Morgengrauen

Warum man sich dranhalten muss

Gastkommentar / von Peter Strasser / 14.09.2016

„Man wird ja nicht jünger.“ Dass man nicht jünger werde, ist ihre ständige Klage, sie schaut gerne bei uns vorbei, um über ihren jeweils neuesten Lebensmenschen zu reden. Man werde nicht jünger, deswegen müsse man sich dranhalten. Auch redet sie gerne von ihrer Menopause, die irgendwie mit einem Karriereknick zusammenhänge, der irgendwie damit zu tun habe, dass ihre Chefin eine Frau sei, die immer nur „frau“ statt „man“ sage.

Heute habe ich sie auf meinem Weg zum Bäcker getroffen, sie war gerade aus dem Geschäft gekommen und hatte dem Bettler, der neben der Türe schon um 7 Uhr morgens ausharrt, autoritativ erklärt, dass man nicht jünger werde, weswegen man sich dranhalten müsse. Der Bettler hatte ihr freundlich nickend rechtn gegeben: Ja, man werde nicht jünger. Aber, sagte sie und drückte ihm ein Geldstück in die Hand, er müsse weder mit der Menopause leben (der Bettler lächelte verbindlich), noch habe er eine Chefin, welcher er einen Karriereknick zu „verdanken“ habe (der Bettler lächelte verbindlich).

Als sie mich endlich sah, stürmte sie auf mich ein, um mir zu erklären, dass sie in nächster Zeit nicht mehr bei uns vorbeischauen könne, weil ihr neuester Lebensmensch es nicht gerne sehe, wenn sie außer ihm noch andere Lebensmenschen habe. Ich lächelte verbindlich, bat sie, ihrem neuesten Lebensmenschen unbekannterweise meine besten Grüße zu übermitteln, und war im Übrigen echt erleichtert, dass man sich dranhalten muss, weil man ja schließlich nicht jünger wird.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Letzteres gibt es nun auch in Buchform: „Morgengrauen. Journal zum philosophischen Hausgebrauch“.