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Warum die Arche Noah nie gefunden wird: Und die Bibel hat doch nicht recht

von Bernhard Lang / 05.10.2016

Der Historiker Eric H. Cline entzaubert in einem lesenswerten Buch die archäologische Laienforschung, die noch immer die „Wahrheit der Bibel“ zu beweisen versucht.

Der in die Szenerie der Bibel führende Fund ist seit dem 19. Jahrhundert das Lieblingskind von Archäologen und Spezialisten antiker Texte. Der geniale Assyriologe George Smith machte im Jahr 1872 Schlagzeilen, als er unter den im Britischen Museum aufbewahrten Keilschrifttafeln einen vorbiblischen Sintflut-Bericht entdeckte. Wenige Jahre später, 1881, konnte sein Kollege Archibald Sayce eine althebräische Inschrift entziffern, die man an der Wand eines Jerusalemer Wassertunnels – des Siloam-Tunnels aus biblischer Zeit – gefunden hatte. Bei Ausgrabungen in Palästina tauchten 1935 im Schutt der antiken Stadt Lachisch mit Tinte beschriebene Tonscherben auf, deren althebräischer Text sich mühelos entziffern liess; eine der Tonscherben erwähnt einen Propheten . . .

Die „Wahrheit der Bibel“

Das alles sind spektakuläre Funde. Sie nähren die Bibelwissenschaft, locken bis heute Forscher, Studierende und Abenteurer in die Länder des Nahen Ostens, erleichtern das Fundraising für Ausgrabungen und Expeditionen. Auch Verkäufer von echten und gefälschten antiken Objekten aus biblischer Zeit profitieren vom Prestige „bibelnaher“ Funde. Von der Faszination biblischer Archäologie zeugen erfolgreiche Sachbücher wie der 1955 erschienene Bestseller Werner Kellers, dessen Titel zum geflügelten Wort wurde: „Und die Bibel hat doch recht.“

Seit dem 19. Jahrhundert scheint das von Keller im Untertitel auf den Punkt gebrachte Paradigma überzeugt zu haben: „Forscher beweisen die Wahrheit der Bibel“. Das änderte sich in den 1970er Jahren. Archäologie und Textforschung sehen ihre Aufgabe nun nicht mehr in der Bestätigung der Bibel. Antike Sagen wie die vom Auszug der Israeliten aus Ägypten werden nicht mehr als verbürgte oder zu belegende historische Nachrichten verstanden. Der Abschied von falschen Vorstellungen fällt den Wissenschaftern zumeist nicht schwer, doch das Laienpublikum ist mit der neuen Nüchternheit nicht immer zufrieden. So schlägt die Stunde der – zumeist amerikanischen – Laienforscher.

Oft mit erheblichen Mitteln ausgestattet, rüsten sie ihre eigenen Expeditionen aus und stossen, wie könnte es anders sein, auf spektakuläre Funde, die spekulative Deutungen auf sich ziehen. Sie finden die Arche Noah auf dem Ararat-Gebirge in Armenien. Sie führen die Entstehung der Plagen, mit denen Gott die Ägypter vor dem Auszug der Israeliten heimsuchte, auf einen gewaltigen Vulkanausbruch im östlichen Mittelmeer zurück. Sie wissen, wo die „Bundeslade“ mit den Tafeln der Zehn Gebote zu finden ist – in einer geheimen, bisher unentdeckten Kammer, tief im Tempelberg unter dem heutigen Felsendom in Jerusalem. Und sie werfen der universitären Forschung Ignoranz und Anmassung vor.

Am Rande von Tagungen und im Internet mit abfälligen Kommentaren bedacht, wird solche Laienforschung von seriösen Forschern kaum beachtet. Eine Ausnahme macht der amerikanische Archäologe Eric H. Cline, Professor für Alte Geschichte an der George Washington University in Washington D. C., der dem Thema „biblische Laienforschung“ ein ganzes Buch gewidmet hat. Für die weite Verbreitung seines Werkes „From Eden to Exile – Unraveling Mysteries of the Bible“ sorgt seit 2007 der Verlag National Geographic, der durch seine gleichnamige Zeitschrift und viele populäre Buchpublikationen den Standard für wohlinformierte Sachbücher vorgibt.

Cline hat sieben „Bibelrätsel“ ausgewählt, die Fachleute wie Laien beschäftigen: die Lokalisierung des Paradieses, die Arche Noah, die verschwundenen Städte Sodom und Gomorra, Mose und der Auszug aus Ägypten, Josua und die Schlacht um Jericho, die Bundeslade und die zehn verlorenen Stämme des Volkes Israel. Zu allen Themen weiss der Autor Erhellendes in klarer Sprache zu sagen. Eigentlich kann heute nur noch das Thema „Mose und der Auszug aus Ägypten“ ernsthafte Aufmerksamkeit beanspruchen. Der Exodus gilt der Bibel als Hauptereignis der Heilsgeschichte des Volkes Israel, doch die historische Forschung hat bis heute keine unumstrittene Deutung vorgelegt. Cline schwankt zwischen der Annahme eines wirklichen Geschehens um 1250 v. Chr. und der neuerdings erwogenen Hypothese, man habe die ganze Moses-Erzählung im 7. Jahrhundert v. Chr. erfunden.

Nicht nur für Kollegen

Soeben ist Clines Buch, ansprechend gestaltet und reich illustriert, auch in deutscher Sprache erschienen. Anders als in der englischen Fassung deutet der Titel nun die kritische Stossrichtung des Autors an: „Warum die Arche nie gefunden wird“. Das hätte der Autor wohl als zu direkt empfunden, will er seine Leser in den Vereinigten Staaten doch nicht erschrecken, sondern behutsam von einem – weitverbreiteten – „fundamentalistischen“ Bibelverständnis abbringen.

Die deutsche Übersetzung liest sich gut, wenn auch die Wiedergabe einiger Wörter und Wendungen fraglich erscheint. So werden die Rätsel der Bibel oft zu „Mysterien der Bibel“, und die „Bibelkundler“ wird man erst nach einigem Weiterlesen als die an Universitäten lehrenden Bibelwissenschafter identifizieren. Diese werden Eric Clines Buch wegen der ausführlich dokumentierten, heute unüberschaubar gewordenen Fachliteratur beachten. Dem kompetent informierenden Werk sind jedoch in erster Linie neugierige Laien als Leser zu wünschen, vor allem solche, die schon etwas über das Alte Testament wissen – oder zu wissen glauben.

Eric H. Cline: Warum die Arche nie gefunden wird. Biblische Geschichten archäologisch entschlüsselt. Aus dem Englischen von Michael Sailer. Theiss-Verlag / Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2016. 308 S.