Morgengrauen

Vortritt vor den Dränglern im Glauben

Gastkommentar / von Peter Strasser / 07.04.2016

Als ich heute erwache, nachdem gestern im Hotel ein Hochzeitsbasar abgehalten wurde (ich spüre noch das Knistern der Erotik), fällt mir gleich wieder der Gott aller Menschen ein. Auf seine Höflichkeit sollte Verlass sein.

Mich fesselt – ich bin wohl theologisch noch nicht auf der Höhe des mysterium tremendum et fascinans – die Vorstellung eines Gottes, der, ohne zu eifern, durch sein Vorbild die Menschen zu unbedingter Höflichkeit verführte; der beim Eingang in das Ewige dem Ungläubigen ein bisschen die Tür aufhielte und ihm den Vortritt ließe vor den Dränglern im Glauben, egal welcher Konfession.

So ein Gott sollte der dummen Menschheit präsidieren, deren Mitglieder, angeblich Homines sapientes, einander wegen der Missachtung angeblich „ewiger“ Werte verachten, hassen und in den Tod bomben. Ein höflicher Gott würde uns armseligen Kreaturen vormachen, wie es wäre, die Grundregeln des zivilisierten Umgangs zu beachten. Der Hotelhochzeitsbasar leuchtete mir, unter all dem Fremdeln, dem Wegschauen und Blindstellen, als ein Höhepunkt der Menschlichkeit ein, weil er allen flanierenden Hotelgästen gleichermaßen offenstand, auch wenn man sich wortlos darin einig war, dass unsereiner (ich) zwischen den ausgestellten Herrlichkeiten eben nur Besucher war: einer, der wieder geht. Man blieb in der Anonymität seines eigenen Wesens und war doch anerkannt als einer, der hier und jetzt da ist. Dasein als Mitdasein: Das wäre das Wesen einer universellen Höflichkeit, um Gott zu gefallen.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen. Dieser Tage erschien sein aktuelles Buch „Achtung, Achtsamkeit“ im Braumüller Verlag.