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Was ist bloß mit dem Wetter los?

von Andreas Frey / 19.06.2016

Europa ist gefangen in einem Tiefdrucksumpf. Die Folge: Wo es regnet, hört es nicht mehr auf. Aber es gibt Hoffnung – im Juli und August ist noch alles möglich.

Seit Mitte Mai drehen sich schwere, dunkle Wolken in Endlosschleife über der Schweiz. Erst zogen sie so langsam, dass heftige Unwetter stehenblieben und einige Täler von Sturzfluten heimgesucht wurden. Jetzt bedecken sie beinahe das ganze Land – und bringen Regen, der nicht mehr aufhören mag. Was ist am Himmel los? Angetrieben wird das nasse Wetter von einem gewaltigen Schlechtwetterkomplex über großen Teilen Europas. Eingeklemmt zwischen zwei Hochdruckgebieten, kommt das steuernde Höhentief nicht vom Fleck. Wie auf einer Rutschbahn schickt es kleine Ableger vom Nordatlantik bis zum Mittelmeer. Der ganze Kontinent ist damit ein einziger, sommerfeindlicher Tiefdrucksumpf, der immer wieder neue Regenwolken wachsen lässt.

Von Spanien bis Polen hat es wiederholt unwetterartig geregnet. Fast alle Teilnehmerländer der Europameisterschaft leiden unter miesem Wetter. In Frankreich will bei Starkregen, Hagel und Sturmböen keine richtige Stimmung aufkommen. Kein Einzelfall jedenfalls. Von der WM 1974 in Deutschland ist dieser Spruch bekannt: „Schluss mit Regen, Schnee und Sturm – der Mensch ist doch kein Regenwurm.“ Besonders heftig hat es aber Mitteleuropa getroffen. Schon Ende Mai pflügten Schlammlawinen durch einige Täler in Süddeutschland, Starkregen setzte ganze Landstriche unter Wasser, und Tornados hinterließen eine Schneise der Verwüstung. Da die Luftdruckunterschiede über Mitteleuropa sehr gering waren, wehte kaum Wind, und herumziehende Gewitter blieben praktisch stehen. Vor allem der eigentlich konstant wehende Jetstream war deutlich abgeflaut.

„Mittlerweile hat der Höhenwind wieder Fahrt aufgenommen“, sagt Daniel Gerstgrasser von Meteo Schweiz. Am Freitag lag ein für die Jahreszeit außergewöhnlich stark entwickelter Jetstream über den Alpen, der die ganze Schweiz überzog und einen Südstau mit labiler Meeresluft auslöste. Eine Schleife des Höhenwinds ist damit von Grönland bis ins Mittelmeer ausgebüxt, hat hierzulande extreme Luftmassen gemischt und die entstandenen Wolken an den Alpen ausgepresst. Solche Wetterlagen erwarten Meteorologen im Oktober, aber nicht im Juni. Dass der Höhenwind immer häufiger in großen Schleifen um den Planeten weht, beobachten sie seit einigen Jahren. Er erhält seine Dynamik, weil die Sonne die Erde unterschiedlich stark erwärmt. In den Tropen ist es heiß, an den Polen eisig. Die Atmosphäre sorgt für Ausgleich, indem Höhenwinde Kaltluft nach Süden und Warmluft nach Norden schaufeln. Sein größtes Tempo erreicht er üblicherweise im Winter.

Normalerweise bilden sich fünf bis neun kurze und flache Schleifen über der Nordhalbkugel aus. Als Folge ist es mäßig warm, hin und wieder gibt es Regen – es herrscht die in Mitteleuropa bekannte Westwetterlage vor. Seit ein paar Wochen allerdings buchtet der Jetstream in wenigen Schleifen weit nach Süden und nach Norden aus – und die klassische Westwind-Drift ist blockiert. „Meridional“ nennen Meteorologen das, weil das Wetter entlang der Längengrade bestimmt wird. Die Folge: Wo es trocken ist, droht Dürre. Wo es regnet, hört es nicht mehr auf. Das Wetter ändert sich kaum noch, weil sich die Wellen nicht mehr verlagern können. Liegt die Schweiz wie im vergangenen Sommer unter dem Hoch, herrscht wochenlang schönstes Badewetter. Seit diesem Mai ist es jedoch genau umgekehrt: Das Tief regiert, und deshalb kann „länger trübes und regnerisches Wetter vorherrschen“, wie es Meteorologe Gerstgrasser ausdrückt.

Ob der bisherige Sommer 2016 ein Beispiel für den menschengemachten Klimawandel ist, kann man nicht sagen. Die eingefahrene Wetterlage ist ein Hinweis darauf, aber kein Beleg dafür. Einige Studien gehen davon aus, dass durch die asymmetrische Erwärmung der Nordhalbkugel der Jetstream künftig häufiger ins Schlingern gerät und das Wetter dadurch extremer wird. Schwierig ist auch eine Beurteilung von Starkregen-Ereignissen. Fachleute des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung haben 2015 aus Regendaten der Jahre 1901 bis 2010 geschlossen, dass weltweit die Häufigkeit für Starkregen bereits um 26 Prozent zugenommen hat. Wetterdienste konnten diesen Trend aber nicht bestätigen. So bleibt beim Niederschlag vieles unklar, auch wenn man davon ausgehen muss, dass der Klimawandel künftig mehr Starkregen-Ereignisse bringt.

Ein Mysterium ist auch der weitere Verlauf dieses Sommers. Es soll zwar im Verlauf der nächsten Woche langsam bergauf gehen, eine Umstellung der Großwetterlage ist aber vorerst nicht in Sicht. Im Juli und August jedoch ist noch alles möglich.