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Soziale Inszenierung

Warum man auf Social Media nicht ehrlich sein kann

von Simone Grössing / 05.11.2015

Mehr Authentizität im Internet: Nach dem Social-Media-Ausstieg des Models Essena O’Neill wird heftig darüber diskutiert. Aber ist das überhaupt möglich?

Essena O’Neill hat ihr Leben aufgegeben. Zumindest online. Offline möchte sie einen Neustart versuchen. Vor ein paar Tagen hat das 19-jährige Model in einem YouTube-Video das Ende ihrer erfolgreichen Social-Media-Karriere bekannt gegeben. Siebzehn Minuten lang erzählt sie, wie Instagram ihr Leben zerstört habe.

Unter Tränen erzählt sie, wie sie jahrelang auf der Jagd nach Aufmerksamkeit immer unzufriedener wurde, wie verloren und unsicher sie sich in einer Welt fühlte, in der nur Klicks und Likes zählen.

Ein Traum und eine Lüge

O’Neill hat geschafft, wovon viele junge Mädchen träumen: Sie ist auf Instagram und YouTube ein Star. Aber das will sie nicht mehr sein. „Social Media is not real“, so die Message von O’Neill, „glaubt nicht alles, was ihr seht. Social Media ist eine große Lüge.“ Ihr Instagram-Profil, mit über einer halben Million Follower, war bis vor kurzem noch voller perfekter Bikinifotos und Beautyshots. Mittlerweile sind die Bilder verschwunden. O’Neill hat sie gelöscht. Sie hatte genug von der heuchlerischen Selbstvermarktung, sagt sie.

Stattdessen hat sie einen neuen Instagram-Account angelegt, wo sie dieselben Fotos hochlädt, diesmal aber mit einer Erklärung, wie die Fotos zustande gekommen sind. Unter einem steht etwa, dass sie für das Foto extra mit Farbe besprüht worden sei, damit ihr Teint schöner wirke. Unter einem anderen, in dem sie meditierend am Strand zu sehen ist, dass sie gar nicht wirklich Yoga mache, sondern nur so tue als ob. Außerdem weist sie auf die riesige Industrie hin, die sich hinter Portalen wie Instagram versteckt, und markiert die Fotos, für die sie von Unternehmen bezahlt wurde. Auf ihrer persönlichen Website möchte sie jetzt gehaltvoll bloggen und bittet um Spenden, um ihre Miete bezahlen zu können.

Ehrlichere soziale Medien

Essena O’Neills Video ist in den letzten Tagen viral gegangen. Aber nicht nur das: Sie hat es geschafft, eine Diskussion darüber auszulösen, wie realistisch die Social-Media-Welt tatsächlich ist. Viele Medien feiern sie dafür, der Guardian nennt sie etwa „Teenage Role Model“. Aber auch viele Blogger schließen sich ihrer Kritik an. Einige von ihnen fordern jetzt, dass Social Media ehrlicher werden müsse. Die österreichische Bloggerin Madeleine Alizadeh etwa greift das Thema in einem Blogpost auf. Sie kritisiert, dass Social Media oftmals viel zu inhaltsleer seien. Alizadeh wünscht sich online mehr Authentizität und mehr Botschaften. Auch sie möchte ein Vorbild sein und postet jetzt unbearbeitete Selfies und Fotos ohne Filter.

Die Kritik an der fehlenden Authentizität von Online-Content scheint angesichts des großen Einflusses von Instagram-Bildern und YouTube-Videos auf junge Menschen wichtig. Jugendliche werden in ihrer Eigenwahrnehmung stark von Social Media geprägt. Psychologen warnen immer wieder davor, dass Social Media schädlich für sie seien. Viele leiden unter den Idealen, die ihnen vorgegeben werden, die sie aber nicht erreichen können, weil diese mit der Realität wenig zu tun haben. Der Hunger nach Anerkennung wird auf Instagram und Facebook bedient, aber nicht wirklich gestillt, und oftmals ist der Neid auf den Erfolg anderer groß. Unter den makellosen Fotos von Instagramstars findet man neben viel Bewunderung auch immer viele negative Kommentare. Klar, wer möchte nicht bei Sonnenuntergang im Lotussitz durchtrainiert am Meer sitzen.

Authentizität und Inszenierung

Viele scheinen nach wie vor geblendet vom Instagram-Lifestyle zu sein. Und das, obwohl mittlerweile bekannt ist, dass die meisten Blogger und Instagramer viel Geld mit ihren Bildern, Posts und Videos machen, dass Posten also ihr Beruf ist. Auch der Ruf nach mehr Natürlichkeit in Social Media ist nicht neu – siehe etwa Hashtags wie „#nofilter“. Auf den ersten Blick erscheint der Titel „Essena O’Neill quits Instagram claiming social media ,is not real life‘“ deswegen ein bisschen wie eine Überschrift der Tagespresse. Denn dass die Dinge, die wir auf Facebook, Twitter und Instagram sehen, oft mit der Realität wenig zu tun haben, müsste doch mittlerweile irgendwie allen klar sein. Wurde nicht schon oft genug darauf hingewiesen? Oder lassen sich die Online- und Offline-Realitäten einfach nicht mehr voneinander trennen?

Eines haben ja beide gemeinsam. Inszenierungen gibt es nicht nur offline, sondern auch online. Vielleicht müsste einfach noch deutlicher gemacht werden, dass keine Form der Kommunikation ohne Inszenierung auskommt. Man kann also nicht nicht inszenieren, aber vielleicht entscheiden, wie nahe man dabei an der Wirklichkeit bleibt.

Denn momentan eröffnet sich durch O’Neills Geschichte eine neue Lüge, auf die junge Menschen erneut hereinfallen könnten, vielleicht sogar schon längst hereingefallen sind: die der Authentizität. Der Glaube daran, dass Social Media durch und durch authentisch und ehrlich sein können. Denn tatsächlich ist das ja genau die Strategie von vielen Social-Media-Formaten: ein authentisches Lebensgefühl zu vermitteln. Sie bieten Menschen die Möglichkeit, am Leben anderer teilzuhaben. Aber auch das Internet kann wie jedes andere Medium niemals die Realität widerspiegeln. Die Online-Welt bewegt sich immer zwischen Realität und Illusion. Auf Instagram wird man auch zukünftig unbearbeitete Fotos mit Hashtags wie „nofilter“ markieren, nicht die bearbeiteten mit „withfilter“.

Denn sie bleiben die Ausnahme, das exotische Andere. Es gibt nun einmal kein richtiges Leben im Falschen. Facebook, Instagram und Co. wurden nicht gemacht, um tatsächlich ehrlich oder „real“ zu sein. Im Gegenteil – diese Portale sind in ihrer Natur Orte der Übertreibung, des Fiktiven. Und deswegen bleibt auch die authentische Selbstpräsentation eine weitere Form der Inszenierung, die genauso nach Aufmerksamkeit buhlt wie ein Foto, das zehnmal mit Photoshop bearbeitet wurde. Das wird auch deutlich, wenn man sich O’Neills neuestes Video ansieht. Darin sieht man ein weinendes Mädchen, das endlich glücklich ist. Nicht darüber, dass es einem Alptraum entkommen ist, sondern darüber, dass es endlich gesehen wird.