Morgengrauen

Was du heute kannst besorgen …

Gastkommentar / von Peter Strasser / 23.08.2016

Irgendwann, flüstert mir mein Nachtmahr, eine gesichtslose Stimme, ins Ohr, wirst du eine Schreibmaschine geworden sein. Du wirst aufwachen mit absolut leerem Kopf; dennoch voller Gedankendrang. Nein, nicht Gedanken-an-drang, denn du wirst keinen einzigen Gedanken mehr haben. Aber der Zwang, etwas aufzuschreiben, niederzuschreiben, der dich auch nach Einnahme einiger Beruhigungspillen nicht loslassen wird, wird deinen Kopf mit heiß wirbelnder Luft ausfüllen.

Die Folge: eine Kopfscheinschwangerschaft! Du wirst zum Computer eilen, du, ein leerlaufendes Textproduktionsmaschinchen, um „Schrift“ zu gebären. Du wirst auf die Tastatur hämmern (ja, deine Finger werden nicht gleiten, sondern hämmern), und du wirst nicht merken, dass du ein Jack Torrance des Morgengrauens geworden bist. Er nistet in dir, der Wahnsinnige aus Stephen Kings The Shining. Indem er Blatt für Blatt abarbeitet, knallt er denselben Satz immer wieder, Tag für Tag, aufs Papier: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen ...“Im Original heißt es bei Stephen King: „All work and no play makes Jack a dull boy.”  

Als mich mein Nachtmahr endlich losgelassen hat und ich mit meinem üblichen Morgentinnitus erwache, eile ich zuerst in die Küche und dann gleich zum Computer. Kein Zweifel, worüber ich heute schreiben werde! Während der Filterkaffee durchrinnt und die Brötchen im Rohr aufbacken, hämmere ich drauf los: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen …“ Danke, Nachtmahr!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).