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Warum uns der „Islamische Staat“ hasst

Gastkommentar / von Ralph Janik / 14.09.2016

Vor kurzem hat der „Islamische Staat“ in seinem Hochglanzmagazin Dabiq einen Artikel mit dem Titel „Why we hate you & why we fight you“ veröffentlicht. Aber wer sind „wir“ eigentlich und was wollen wir? Anlass für eine kleine Sinnsuchen-Suada.

Am Pranger stehen die „dreckigen Sünden und Laster“ des westlich-liberalen Gesellschaftsmodells: Säkularismus, Liberalismus, die Trennung zwischen Staat und Religion, Toleranz (mit gesonderter Betonung der Unterstützung für Schwulenrechte), Alkoholkonsum, Ehebruch, Glücksspiel, Wucherzinsen. Vorwürfe, die sich über weite Strecken mit Osama bin Ladens „Brief an das amerikanische Volk“ aus dem Jahr 2002 decken. Darin bezeichnete er die USA als die „schlechteste Zivilisation in der Geschichte der Menschheit.“ Im Gegenzug hatte George W. Bush bereits 2001 davon gesprochen, dass der radikalislamistische Hass sich auf die Demokratie als Gegenentwurf zum islamistischen System selbsternannter (religiöser) Führer und gegen „unsere“ Freiheiten, also etwa Religions-, Rede- oder Versammlungsfreiheit, richtet. Die Dichotomie des „Westens“ gegen „den radikalen Islam“ wurde also schon vor längerem einzementiert.

Der sündige Westen

Das große Duell der Narrative: der verkommene, sinnentleerte und sich anmaßend über Gott stellende Westen als Gegenspieler zu den eindeutigen Werten des Islam unter spirituell-religiöser Führung. Umgekehrt betont der Westen, aus seiner Vergangenheit gelernt und ein im Großen und Ganzen funktionierendes Gesellschaftssystem aufgebaut zu haben – als Gegensatz zu einer Welt, in der sich die (europäische) Geschichte zu wiederholen scheint, die also gewissermaßen „nachhinkt.“ Manche vergleichen die gegenwärtigen Umwälzungen im Nahen und Mittleren Osten mit dem 30-jährigen Krieg, andere weisen diesen Vergleich zurück) – wie immer man es sieht, ein Hinweis scheint auf jeden Fall wichtig: Der 30-jährige Krieg fand ohne Einflussnahme von außerhalb des Kontinents statt.

Auf der Suche nach dem Wir

Formell richtet sich der Artikel in Dabiq wie auch bin Ladens Brief an „uns“. Doch wissen „wir“ eigentlich, wer „wir“ sind und was uns ausmacht, was „wir“ wollen?

Im Zustand der Verwirrung und Unklarheit bietet sich die Hilfskonstruktion des Anderen an: Im Lichte des Gegensatzes, im Angesicht dessen, was „man“ gewiss nicht ist und sein möchte, lassen sich zumindest die groben Konturen seiner selbst erkennen.

So kommt es, dass wir ungeachtet der vom „Islamischen Staat“ leidlich bewirtschafteten gesellschaftlichen Verfallserscheinungen, die mit einer hinreichend kulturpessimistischen Ader ja nur allzu leicht benennbar sind, den status quo nicht radikal infrage stellen. Auch wenn wir die Reichweite der unterschiedlichen Freiheiten ständig neu justieren, halten wir daran grundsätzlich fest. Wo „sie“ verschrotten wollen und von Hass sprechen, betreiben „wir“ Feintuning.

Bleibt die Frage nach der personellen Komposition westlicher Gesellschaften. Die Suche nach einer deutschen und österreichischen Identität verläuft seit Jahrzehnten mit mäßigem Erfolg. Ein zumindest dem Ideal nach auf Inklusion drängender Verfassungs- und Staatspatriotismus der Marke USA will sich in hiesigen Breiten nicht durchsetzen. Was lange eine relativ niedliche Debatte war, verlangt in Zeiten poröser Grenzen und zunehmender Ent-Territorialisierung immer drängender nach einer Antwort, die einfach nicht daherkommen will. Deutschland dürfte bis heute nicht darüber hinausgekommen sein, sich über den radikalen Bruch mit der eigenen Vergangenheit zu definieren. Das ist zwar hilfreich (letztlich kann es sich ja auch hier um ein anderes, weil vergangenes Selbst handeln), aber eben nicht ausreichend. Die mittlerweile in die Jahre gekommene „Leitkultur“-Debatte ist wieder versandet. Auch von oben herab verschriebene Ansätze eines Post-Nationalismus, etwa anhand der Namensgebung für das Fußballteam als „die Mannschaft“, wollen nicht so recht greifen.

Österreich wiederum scheint diese Frage weitgehend unter den Tisch fallen zu lassen. Man gewinnt den Eindruck, als wäre die radikale Abgrenzung vom großen Bruder Deutschland das zentrale identitätsstiftende Element. Doch die alte Frage der Emanzipation vom deutschen Erbe ist mittlerweile ein Anachronismus. Ein und dasselbe Volk sind wir schon lange nicht mehr. Selbst wenn Deutschland der große Bruder sein soll, bleibt das Verhältnis wenig innig. Córdoba stirbt nie. Und sonst? Selbstironie und Suhlen in halbseidenem Nationalismus. Dafür alles ein wenig entspannter. Statt die Attraktivität eines Wohnsitzes neben „einem Boateng“ zu thematisieren, spricht man hier als Landeshauptmann den Star der Fußballmannschaft mal eben mit „How do you do?“ an.

Die Utopie des „Islamischen Staats“

Wer gehört nun also dazu? Ausgebürgert werden nur jene, die auch eine andere Staatsbürgerschaft haben. Wenn deutsche Politiker davon sprechen, dass Dschihadisten die eigenen Söhne sind, haben sie damit im juristischen Sinne Recht. Gleichzeitig hat die symbolische Bedeutung der Staatsbürgerschaft stark abgenommen, sie wird allenfalls bedingt als „wechselseitiges Treueband“ zwischen Staat und Bürger verstanden. Einen Pass hat man eben, das Herz kann jedoch durchaus für andere oder auch mehrere Staaten schlagen, vielleicht auch für keinen. Ebenso lässt sich das Verbundenheitsgefühl einseitig aufkündigen, oft ist es gar nicht erst entstanden. Gerichtlich feststellen kann man das ohnehin nicht wirklich.

Dennoch konfrontieren uns jene, die sich dem „Islamischen Staat“ anschließen oder zumindest stark mit ihm sympathisieren, mit einer bitteren Erkenntnis: Unter uns leben Menschen, die hier aufgewachsen und geboren sind, aber lediglich physisch, nicht mental zu „uns“ gehören.

Und diese Menschen sind wohl der eigentliche Adressat der erwähnten Schriften des „Islamischen Staats“ oder bin Ladens. Es sind die hinreichend empfänglichen Segmente innerhalb der Gesamtbevölkerung, die mit dem Kopf woanders und streng genommen nirgendwo beheimatet sind. Hier kommt er, der „Islamische Staat“, und legt den Finger auf die offenkundigen negativen Begleiterscheinungen des westlichen Gesellschaftsmodells und der Moderne überhaupt. Er schlägt Kapital aus dem diffusen und gewiss einige von uns immer wieder heimsuchenden Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt mit dieser Welt. Es fehlt die Geborgenheit im globalen Dorf, so klein ist unsere Welt dann doch wieder nicht geworden. So streut der „Islamische Staat“ heilsam-bestätigende Brosamen für jene aus, die zurückgewiesen wurden oder von sich aus zurückweisen. Während eine solche Alternative sich bei den meisten diskreditiert und das Leben im Hier und Jetzt in einem besseren Licht erscheinen lässt, verspricht sie einigen wenigen eine per Social Media geschickt inszenierte und nur wenige Flugstunden entfernte, eine reale – also nicht erst im Jenseits erreichbare –Utopie.

Hass und Klarheit

In einer hyperkomplexen Gedanken- und Konzeptewelt, in der man alles „so oder so“ sehen kann und die große Relativierung die einzige verbliebene Überkonstante darstellt, dominiert die Sehnsucht nach Klarheit. Klarheit, die in dieser Form nicht möglich erscheint.

Denn die Moderne, um bei diesem vagen Begriff zu bleiben, hat vieles niedergerissen, ohne etwas Neues aufzubauen. Jedenfalls nichts hinreichend Solides. Gut möglich, dass unsere Epoche das auch gar nicht erlaubt, ist ihr doch der stete Zweifel als Wesenszug eingeschrieben. Alte Konzepte und Gegensätze weichen auf wie nassgewordene Buchseiten, und die Grenzen zwischen uns und den anderen verschwimmen ebenso wie jene zwischen innen und außen.

Der Hass des „Islamischen Staats“ und seiner geistigen Urväter richtet sich somit zugleich gegen sich selbst und die anderen. Jedenfalls sind seine Kritik und sein Heilsversprechen keine radikalen Gegenentwürfe zu den Abgründen der Moderne – sondern ebenso integraler Bestandteil wie die Verwerfungen, die er ihr ankreidet.