Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Was es braucht, um eine Seele zu haben

Gastkommentar / von Peter Strasser / 19.12.2015

Nach dem Belcanto-Abend war an Schlaf zunächst gar nicht zu denken. Nichts kann den Menschen so sicher machen, dass er eine Seele hat, wie der Klang einer Stimme, die vom Himmel her auf uns gekommen scheint. Und ist sie es denn nicht, die Stimme der Diva assoluta?

Eine dumme Frage, es könnte auch die Stimme einer Laienchorsängerin auf einer Provinzkirchenempore sein. Du wirst bei hellen, überhellen Sinnen emporgehoben und fortgetragen, von der Schönheit weggenommen aus dem Tal der Tränen und des Todes. Du kennst die Texte, die Arienverse, an denen der Gesang erblüht.

Was dir unfasslich bleibt, ist die Sprache der Schönheit. Sie ist das Mysterium der Seele: Du bist bloß noch Enthusiasmus, ein Gefäß des Absoluten. Es währt nur wenige Augenblicke. Videmus nunc per speculum in enigmate … So klingt es aus der Tiefe der Zeiten. Doch darin wirkt das Äon der Zeitlosigkeit fort: das verlorene Paradies.

Und war der Verlust nicht der Beginn des Belcantos, des Stimmenklangs vom Himmel her? Am Schluss gab es stehende Ovationen für die Diva, da habe ich mich davongeschlichen. Ich wollte den Abend im Nachklang des Paradieses beschließen, der sich draußen, unterm Lärm der Nachtschwärmer, rasch verlor, um dann, während des Schlafes, in mein Morgengrauen hineinzuwirken: als Glanz, der auf den Dingen des frühen Tages liegt, der Kaffeetasse, dem Frühstücksbrötchen, dem Marmeladeglas.

Der Glanz wird rasch verblassen, mehr ist nicht möglich. Und mehr braucht es nicht, um eine Seele zu haben.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.