Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Was man hat, das hat man

Gastkommentar / von Peter Strasser / 14.03.2016

Gestern wurde ich via Fashion-TV darüber belehrt, dass das Mädchen Madeline, welches unter einer Behinderung leidet, die unter einigermaßen Gebildeten „Trisomie 21“ heißt – dass also das entzückende Mädchen Madeline die Haute-Couture-Laufstege der Welt eroberte.

Unter den Trendsettern, die in den Weltmetropolen zu Modeschauen wie zu päpstlichen Hochämtern pilgern, scheint eine Sucht nach dem Anblick von Menschen zu grassieren, die an irgendetwas leiden, was sie irgendwie anders aussehen lässt als alle anderen ihres Metiers. Mir soll’s recht sein.

Der bloß schöne Mensch ist „out“, ein peinliches No-Go. Lange Zeit war das Anorexie-Model mit und ohne Bulimie „in“, dann wurde eine Saison lang die singende Adipositas-Schöne gefeiert, und momentan triumphiert der entzückende Aufreger Madeline.

Heute steht in einem erzürnten Leserbrief meiner Morgenzeitung: Madeline leide nicht an Trisomie 21, sondern höchstens am Unverständnis ihrer Mitmenschen darüber, „dass man hat, was man hat“, in diesem Fall das überzählige Chromosom 21 – eine Zurechtrückung, die mich froh stimmt. Was könnte mir lieber sein, als einfach zu haben, was ich habe, nämlich mein tägliches Morgengrauen über den Zustand der Welt, der, wie ich mir zwanghaft einbilde, sich in meinem eigenen spiegelt?

Oder um es mit den Worten des Psalmisten zu sagen: abyssus abyssum invocat, zweifellos ein No-Go für hummelfigürliche Durchschnittsbürger, die nichts von den Abgründen auf Fashion-TV wissen … Danke, Madeline!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen. Dieser Tage erschien sein aktuelles Buch „Achtung, Achtsamkeit“ im Braumüller Verlag.