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Blackfacing im Theater

Was ist eigentlich ein Schwarzer?

von Barbara Villiger Heilig / 31.05.2016

Seit die Debatte um das sogenannte „Blackfacing“ entbrannte, gilt: Anmalen geht nicht mehr. Aber schwarze Schauspieler wollen nicht nur Othello spielen.

Jory ist Juristin in New York, jung und karriereorientiert; sie arbeitet in einer renommierten Anwaltskanzlei, hat einen standesgemäßen Partner – Museumskurator – und Freunde in der gleichen Upper-Eastside-Gehaltsklasse, neben anderen den Kanzlei-Kollegen mit seiner malenden Ehefrau, bei denen heute eine Dinnerparty ansteht. Jory ist Afroamerikanerin – und eine Theaterfigur.

„Geächtet“, das Stück, für welches der amerikanische Autor Ayad Akhtar 2013 den Pulitzerpreis erhielt, kam diese Saison mit Wucht auf den deutschsprachigen Bühnen an: Am Hamburger Schauspielhaus, am Zürcher Theater Neumarkt, am Residenztheater München, am Theater Dortmund, am Staatstheater Wiesbaden und am Theater Ingolstadt war es zu sehen. Nächste Saison werden es rund ein weiteres Dutzend Häuser ins Repertoire nehmen, zum Beispiel das Burgtheater Wien. Was macht den Erfolg dieses Konversationsstücks aus? Er verdankt sich nicht nur den Dialogen, deren Pointen derart zielsicher einschlagen, dass man sich bisweilen bei Yasmina Reza wähnt. Im Unterschied zur französischen Stardramatikerin, die sich grosso modo mit subtilem Beziehungsknatsch begnügt, unterlegt Ayad Akhtar psychologische Reibungen und berufliche Rivalitäten mit brisanten gesellschaftspolitischen Hintergründen. Jorys Partner ist Jude; ihr Bürokollege hat pakistanisch-muslimische Wurzeln, steht aber dem Islam überaus kritisch gegenüber; einzig die Künstlerin ist White Anglo-Saxon Protestant. Im Lauf des Abends steigt mit dem Alkoholpegel das religiöse und rassische Konfliktpotenzial; die Boulevardkomödie endet in einem Scherbenhaufen.

Blackfacing

Interesse verdient „Geächtet“ – und darum geht es hier – auch aus besetzungstechnischen Gründen. Jorys Hautfarbe kann, im gegebenen Multikulti-Zusammenhang, kaum als vernachlässigbare Tatsache durchgehen. Wie verhält sich das Theater zu diesem Umstand? Drei Beispiele: In Hamburg spielte Isabelle Redfern die Rolle der Jory, eine Bayrin mit dunkler Haut; in München Lara-Sophie Milagro, auch sie eine dunkelhäutige Deutsche; in Zürich Abak Safaei-Rad, dito. Es gibt, zumal in Deutschland, genügend farbige Schauspielerinnen – niemand kam auf die Idee, in „Geächtet“ eine Weiße schwarz zu schminken.

Das wäre auch schwer möglich, seit auf dem Theater die Debatte über das sogenannte „Blackfacing“ entbrannt ist. Sie entzündete sich Ende 2012 an „Clybourne Park“, einem – ebenfalls mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten – Stück von Bruce Norris, der dem Deutschen Theater Berlin die Aufführungsrechte entzog, weil die Figur einer Schwarzen weiß besetzt und, eben, dunkel geschminkt werden sollte. Das Stück thematisiert den alltäglichen Rassismus in den USA, dem Land, das im 19. Jahrhundert mit den Minstrel Shows die Praxis des Blackfacing eingeführt hatte. Was damals in den Vereinigten Staaten als lustig galt, ist heute untragbar geworden – auch in Europa. „Anmalen geht nicht mehr“, so formuliert es Abak Safaei-Rad, die Neumarkt-Jory.

Doch auch für dunkelhäutige Schauspielerinnen ist es eine zweischneidige Sache, in dieser oder einer anderen hautfarbenkonformen Rolle besetzt zu werden. Sie möchten das ganze Repertoire spielen, Ophelia, Gretchen, Emilia Galotti, Nora, Fräulein Julie. Das ist längst nicht auf allen Bühnen möglich. Als Schauspielerin werde sie ständig mit ihrem Aussehen konfrontiert und staune immer wieder über Vorurteile, was sie spielen „dürfe“ oder „könne“, sagte Isabelle Redfern – die Hamburger Jory – anlässlich der Ausstrahlung des Fernsehfilms „Papa und die Braut aus Kuba“, in dem sie die kubanische Esperanza spielt.

Fernsehen ist allerdings nicht gleich Theater – sondern eher „schlimmer“, sagt Abak Safaei-Rad: Nichtweiße als Prostituierte, Putzfrauen, Drogenabhängige ja, als Chefärztinnen nein. Sie selber habe im Theater „Glück gehabt“: Obwohl bei ihr, anders als bei „weißhäutigen“ Kolleginnen, nach Studienabschluss das Telefon kaum klingelte, kam sie in Kontakt mit jungen, offenen Regisseuren, die „frei“ umgingen mit Besetzungen. Zu ihnen gehörten auch Peter Kastenmüller, der unterdessen das Theater Neumarkt leitet, und Alexander Eisenach, der dort „Geächtet“ inszeniert hat. Er habe dafür nicht nach einer „ethnisch werktreuen Besetzung“ gesucht (der Autor verlangt sie auch gar nicht), kommentiert Eisenach, sondern auf Leute aus seinem künstlerischen Umfeld zurückgegriffen. Die Argumentation lässt sich nachvollziehen, auch wenn sie etwas nach Ausweichmanöver klingt.

Wie auch immer: Solche Diskussionen zeigen, dass die vielfältiger werdende Gesellschaft vor den Bühnen nicht haltmacht, auch wenn sie keineswegs schon Selbstverständlichkeit ist – hierzulande noch sehr viel weniger als in den USA (Peter Sellars kam bei seinem „Othello“ 2009 mit bloß zwei weißen Schauspielern aus und besetzte den Titelhelden statt mit einem Schwarzen mit einem Latino). Dennoch mutete es geradezu anachronistisch an, als Luc Bondy vor einem Jahr ankündigte, seinen Othello am Pariser Odéon-Theater werde Philippe Torreton spielen – ein Weißer. Der sofort losbrechende Shitstorm hätte sich vermutlich zum Hurrikan entwickelt, wäre Bondy nicht gestorben, bevor er die Inszenierung realisieren konnte. Sein Tod kappte eine Kontroverse, die freilich durchaus genauere Ausdifferenzierung verdient hätte: Grundsätzlich ist Theater ja Spiel, weshalb also soll es im Fall der Hautfarbe plötzlich die Realität abbilden? Wer weiß, wie Bondy die Knacknuss angegangen wäre. Der von ihm bewunderte Peter Zadek hatte 1976 Ulrich Wildgruber als Mohren Othello noch angemalt. Allerdings lud Zadek die schwarze Ganzkörperschminke mit einem Bedeutungszuwachs auf: Sie färbte im Lauf des Stücks auf die nackte Eva Matthes, seine Desdemona, ab.

Migrationshintergrund

Wer heute „Othello“ inszeniert, kann sich gar nicht davor drücken, Farbe zu bekennen – „neutrale“ Versionen existieren zurzeit keine. „Was ist eigentlich ein Schwarzer? Und zuallererst, welche Farbe hat er?“, fragte Jean Genet im Vorwort zu „Die Neger“. Genet verlangte für sein Stück eine komplett schwarze Besetzung (erlaubte Peter Stein dann aber trotzdem, sein Schaubühne-Ensemble einzusetzen). Als Robert Wilson „Les Nègres“ unlängst am Odéon-Theater mit einem All-Black-Cast herausbrachte, ertönte prompt irgendwo der Vorwurf, die Schwarzen – zumeist Franzosen – würden „vorgeführt“. Johan Simons hingegen verkleisterte das Ensemble der Münchner Kammerspiele derart mit Pappmaché, dass seinen „Negern“ (er wollte sie erst „The Black“, dann in ironischer Verdrehung „Die Weißen“ nennen) die Verlegenheitslösung von A bis Z anzusehen war. Wie lassen sich Kunst und aufgeklärter Diskurs engführen? Neben einer Haltung ist da Phantasie gefragt.

Schwarz und Weiß sind, sogar in Stücken wie „Geächtet“, „Othello“ oder „Die Neger“, auch metaphorisch zu verstehen. Es geht um „das Andere“. Der Migrationshintergrund hat viele Farben. Shermin Langhoff setzt in ihrem Berliner Gorki-Theater, sowohl hinsichtlich des Ensembles als auch der Stoffe, explizit auf das Label „postmigrantisch“ – und erschließt sich dadurch nicht zuletzt ein neues Publikum. Am Gorki tritt als Othello der Deutschtürke Taner Şahintürk auf. Auch er wird am Schluss angemalt: golden.