchen können? Es musste Stockholm sein. Denn es existiert kaum ein Schwede, der sich nicht als Tech-Freak verstünde, Stöpsel im Ohr, den Blick auf den Bildschirm des Smartphones geheftet. Dass dies nicht immer eine gute Idee ist, namentlich, wenn man sich mitten auf der Straße befindet, musste unlängst Jacob Sempler feststellen.

Fast von Auto angefahren

Und zwar im Moment, da er beinahe von einem Auto umgefahren wurde, weil er den Facebook-Chat wichtiger fand als das Beherzigen elementarer Grundsätze der Verkehrssicherheit als Fußgänger. Das Erlebnis brachte ihn, zusammen mit seinem Kumpel Eric Tiismann, auf die Idee, mit einem „persönlichen Kunstobjekt“ seine Mitbürger auf die Gefahren aufmerksam zu machen, denen man sich aussetzen kann, wenn man als „Smartphone-Zombie“ durch die Gegend läuft. Die beiden kreierten ein warnendes Verkehrszeichen, das zwei gebückte Gestalten zeigt, die auf ihre Handys starren – sogenannte „Smombies“. So verbreitet ist die Spezies inzwischen, dass ihre Bezeichnung sogar unlängst im deutschen Sprachraum vom Langenscheidt-Verlag zum „Jugendwort des Jahres gekürt“ wurde. Montiert wurde das in drei Versionen erstellte „Kunstobjekt“ etwa an einen Pfahl in der Götgatan, einer belebten Straße in Stockholms trendigem Ausgehviertel Södermalm. Namentlich abends wimmelt es dort von „Smombies“, die Sempler mit seiner Aktion vor sich selber zu schützen gedachte.

Gedankengang nicht logisch

Einer genaueren logischen Prüfung hält der Gedankengang allerdings kaum stand. Zwar montierte Sempler das Verkehrszeichen tatsächlich an einem sinnvollen Ort, nämlich etwa in der Mitte einer giftigen Steigung, wo von oben kommende Velofahrer schon mit erheblicher Geschwindigkeit vorbeisausen und in der Gegenrichtung den Hügel hoch keuchende Radfahrer nichts mehr hassen als geistesabwesende Tech-Freaks in der Fahrbahn. Doch wenn diese an ihren Bildschirmen hängen, wie sollen sie dann das Hinweisschild überhaupt wahrnehmen, geschweige denn sich der kommunizierten Warnung entsprechend verhalten? So war das Schild letztlich eine Warnung an alle anderen, nur nicht die, die es betreffen sollte.

Ob sich die Polizei all das auch überlegte, als sie nach wenigen Tagen das „Verkehrszeichen“ wieder abmontieren ließ, ist nicht bekannt. Dass sein Objekt in der realen Welt kaum überdauern würde, überraschte auch Sempler nicht, denn er war sich bewusst gewesen, dass seine Aktion nicht exakt den gesetzlichen Vorschriften entsprach. Aber da war das Bild davon schon längst im Cyberspace unterwegs. Mit Belustigung zu betrachten – zum Beispiel – auf einem Smartphone, mitten auf der Straße.