Staatsgalerie Stuttgart / BPK

Was kommt aus Pandoras Büchse?

von Uwe Justus Wenzel / 27.09.2016

Der Pandora-Mythos lässt im Unklaren, ob Hoffnung ein Gut oder ein Übel sein mag. Terry Eagleton erkundet in einem neuen Buch die Möglichkeiten einer Philosophie der Hoffnung jenseits des Optimismus.

Voraus ging die Rache: Am Anfang der Hoffnung stand der Vergeltungsakt eines erzürnten Gottes. Weil Prometheus das Feuer vom Himmel geholt und es den Menschen zugänglich gemacht hatte, musste nicht nur er, der menschenfreundliche Titan, schrecklich leiden – angekettet an einen Felsen im Kaukasus und tagtäglich heimgesucht von einem Adler, der ihm die stets sich wieder erneuernde Leber wegfrass. Auch das Menschengeschlecht sollte – als Nutzniesser des prometheischen Frevels – bestraft werden. So gab Zeus, der oberste der olympischen Götter, bei Hephaistos eine Art Vergeltungswaffe in Auftrag. Der für Feuer und allerlei bildnerische Metallkünste zuständige olympische Kollege, der auch die schweren Ketten für Prometheus geschmiedet hatte, schuf (aus Erde und Wasser) eine mit vielen Talenten und Reizen ausgestattete Frauengestalt: Pandora, die „Allbeschenkte“, wie ihr Name sagt.

Doch nicht das, mit dem sie „begabt“ war, hielt die Spezialagentin als Gaben für die Menschen bereit, sondern das, was Zeus ihr in jene Büchse getan hatte, die mit ihrem Namen bis heute redensartlich verbunden ist (auch wenn das Gefäss eher ein irdener Vorratskrug gewesen sein mag). Als Pandora die Büchse öffnete, entwichen in die Welt all die Übel, Mühen und Leiden, Krankheiten und Laster, die die Menschheit dem Mythos gemäss zuvor nicht gekannt hatte. Und die Hoffnung? Nach Hesiod, der Hauptquelle der Geschichte, verschloss Pandora den Behälter, bevor „elpís“ – die Hoffnung – „herauszuflattern“ vermochte.

Im Mantel der Zweideutigkeit

Selbstredend ruft dieser (wie jeder) Mythos danach, ausgelegt und fortgesponnen zu werden. Wieso hat Zeus etwas in die pandoranische Büchse gesteckt, was doch eigentlich gar kein Übel zu sein scheint? Und warum hat er dieses Etwas den Menschen vorenthalten? Hat er – unchristlich, wie er war – ihnen die Hoffnung nur kurz zeigen wollen, damit sie die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage umso stärker empfänden? Ist die Büchse womöglich ein zweites Mal geöffnet worden? (Irgendwie muss die Hoffnung schliesslich in die Welt gekommen sein.) Drinnen oder draussen: Ob die Hoffnung etwas Gutes oder aber selbst ein Übel sei, hüllt der Mythos in den Mantel der Ambivalenz. Die Selbstverständlichkeit, mit der sich in der Alltagssprache zur Hoffnung das Eigenschaftswort „trügerisch“ gesellt, befindet sich in Einklang mit der Zweideutigkeit des Mythos.

Friedrich Nietzsche, gerne wider den Stachel löckender Schüler des Pessimisten Schopenhauer, bemühte sich um Eindeutigkeit. Er sah in Zeus offenbar den Sadisten. Der Olympier habe den Menschen (wie auch immer) die Hoffnung gegeben, damit sie ihr Leben nicht wegwürfen, sondern fortführen, sich „immer von Neuem quälen zu lassen“ – von Last und Leiden des Daseins. Weil sie die Qual der Menschen hienieden verlängere, sei die Hoffnung „in Wahrheit das übelste der Übel“, heisst es in „Menschliches, Allzumenschliches“.

Terry Eagleton ist kein Nietzscheaner. Der englische Literaturtheoretiker mit einem Faible für Philosophie und scharfzüngige Formulierungen kommt in seinem neuesten Buch, das ebendie Hoffnung zur Protagonistin hat, auch auf Pandora zu sprechen. Ihn interessiert die „interessante Unschlüssigkeit“ des Mythos: Ist die Hoffnung Krankheit oder Heilung oder – „homöopathisch betrachtet“ – beides zugleich? Soweit sich das dem ebenso dichten wie experimentell schweifenden Essay entnehmen lässt, tendiert sein Autor zur dritten Antwortvariante – oder zumindest zu einer Betrachtungsweise, die ein Entweder-oder ausschliesst.

Terry Eagleton ist kein Nietzscheaner. Aber er ist auch nicht der Marxist, als der er oft etikettiert wird – jedenfalls keiner, der das berüchtigte Diktum Ernst Blochs unterschreiben könnte: „Ein Marxist hat nicht das Recht, Pessimist zu sein.“ Blochs monumentalem Hauptwerk, dem „Prinzip Hoffnung“, ist ein ganzes, kritisches Kapitel gewidmet, das daran kaum ein gutes Haar lässt. Am Ende steht der marxistische Philosoph der Hoffnung als hoffnungsloser Optimist da, der keinen Sinn für die Tragödien des Lebens hat. Solch ruchloser Optimismus – Hoffnung als Krankheit – ist Eagletons Sache nicht, hoffnungsloser Pessimismus aber ebenso wenig.

Optimismus wie Pessimismus hält Eagleton für verwandte Spielarten des Fatalismus, für so etwas wie „moralische Hornhautverkrümmungen“. Stets und unbeirrbar an den guten oder schlechten Ausgang einer Sache zu glauben, sei keine vernünftige Einstellung zur Welt, sondern Ausdruck einer „psychischen Störung“. Allerdings ist es naturgemäss der enthemmte Optimismus, dem des Essayisten Aufmerksamkeit und Sarkasmus zuvörderst gelten – schliesslich wird die Kultivierung der Hoffnung nicht selten mit einer optimistisch-futuristischen Denkungsart verwechselt.

Insbesondere die Nonchalance, mit der eine parteienübergreifend verbreitete Fortschrittsideologie über die Toten, über die Opfer der vermeintlichen Fortschrittsgeschichte, hinweggeht, ist ein Stein des Anstosses. Vor diesen Toten, so gibt Eagleton zu verstehen, habe Marx, anders als viele Marxisten (und anders als die einfältigen unter den Liebhabern des Kapitalismus sowieso), die Augen nicht verschlossen. Einschlägig ist Marx‘ vielzitierter Satz: „Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.“

Geschichtstheologie ohne Gott

Der Autor verwickelt sich und seine Leser auch in Walter Benjamins politisch-theologisches Geschichtsdenken, in dem die Erinnerung an die Gescheiterten und Besiegten eine Hauptrolle spielt. Das „Eingedenken“ der Toten gibt einer leisen Hoffnung auf Rettung Raum – auf eine (messianische) Rettung, die den unerbittlichen Lauf der Geschichte unterbräche, wenn sie sich ereignete. „Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben“, heisst es bei Benjamin. Nicht der Traum von den dermaleinst befreit leben werdenden Enkelkindern ist das Herzstück dieser Hoffnung, sondern die rettende Erinnerung an die auf der Strecke gebliebenen Vorfahren.

Diesem Gedanken kann Eagleton etwas abgewinnen. Er charakterisiert, im Zwiegespräch mit Benjamin, die entsprechende Hoffnung als „tragisch“: Die Toten könnten nicht wieder zum Leben erweckt werden, doch sei es möglich, sie „mit einer neuen Bedeutung auszustatten“ – sie in eine andere Geschichtserzählung einzuflechten, so dass noch „die Unscheinbarsten von ihnen gewissermassen Erwähnung finden in den Berichten des Jüngsten Tages“.

„Gewissermassen“ – die uneigentliche Redeweise gibt eine Grenze zu erkennen, vor der Eagleton immer wieder haltmacht. Einige Seiten zuvor beschreibt er sie kurz und bündig in gegenläufiger Perspektive (und mit Blick auf das Christentum): „Jenseits des christlichen Glaubenshorizontes sind die Toten ohne Hoffnung.“

Anleihen bei der Theologie macht der Nichttheologe viele, aber eben im Modus der Uneigentlichkeit. Das führt letztlich (so liesse sich über Gebühr vereinfachend sagen) dazu, dass Terry Eagleton am Ende dem Zufall die Ehre überlässt, Grund der Hoffnung zu sein – einem Zufall, dem auch etwas von einem Fatum anhaftet: „Der Zufall, der für Unglück sorgen kann, könnte auch den Erfolg bewirken.“ – Zur Ehrenrettung des aufs Ganze seiner verwickelten Gedankengänge gesehen seinerseits „interessant unschlüssigen“ Werkes sei gesagt, dass sein Autor den Zufall gewiss nicht anzubeten geneigt ist.