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Die Würde des Menschen

Warum das Christentum und der Islam so unterschiedlich sind

von Yvonne Widler / 24.01.2016

Wenn der Theologe und Philosoph Matthias Beck über Europas Werte spricht, dann meint er das Christentum. Doch viele wüssten gar nicht, was Christentum eigentlich bedeutet, wie sehr unsere gelebte Kultur damit zu tun hat. 

Trotz Obergrenze oder Richtwert: Es leben Menschen in Österreich, deren kultureller Hintergrund sich massiv von unserem unterscheidet. Und weiterhin werden wir Flüchtlinge aufnehmen, die komplett anders sozialisiert wurden als wir. Viele Gedanken kreisen derzeit darum, wie man Flüchtlinge am besten in Europa, in Österreich, integrieren kann. Die Unterschiede zu unserer Lebensweise, den sozialisierten Werten und der gelebten Ethik sind eine Herausforderung. Religion ist dabei ein maßgeblicher Faktor. Deshalb sieht es der Theologe Matthias Beck als notwendig an, etwas über Christentum und dessen Entstehung zu erzählen.

Im Rahmen eines Vortrags beim „PEN Club Austria“ schilderte er, wie sich das Christentum entwickelt hat und warum unsere Gesellschaft die Würde des Menschen als oberste Prämisse sieht – anders als der Islam. „Mohammed kam 500 Jahre nach Christus. Es gibt viele Diskussionen, ob man den Koran überhaupt übersetzen darf. Weil Gott ja arabisch diktiert hat.“ Wer konvertieren will, werde mit dem Tode bedroht. Und es gebe niemanden, der authentisch für den Islam Stellung bezieht. „Anders in der katholischen Kirche, da gibt es den Papst und die Bischöfe. Ich bin ein katholischer Priester, wenn ich einen Muslim taufe, dann stehe ich auch auf der Todesliste. Ich schätze die Muslime sehr. Mit welcher Hochachtung sie von ihrem Glauben reden, das ist enorm. Aber nicht jeder Mensch ist gleich. Nicht jeder Muslim ist gleich. Natürlich gibt es auch aufgeklärte Muslime.“

Matthias Beck, Vortrag PEN-Club

Wer hier leben will, müsse die Demokratie akzeptieren. Die westlich-christlich geprägte Demokratie. Das steht im Islamgesetz. Und die meisten Muslime würden dies auch tun. „Verstehen Sie mich nicht falsch. Auf eines möchte ich hinweisen: Unsere Werte, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Würde des Menschen, der Zugang zu Intellekt und Wissen, der Sozialstaat, die Arbeitslosenversicherung, die Pensionsversicherung, das sind alles christliche Werte – das findet man nicht in arabischen Ländern, nicht im Buddhismus, nicht im Hinduismus.“

Das habe alles mit der Hochschätzung des Menschen zu tun. Mit der Würde des Menschen. Mit der Nächstenliebe.

Wir müssen verstehen, dass unsere säkularen Staaten letztlich der Ausdruck von Christentum sind, dass das unsere Werte sind, und dass zumindest die Gefahr besteht, wenn wir die Flüchtlinge jetzt alle aufnehmen – auch aus der Nächstenliebe heraus aufnehmen müssen – dass wir gleichzeitig Aufklärung betreiben müssen, warum unsere Staaten funktionieren, und warum ihre nicht. Wir müssen uns klar werden, welche Werte wir errungen haben. Wir müssen das diesen Menschen beibringen.

Matthias Beck sagt, wir sollen stolz sein. „Ich möchte wenigstens auf das Ungleichgewicht hinweisen, dass wir Werte errungen haben, auf die wir tatsächlich stolz sein können und diese Menschen daher aufnehmen. Ich möchte, dass der Islam eine Aufklärung durchmacht, damit die aufgeklärten Kräfte zum Vorschein kommen. Das ist ein langer Weg, und ich glaube, dass wir ihnen dabei helfen sollen.“

Mensch ist Mensch – nicht überall

Jeder Mensch hat eine bestimmte Moral. Wir schlagen einander nicht ins Gesicht, wir grüßen einander freundlich. Jeder Mensch hat eine bestimmte Erziehung genossen. Wir gehen einigermaßen fair miteinander um. Oder versuchen es zumindest. Dass das nicht überall auf der Welt so ist, wissen wir. „Ich war oft in Indien in Krankenhäusern, habe mich mit Hinduismus und dem Kastensystem beschäftigt. Da ist es keineswegs so, dass ein Mensch genauso viel zählt wie ein anderer. In Asien fehlen Millionen von Mädchen, weil durch Pränatal-Diagnostik überdurchschnittlich viele abgetrieben werden.“ Dass alle Menschen die gleiche Würde und die gleichen Rechte haben, ist also nicht selbstverständlich.

Warum sollen wir Menschen nicht töten? Warum haben wir eine bestimmte Auffassung von Gerechtigkeit? Warum ist ein Mann gleich viel wert wie eine Frau? Warum haben wir ein derartiges Krankenkassensystem? Die Antworten auf diese Fragen hängen Beck zufolge mit unserer Kultur zusammen. Mit unserer Ethik. Ethik ist das, was sittlich gut ist. Man lernt sie, indem man sie übt. Und schließlich sei unsere Ethik ausschlaggebend für die Entscheidungen, die wir treffen. Denn im Leben geht es immer um Entscheidungen, jeden Tag. Und wir sind bestrebt, die richtigen zu treffen. Eine philosophische Grundfrage, schon bei Aristoteles, war jene nach dem guten Leben.

„Eudämonie“, habe die Antwort der griechischen Philosophie geheißen. Das Wort setzt sich übersetzt aus „Gut“ und „Geist“ zusammen. Aristoteles hat vier Kardinaltugenden entwickelt, die zum Glück führen sollen: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß.

Was ist in 50 Jahren?

„,Der heilige Ignatius von Loyola, der viel von Aristoteles übernommen hat, sagte: Wenn du heute eine wichtige Entscheidung treffen musst, dann versetze dich in die Stunde deines Todes und überlege, wie du von dorther heute hättest entschieden haben wollen.‘ Der Mensch kann das. Wir können uns wenigstens als Bild in die Stunde des Todes versetzen und uns fragen, was ist in 50 Jahren? Was ist, wenn ich so weiterlebe?“, erklärt Beck. Gerade das Phänomen der Zeit sei für viele Menschen ein sehr befremdliches. „Es lohnt sich, immer wachsam zu sein. Weil das, was auf mich zukommt, nur jetzt auf mich zukommt und dann vorbei ist. Das alles ist entscheidend für unser Leben, und die Frage ist, ob wir Kriterien haben, kluge Entscheidungen zu treffen“, so Beck.

Die Entwicklung der Religionen

Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam. Das sind die fünf großen Religionen unserer Welt. Der Hinduismus ist eine Vielgötterreligion. An die Stelle der Unerklärlichkeiten wurden Götter gesetzt. Buddha hingegen hat eine Religion ohne Gott entworfen. Er hat sich gefragt, warum die Menschen leiden. Die Erklärung lag im weltlichen Leben. Weil die Menschen Geld haben wollen, weil sie Beziehungen haben wollen, weil sie Erfolg haben wollen. Demnach könne man sein Leid verringern, wenn man diese Dinge bleiben lässt. Denn sie verursachen früher oder später Leid – nach dem Motto: Wenn du viel Geld verdienst und dann nicht mehr, wirst du leiden. Wenn du einen Menschen liebst und er läuft dir weg, wirst du leiden. Also sollte man diesen Kreislauf durchbrechen und auf all das verzichten. Zudem haben diese Religionen eine zirkuläre Zeitvorstellung. Man kommt immer wieder auf diese Welt. Aber das Endziel ist das Herauskommen aus dem Kreislauf der Wiedergeburt. „Bei uns hingegen wird diese Reinkarnation immer groß gefeiert, aber in diesen Religionen ist sie eine Strafe.“

Und schließlich als Mensch

„Der Gott Israels antwortete auf die ständige Suche der Menschen und schickt Mose zu ihnen.“ Er hat das Volk befreit. Was bei diesem Gott Israels neu ist: Er spricht und handelt. „Wenn man das auf den Menschen überträgt, dann sind das genau die beiden Attitüden, die auch den Menschen ausmachen. Er spricht und er handelt.“ Der Gott nähert sich in der Weltgeschichte also ganz von fern. Er wird plötzlich zum Gott, der sich selbst zeigt: „Wir nennen das Offenbarung. Er musste dem Volk genauer zeigen, was er meint, indem er es vormacht. Er macht vor, wie Leben geht – als Mensch.“

Folge dem Geist

Die griechische Philosophie rät demnach dazu, dem guten Geist zu folgen. Das Christentum würde sagen, dem Heiligen Geist folgen. Im Christentum sehen wir ein dreifaltiges Gottesbild. Gott Vater als Schöpfer. Der Heilige Geist als die Wahrheitsstimme in mir, und schließlich die zwischenmenschliche Begegnung Jesus Christus. Der eine Gott in verschiedenen Erscheinungsweisen also. „Das ist wichtig für die Frage der Ethik. Wir gehen davon aus, dass der göttliche Geist sich inkarniert hat in eine Person, Fleisch geworden ist. Das heißt, unsere christliche Philosophie ist eine sehr menschliche Philosophie. Die Kirchen sind die einzigen religiösen Häuser, die ein menschliches Antlitz haben. Das finden Sie in keiner Synagoge, das finden Sie in keiner Moschee, in keinem Tempel“, so Beck.

Hier sei der gewaltige Unterschied zum Islam ersichtlich. Dieser spricht nämlich davon, dass das göttliche Wort sich illiteriert hat – in den Buchstaben des Koran. „Wir gehen davon aus, dass die göttliche Wahrheit Mensch geworden ist und damit auch in Bewegung ist. Zudem hat das Christentum eine Ethik, die plural ist. Da gibt es vier Evangelien, die verschiedene Perspektiven auf die Person Jesu Christi werfen. Und Gott ist Beziehung in sich.“ Somit sei die christliche Religion eine Beziehungsreligion und keine Gesetzesreligion. Sie bestehe aus Nächstenliebe, Gottesliebe und Eigenliebe.

Christentum ist Selbstlehre

Das Christentum möchte also in seinem Ursprung, dass der Mensch lernt, sich selbst zu lieben. „Die meisten Fehlhaltungen in der Gesellschaft geschehen durch Kompensationsmechanismen. Durch Minderwertigkeitskomplexe. Wer nicht selber meint, dass er gut genug ist, wird andere unterdrücken müssen.“ Einer klugen Ethik gehe nämlich etwas voraus: die psychologische Reifung des Menschen und seine Prägung und Bildung. Bildung meine in diesem Fall zuallererst, ein gutes Selbstverhältnis zu entwickeln, denn das Maß der Nächstenliebe ist die Selbstliebe. „Das Christentum ist in erster Linie keine Ethik, sondern eine Ausbildung des Menschen dazu, dass er zu einer guten Ethik fähig wird“, so Beck.

Das Christentum sehe sich als Religion der Selbstlehre. Das klingt etwas überraschend, da wir sie wohl oft als Religion der Gesetze und Moral kennengelernt haben. Vor allem als eine Religion der Sexualmoral, die gerne Vorschriften macht. Für Beck ist diese Entwicklung allerdings eine vollkommene Verstellung dessen, was das Christentum ausmacht.

Unsere Würde ist unantastbar

Immanuel Kant hat all diese christlichen Werte für unsere Rechtsphilosophie auf den Punkt gebracht: Jeder Mensch hat Würde. Sie wird einem nicht von außen zugesprochen, sondern er hat sie. Der Mensch soll um seiner selbst willen geachtet werden. „Das ist im Grunde die philosophische Übersetzung der Nächstenliebe.“ Kant unterscheidet Würde und Wert. Dinge haben einen Wert, man kann sie kaufen. Aber der Mensch fällt aus dieser Bewertbarkeit heraus, denn er ist nicht ersetzbar, er ist einmalig. Der Busfahrer in seiner Funktion als Busfahrer ist ersetzbar. Aber wenn er gleichzeitig Vater oder Sohn ist, ist er nicht ersetzbar. Und genau das meint der Begriff der Menschenwürde. Im deutschen Grundgesetz verankert im Artikel 1 als: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Auch in der Grundrechte-Charta der EU ist die menschliche Würde erfasst.