Facebook-Sperre

Was das Internet betrifft, bleibe ich skeptisch

Meinung / von Michael Fleischhacker / 16.12.2015

Zu den paar Dingen, die ich in meinem Leben nicht mehr vergessen werde, obwohl sie weder mit meiner Familie noch mit der Natur und auch nicht mit Weihrauch zu tun haben, gehört eine Szene, die ich vor ziemlich genau einem Jahr in einem Wiener Kaffeehaus erlebt habe.

Der Verband Österreichischer Zeitungen hatte gemeinsam mit den Wiener Kaffeesiedern eine Diskussionsreihe veranstaltet, die den anekdotischen Nachweis dafür erbringen sollte, dass das Kaffeehaus und die gedruckte Zeitung eine kulturgeschichtlich unkaputtbare Kombination sind, an der sich der technologische Fortschritt die Zähne ausbeißen wird.

Vor dem Hintergrund meiner grundsätzlichen Skepsis gegenüber Podiumsgesprächen, deren Teilnehmer so ausgewählt werden, dass das Risiko unterschiedlicher Meinungen gut beherrschbar bleibt, hatte ich mir nicht besonders viel erwartet. Aber ich ging hin, und siehe da: Es war interessant. Zunächst sprachen die üblichen Unverdächtigen, Chefredakteure, Edelfedern und Kulturpessimisten der B-Klasse. Man hörte maßvoll Originelles über die haptischen Qualitäten der gedruckten Zeitung, die holzbedingte Erotik des Zeitungshalters und den olfaktorischen Glücksfall des Kombinationsdufts Kipferl-Druckerschwärze.

Der Professor

Und dann war da noch ein ordentlicher Professor vom Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien. Der sagte: „Was das Internet betrifft, bleibe ich skeptisch.“

Das fand ich dann schon sehr großartig. Ich meine, das ist ungefähr so, wie wenn der Vorstand des erdölwissenschaftlichen Instituts der Montanuniversität auf einem Podium erklärt, dass Kohlenwasserstoffe chemisch überschätzt werden. Spektakulär irgendwie.

Heute weiß ich, dass der Professor recht hatte. Facebook hat den NZZ.at-Account von Samstag bis Dienstag gesperrt.

Ohne Vorankündigung, ohne Begründung, ohne Reaktion auf unseren sofortigen Einspruch. Später erfuhren wir, dass die Sperre aufgrund der Änderung unseres Account-Namens von „NZZ Österreich“ auf „NZZ.at“ erfolgt war. Ist schon eine Weile her. Schon damals hatte zunächst ein Computer unseren Wunsch abgelehnt, ein Mensch war dann aber unseren Argumenten zugänglich und erlaubte die Änderung.

Dann tat Facebook, was es in solchen Fällen immer tut: Es fragte die User, ob sie die Änderung gut finden oder nicht. Offenbar fanden ausreichend viele User sie schlecht, sodass der Computer entschied, die Seite wegen Verstoßes gegen die Facebook-Regeln zu sperren. Der Computer, der die Einsprüche erledigt, hatte offenbar genau an diesem Wochenende frei, weil er wieder einmal Zeit mit seiner Familie verbringen wollte, und so mussten wir ohne Facebook auskommen.

Der Medienjournalist

Gar nicht so einfach für ein Digitalmedium. Noch dazu für eines, von dem ein Medienjournalist in seiner Medienkolumne in einer Regionalzeitung kürzlich so visionär geschrieben hatte, dass es vom „Gutdünken“ der Social-Media-Community abhänge. Ich hatte mich zuerst leicht säuerlich gefragt, ob da einer nicht zwischen Gutdünken und Wohlwollen unterscheiden kann. Jetzt weiß ich, dass er etwas wusste, was wir noch nicht wussten. Darum geht es schließlich im Journalismus, oder?

Ja, und dann musste ich an den Professor denken, der, was das Internet betrifft, skeptisch bleibt. Coole Socke, dachte ich mir, endlich mal einer, der sich gegen den öden Mainstream der Internetversteher stemmt. Ich meine, Facebook ist wirklich ein Problem. Zählt man seine Nutzer zusammen, hat man den bevölkerungsreichsten Staat der Erde vor sich. China hatte Ende 2013 1,357 Milliarden Einwohner, Facebook hatte im dritten Quartal 2015 1,490 Milliarden Nutzer, und ich glaube nicht, dass sich die Chinesen in dieser Zeit schneller vermehrt haben als die Facebooker, obwohl es mit der Ein-Kind-Politik offiziell vorbei ist.

Und jetzt kommt’s: Die Facebook-Bürger dürfen abstimmen! Ich stelle mir gerade vor, wie das wäre, wenn alle Chinesen darüber entscheiden würden, ob eine Firma in Chongqing den Namen ihrer Firmen-Website ändern darf.

Ich hoffe, dass die ganzen Verschwörungstheoretiker, die uns in Blogs und Posts und Postings und wie das Zeug sonst noch heißen mag, erklären, dass Facebook eine der größten lebenden Gefahren für die Demokratie sei, das jetzt endlich mal kapieren: Nicht Facebook ist das Problem der Demokratie, sondern die Demokratie ist das Problem von Facebook.

Mein Präsident

Und natürlich der Computer. Hat ja auch keiner wissen können, dass Facebook an einem einzigen Wochenende das komplette Argumentarium aller liberalen Thinktanks der bewohnten Welt gegen den österreichischen Sozialminister atomisieren würde: Natürlich hat Rudolf Hundstorfer recht! Man kann nicht einen Computer entscheiden lassen, wo es um Menschen geht. Ich werde ihn wählen, wenn er am 15. Jänner seine Kandidatur bei der Bundespräsidentenwahl bekannt gibt. Ich glaube, das ist unsere letzte Chance gegen die endgültige Machtübernahme der seelenlosen Computer.