ANDREAS GEFE UND JULIA AMBROSCHÜTZ

Was hat Sex mit Politik zu tun?

von Nicole Althaus / 16.10.2016

Wer wo und mit wem Sex hat, ist nicht nur eine Frage persönlicher Vorliebe. In jeder Epoche hat die Politik versucht, körperliche Begierde zu zügeln. Als Folge der Frauenbewegung steht heute die Einvernehmlichkeit im Fokus. Das klingt vernünftig, endet aber oft anders.

Scarlett O’Hara dreht sich abrupt weg, als Rhett Butler sie gegen den Türrahmen drückt, um sie zu küssen, und geht entschlossen auf die grosse Treppe zu. Für einen Augenblick hört man nur ihr bodenlanges rotes Kleid rascheln, dann setzt dramatische Musik ein, der Verschmähte stürmt der Geliebten nach. „So nicht, Scarlett! Dieses Mal weist du mich nicht ab!“, herrscht er sie an, küsst sie, hebt sie auf den Arm, obwohl sie mit ihren zierlichen Fäusten auf ihn einschlägt, eilt die Treppe hoch und verschwindet mit ihr im Schlafzimmer. Schnitt. Am Morgen danach räkelt sich eine sichtlich befriedigte Scarlett im Bett.

Dreissig Sekunden bloss dauert die berühmte Treppenszene aus dem Hollywood-Epos „Vom Winde verweht“ aus dem Jahr 1939. Dreissig Sekunden, die zwar rein gar nichts vom Akt preisgeben, aber deutlicher nicht beweisen könnten, wie politisch Sex ist: Binnen lediglich dreier Generationen ist die Episode von einer der berühmtesten Verführungsszenen der Filmgeschichte zu einem an Universitäten diskutierten Vergewaltigungsakt abgewertet worden. Grösser könnte das Image-Gefälle im Feld sexueller Aktivitäten nicht sein.

Würde die Szene heute im Land, in dem sie einst gefilmt wurde, noch einmal inszeniert, drehte sich wohl alles um den Morgen danach. Wäre Rhett ein amerikanischer Collegestudent und Scarlett am nächsten Morgen nicht selig, sondern sauer, müsste er vor Gericht beweisen können, dass sie Ja gesagt hat zum Sex, und das dürfte ihm doch eher schwerfallen. Die Szene macht klar, welchen Paradigmenwechsel unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten im Umgang mit Sexualität vollzogen hat. In den Augen unserer Grosseltern erfüllten Rhett und Scarlett bloss ihre kulturell zugewiesenen Geschlechterrollen. Sie lockt und ziert sich, er erobert und bezwingt. Aus heutiger Sicht ist Rhett Butler nicht leidenschaftlich, sondern übergriffig. Politisch korrekter Sex hat heute einvernehmlich zu sein.

Belästigung ist heute eine Straftat

Der Sex-Akt an und für sich mag universell sein, seine konkreten Spielarten sind es nicht. Wen wir lieben, wann, wo und wie, ist nicht einfach das Ergebnis persönlicher Vorlieben, sondern ebenso sehr das Resultat sozialer und gesetzlicher Bedingungen. Es scheint paradox: Sex ist der Kern des Persönlichen und gleichzeitig hochpolitisch. Und zwar nicht erst, seit der Feminismus das Private ans Licht gezerrt hat. Aber seither ganz besonders.

„Fast jeder Aspekt des Verhaltenskodexes im Bereich des Intimen wurde im Westen in den letzten Jahrzehnten auf den Kopf gestellt“, schreibt der amerikanische Jurist Eric Berkowitz in seinem jüngsten Werk „The Boundaries of Desire“. Er hat recht: Erst hat die Säkularisierung der Gesellschaft den Sex von der Sünde befreit, dann hat die Erfindung der Pille ihn von der Fortpflanzung entkoppelt, und schliesslich hat ihn die Emanzipationsbewegung zum Akt der Befreiung erhoben.

Als Konsequenz davon wurde seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts auch das Sexualstrafrecht von Grund auf umgekrempelt: So wurde Sex ausserhalb der Ehe und zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern in den meisten westlichen Ländern entkriminalisiert. Dafür wurden der Schutz von Minderjährigen deutlich verschärft und sexuelle Belästigung als Handlung gegen die sexuelle Integrität ins Strafrecht aufgenommen. Doch wer glaubt, damit habe unsere Gesellschaft die sexuelle Revolution verdaut, täuscht sich gewaltig: Für Zündstoff sorgt heute die jüngste Anforderung an den Sex, die Einvernehmlichkeit. Sie ist der Kern der Diskussion um die College-Vergewaltigungen in Amerika und das Argument, das nach den Massenübergriffen auf Frauen in der Kölner Silvesternacht politisch genutzt wurde. Es diente Politikern und Feministinnen nach Köln dazu, eine schon länger geforderte Verschärfung des deutschen Sexualstrafrechts durchzusetzen. Um Einvernehmlichkeit ging es auch im dreiminütigen Video von 2005, mit dem Donald Trump letzte Woche ins Abseits gestellt wurde: Er prahlt darin damit, dass er als Star mit den Frauen alles machen könne, sogar an „ihre Pussy greifen“. Letztlich postuliert er damit nichts anderes, als dass ein Mann mit Macht sich über jedes weibliche Nein hinwegsetzen kann.

Nicht jeder Mann ist ein Trump

„Nein heisst nein“ ist exakt wegen solch männlicher Anmassung zur modernen Zauberformel der Einvernehmlichkeit avanciert. Die Formel klingt simpel, doch nicht jeder Mann ist ein Donald Trump, und nicht bei jeder Übergriffsanschuldigung, die vor dem Richter landet, sind Opfer und Täter so klar auszumachen. Deshalb beissen sich an der Frage, wie Einvernehmlichkeit zu beurteilen ist, nicht nur Strafverfolger und Richterinnen die Zähne aus, sie beschäftigt auch Jugend- und Psychotherapeuten, Gynäkologinnen und Schulsozialarbeiter.

Zum Beispiel die zehn Frauen und fünf Männer, die am Boden des Seminarhauses auf dem Chlotisberg sitzen. Es ist Mitte September, draussen geht die Sonne über dem Baldeggersee unter, drinnen übt man sich im Rahmen der Fortbildung „Sexualtherapie und Sexualberatung“ des IBP-Instituts im adäquaten Umgang mit einer Situation, die Opferhilfestellen und Strafverteidiger bestens kennen: Zwei Jugendliche feiern an einer Party, sie trinken, tanzen, flirten und küssen sich. Es kommt zum Sex, von dem am nächsten Morgen beide wenig wissen, ausser, dass er passiert ist. Die junge Frau fühlt sich missbraucht, der Mann fälschlich beschuldigt. Was nun?

Kursleiter und Psychiater Robert Fischer lässt die Teilnehmer die Szene nachstellen. „Einvernehmlicher Sex setzt eine gute Selbstwahrnehmung voraus“, leitet er die Aufgabe ein, „unsere Tendenz, die sexuelle Regulation in die Rechtsprechung zu verlagern, produziert vor allem Verlierer. Sinnvoller ist es, beide Geschlechter darin zu unterstützen, ihre Grenzen kennenzulernen und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen.“ Im Rollenspiel wird klar, dass die Situation vorab für die Männer in der Vaterrolle schwierig ist. Wie nimmt man das Erleben der Tochter ernst, ohne sie sofort in der Opferrolle zu bestätigen? Was rät man dem Sohn als Mann, der nicht vorverurteilen, aber auch nicht bagatellisieren will?

„Sex funktioniert doch nicht nach einer binären Ja-nein-Logik“, wirft der Jugendtherapeut aus Wien in der anschliessenden Diskussion in die Runde, „Sex ist situativ und subjektiv.“ Alkohol etwa setze Moralvorstellungen ausser Kraft und verleite zu Handlungen, die am nächsten Morgen plötzlich nicht mehr als stimmig empfunden würden. „Viele Frauen wissen auch im nüchternen Zustand nicht, was für sie stimmt“, erzählt die Psychotherapeutin aus Frankreich, „in meine Praxis kommen regelmässig Patientinnen, die sich selbst missbrauchen, weil sie pornografischen Bildern nacheifern.“ Jugendliche orientierten sich an der angeblichen Norm, bestätigt die Schulsozialarbeiterin. Um nicht prüde zu erscheinen, setzen sie sich über die eigenen Grenzen hinweg. Notburga Fischer, Co-Kursleiterin und Körperpsychotherapeutin, wendet ein, dass Jugendliche sehr häufig ein Vakuum an natürlichen Körperkontakten hätten. „Wenn Kinder in ihrer natürlichen sexuellen Neugier alleingelassen oder sogar abgewiesen werden, weil etwa der Vater körperliche Nähe aus Angst vor einem Übergriffsvorwurf vermeidet, wie sollen sie später wissen, wie sich ein guter Körperkontakt anfühlt?“ Einig ist sich die Runde, dass sexuelle Gewalt klar verurteilt werden muss, dass aber nicht jeder Sex-Akt, den man am nächsten Morgen bereut, einer Vergewaltigung gleichkommt. Dann formuliert ein Teilnehmer die Frage, die den gesellschaftlichen Paradigmenwechsel in Sachen Sex auf den Punkt bringt: „Ist Regulation heute Männersache?“

Gesichert ist, dass es jahrhundertelang umgekehrt war. Die Frau war als „Gatekeeperin des Sexes“ (Jaclyn Friedman) dafür verantwortlich, dass es ihn vor und ausserhalb der Ehe nicht gab. Und wenn etwas passierte, war es die Frau, die stigmatisiert wurde. Dann war der Rock zu kurz, der Mund zu rot oder der Heimweg zu dunkel. Bis zur ersten Teilrevision des Sexualstrafrechts 1991 war Sex in der Schweiz eine „eheliche Pflicht“ und keine körperliche Begegnung, der auch die Frau zustimmen musste. Vergewaltigung in der Ehe war nicht strafbar. Selbstverständlich bedeutete diese Rechtslage nicht, dass es keinen einvernehmlichen Sex gegeben hätte. Aber sie zeigt, wie jung der rechtliche Anspruch der Frau auf körperliche Integrität ist.

Es ist das grösste Verdienst des Feminismus, der Frau die Hoheit über ihren Körper erkämpft und im Gesetz festgeschrieben zu haben. Allerdings wurde auf dem Weg dahin das sexuelle Verhältnis zwischen den Geschlechtern weder entlastet noch befriedet. Im Gegenteil: Erst orteten einige wenige radikale Feministinnen in den 1970er Jahren in der Sexualität das „Fundament der männlichen Macht“ (Alice Schwarzer) und verschrien den Penis als „Unterdrückungsinstrument“ (Andrea Dworkin). Dann kehrten die libertären Feministinnen den Spiess um und erklärten den Sex zum Befreiungsakt. Erlaubt war plötzlich alles, was Spass machte. Eine neue Generation von jungen Feministinnen setzte in den 1990er Jahren selbstbestimmten Sex mit Emanzipation gleich. Das führte im neuen Jahrtausend zu einer maximalen Verengung des politischen Diskurses: Es wird über nichts anderes mehr diskutiert als über die Einvernehmlichkeit. Das subjektive weibliche Empfinden wird je länger, je mehr zum Kriterium, das Sex von der Vergewaltigung unterscheidet. Oder einen Flirt von der Belästigung. In den USA gibt es gar eine neue Kategorie von Übergriff, die „Mikroaggression“. Dazu gehört laut den Regeln der University of California schon „der Blick auf den Ringfinger einer Frau“, weil diese dadurch den gesellschaftlichen Heirats- und Gebärdruck spüren könnte. Konsequenzen hat das vorab für Männer. Sie sind es, die aufpassen müssen, dass sie sich nicht auf der falschen Seite der Lust befinden. Stehen Männer heute also unter Generalverdacht?

Wie soll man ein Nein beweisen?

In diese Richtung gehen zumindest die Erfahrungen eines Strafverteidigers, der nicht namentlich genannt werden möchte. Schon heute sei der Mann „der Täter, dem man nichts habe nachweisen können“, wenn eine Anklage fallengelassen werden müsse. Anders als in Deutschland gilt in der Schweiz der Grundsatz, dass für die Verurteilung ein Nein nicht genügt, dass bei Vergewaltigung oder sexueller Nötigung ein Widerstand nachgewiesen werden muss. „Das klingt ungerecht, ergibt juristisch aber Sinn“, sagt der Anwalt. „Denn wie soll vor Gericht ein Nein bewiesen werden können?“

Es ist Freitagabend, die letzten Arbeitskollegen verlassen das Büro. Als die Tür ins Schloss fällt, sagt der Mann, der für viele auf der falschen Seite steht, weil er potenzielle Vergewaltiger vor Gericht verteidigt: „Es ist eine Illusion, dass eine Verschärfung für mehr Gerechtigkeit sorgt.“ Tatsächlich werden die Stimmen, die eine solche fordern, auch in der Schweiz lauter. Vor Wochenfrist behauptete die „Sonntagszeitung“, Vergewaltigung gelte hierzulande noch immer als Kavaliersdelikt. Denn jeder dritte Verurteilte bekomme nur eine bedingte Strafe, müsse also nicht ins Gefängnis. Und von 500 Anzeigen führten jährlich bloss 100 zu einer Verurteilung. Über ein schärferes Strafmass könne man diskutieren, meint der Strafverteidiger, doch die Annahme, dass Richter Samthandschuhe trügen, weil nicht jede Anklage in einer Verurteilung ende, sei fahrlässig.

Ein Blick in die Opferhilfestatistik des Bundes zeigt, dass die Beratungsfälle wegen Vergewaltigung in den letzten 15 Jahren um ein Drittel zugenommen haben, wegen sexueller Belästigung suchten gar doppelt so viele Frauen Hilfe. Demgegenüber hat sich die Verurteilungsrate nicht wesentlich verändert. Dennoch glaubt auch Sandra Müller, Leiterin der kantonalzürcherischen Opferhilfestelle, nicht, dass eine Verschärfung des Gesetzes die Lösung ist. Vier-Augen-Delikte blieben vor Gericht schwer beweisbar. Der Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“ bleibe.

Liegen die subjektiven Wahrheiten von Mann und Frau beim Sex einfach zu weit auseinander? Sexualtherapeutin Karoline Bischof schüttelt den Kopf. Beide Geschlechter seien heute sensibilisierter als je zuvor. Und das sei wichtig und gut. Nur ändere das nichts an der Tatsache, dass Missverständnisse nicht aus der Welt zu schaffen seien. Auch nicht beim Sex. „Fast jeder von uns hatte einmal ein sexuelles Erlebnis, das er am liebsten verdrängt hätte.“ Eine Entdramatisierung solcher Vorfälle bedeute nicht, dass man die körperliche Integrität der Frauen nicht respektiere. Bischof, die in Amerika Sexologie studiert hat, will eine andere Gefahr verhindern: „Wenn der Teufelskreis aus Problematisieren, Pathologisieren, Kriminalisieren nicht durchbrochen wird, schiesst man über das Ziel hinaus.“ Dann sei kaum noch auszumachen, welche Grenzen dem Schutz vor Übergriffen dienten und welche Zärtlichkeit und Erotik zwischen Menschen verunmöglichten. Verhindern können das Mann und Frau nur gemeinsam.