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Eigene Art zu gehen

Warum die Koreaner schlurfen

von Hoo Nam Seelmann / 05.12.2015

Wie alles Menschliche ist auch das Gehen kulturell durchformt. Die Koreaner besitzen eine eigene Art zu stehen, von der aus sich auch ihr Gehstil ableitet. Es könnte sein, dass die Globalisierung dies ändert. Über den Mumm im Bauch schreibt Gastautorin Hoo Nam Seelmann.Hoo Nam Seelmann, 1950 geboren und aufgewachsen in Südkorea, studierte an der Universität des Saarlandes Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte und promovierte über Hegels Geschichtsphilosophie. Seit 1996 schreibt sie regelmäßig für die Neue Zürcher Zeitung über Korea und Ostasien.

Der aufrechte Gang gilt als der Wendepunkt in der evolutionären Entwicklung des Menschen. Die Wirbelsäule nahm eine andere Gestalt an, die Form des Kopfes veränderte sich, und mit der Entwicklung des Halses konnten sich die Stimmbänder in der heutigen Form herausbilden. Die Fähigkeit zu sprechen hängt somit auch mit dem aufrechten Gang zusammen. Das Voranschreiten auf zwei Beinen hat auch ohne Zweifel den Blick auf die Welt verändert. Aber die Art und Weise, wie die Menschen sich vorwärtsbewegen, unterscheidet sich in vielfacher Hinsicht.

Jenseits der individuellen Eigenheiten gibt es allgemeine Faktoren, die den Gang eines Menschen beeinflussen. Das Klima spielt hierbei eine wichtige Rolle, da es oft die Form der Kleidung oder der Schuhe mitbestimmt und somit auch die Art des Gehens. Die Mode insgesamt erleichtert oder erschwert der Ästhetik wegen ebenso gewisse Gangarten. Auch das Schönheitsideal, das sich in jeder Kultur herausbildet, definiert mit, wie ein eleganter Gang auszusehen hat. Allen Phänomenen liegt jedoch ein bestimmtes Körperverständnis zugrunde, das kulturell unterschiedlich ausfallen kann.

Teils bewusst, teils nonverbal

Verschiedene Konzepte des Körpers haben Einfluss darauf, wie die Menschen sich geben und bewegen, und modellieren so den „kulturellen“ Körper, der sich beispielsweise in Pose, Gestik, Mimik und der Art des Gehens äußert. Rituale und Etikette haben auch stets eine körperliche Dimension. Was eine ideale Bewegung ist, die als ästhetisch gilt und sich im Tanz und in den Martial-Arts manifestiert, wird auch von kulturellen Vorgaben bestimmt.

In Ostasien bevorzugt man fließende, gerundete Bewegungen, die ineinander übergehen. Faszinierend ist, dass solche Merkmale, die elementar für eine Kultur sind und unser Dasein prägen, zwar teilweise bewusst gelernt, aber weitgehend nonverbal und unbewusst über Imitation gelernt, verinnerlicht und weitergereicht werden. Was als ideale Gangart gilt, ist, so gesehen, auch eine kulturell geformte Größe, die angesichts der globalisierten Moden und Schönheitsideale jedoch zunehmend standardisiert und vereinheitlicht wird.

Die Koreaner haben, ohne dass sich die meisten von ihnen dessen überhaupt bewusst sind, eine sehr eigene Art zu gehen. Natürlich nicht alle, aber doch die meisten. Ein aufmerksamer Beobachter kann das Anderssein nicht nur sehen, sondern auch hören. Denn die Schritte der Koreaner haben, vergleicht man sie mit denen der Europäer, einen anderen Klang, eine andere Rhythmik und Tonalität. Es ist kein leichter, heller Klang, sondern eher ein tiefer, bassartiger, in die Länge gezogener Laut, den man auf den Straßen Koreas vernehmen kann.

Das Gewicht auf der Ferse

Schon beim Stehen zeigt sich bei den Koreanern eine eigentümliche Grundhaltung, die beim Gehen unverändert erhalten bleibt. Besonders deutlich ist sie bei den Männern mittleren Alters zu beobachten, da sie das kulturelle Muster voll verinnerlicht und auch einen gesicherten sozialen Status erreicht haben. Bei den Frauen ist die traditionelle Haltung heute weitgehend im Schwinden begriffen, da sie meist Schuhe mit Absätzen tragen. Diese wirken stark nivellierend auf den Gang. Heute kann man die alte Form nur noch auf dem Lande bei älteren Frauen beobachten.

Stehen koreanische Männer in lockerer Haltung, ruht das ganze Gewicht des Körpers auf der Ferse. Dadurch entsteht, von der Ferse über die Beine und den Rücken bis hinauf zum Kopf, eine gerade, recht steife Linie. Der Bauch schiebt sich dabei unvermeidlich leicht nach vorne. Bewegt man sich vorwärts, ohne stark von dieser Grundhaltung abzuweichen, kommt ein Gang zustande, der leicht schlurfend ist und insgesamt schwerfällig wirkt. Die Füße werden nur geringfügig vom Boden abgehoben und wieder mit der Ferse aufgesetzt.

Sandalen helfen

Die beliebten einfachen Sandalen, die wegen des feuchten Monsunsommers vielfach getragen werden, verstärken zusätzlich diese Gangart. Eine elastische, schwungvolle Gangart, die in Europa bevorzugt und für schön gehalten wird, kann auf diese Weise nicht zustande kommen. Erstaunlich ist, dass diese traditionelle Art des Gehens bei den Männern die lange Militärzeit schadlos übersteht, während deren sie vom Westen übernommenes Strammstehen und Marschieren üben und damit gedrillt werden. Dass die Militärzeit jedoch kaum Spuren hinterlässt, zeigt, wie tief das kulturelle Muster in den Körper eingraviert ist. Es ist bekannt, wie schwer es den jungen koreanischen Männern zu Beginn fiel, die westliche Art zu marschieren zu lernen, als Ende des 19. Jahrhunderts das Militärwesen nach dem Vorbild des Westens umgebaut und modernisiert wurde.

Dem eigentümlichen Gang der Koreaner liegt ein bestimmtes Körperverständnis zugrunde. Hierbei spielt der Bauch eine zentrale Rolle, weswegen er auch sichtbar leicht nach vorne geschoben wird. Wie in der ostasiatischen Medizintradition festgehalten ist, wird der Bauch – sichtbar durch den Nabel – als das Zentrum des Körpers angesehen. Darauf, dass der Nabel auch im deutschsprachigen Raum als Zentrum und Mittelpunkt gilt, weist die Wendung „Nabel der Welt“ hin, die jedoch folgenlos für das Körperkonzept blieb. Anders in Ostasien: Das Gleichgewicht des Körpers ruht im Bauch. Bei der Meditation im Sitzen muss das Atmen aus der Tiefe des Bauchraums kommen, damit man den Körper und das Ruhen in sich spüren kann. Dass die Japaner früher beim Suizid Harakiri begingen, hängt auch damit zusammen, denn „Hara“ bedeutet „Bauch“. Man griff also das Zentrum des Körpers an, um das Leben zu beenden.

Mumm im Bauch

Der Koreaner zeigt seinen Bauch her, um zu signalisieren, dass er Mut hat, dass er jemand ist und dass er nicht zurückweichen will. Diese Haltung hat auch in der Sprache ihren Niederschlag gefunden. Es gibt ein Wort, „Bae-zzang“, das sich mit „Mumm im Bauch“ übersetzen lässt. „Bae“ heißt auf Koreanisch „Bauch“. Allgemein bedeutet es „mutig, kühn, waghalsig, nervenstark, frech“ oder „durchsetzungsstark“. Was die geschwellte Brust in Europa ist, ist in Korea das Haben von Bae-zzang. Man bewundert einerseits Menschen dafür, da sie gern die Rolle des unerschrockenen Anführers übernehmen und sich nicht leicht einschüchtern lassen, andererseits aber ist ihnen nur schwer beizukommen, hat man sie zum Gegner, da sie sich wie Bulldozer nach vorne bewegen.

In alten koreanischen Gangsterfilmen aus der Zeit vor dem Einfluss von Hollywood begegnen sich vor allem die Bosse der verfeindeten Gruppen in der traditionellen Haltung, indem sie den Bauch ostentativ zeigen, um die anderen zu beeindrucken. Noch heute werden in traditionellen Maskenspielen oder Theaterstücken vor allem Männer der Oberschicht auf diese Weise überzeichnet dargestellt. Emporkömmlinge, die der Bescheidenheit abhold sind, werden besonders gern auf diese Art karikiert: Man lässt den Schauspieler herumstolzieren, indem er den Oberkörper nach hinten lehnt und den Bauch nach vorne schiebt. Dadurch kommt unvermeidlich ein ganz eigener Gang zustande, dessen Grundmuster sich bis heute erhalten hat. Über die Ästhetik eines solchen Gangs lässt sich streiten, zumal die Kriterien der Schönheit selber ein Produkt der Kultur sind. Heutzutage schwingen auch die koreanischen Models auf dem Laufsteg ihre Hüfte wie überall auf der Welt. Ob sich der Gang auch globalisiert, wird sich weisen.