Zeichnung. Peter Strasser

Morgengrauen

Was mich beruhigt

Gastkommentar / von Peter Strasser / 08.01.2016

In den letzten Tagen war immer wieder zu hören, dass Schiiten und Sunniten einander abschlachten wollen. Vor Jahren waren es die Hutu und Tutsi. Schon damals hatte ich keine Ahnung, um wen oder was es eigentlich ging.

Als ich heute Morgen das Radio aufdrehe und höre, dass Saudi-Arabien und der Iran „Stellvertreterkriege“ führen, packt mich das Morgengrauen. Ich habe schon wieder keine Ahnung, um wen oder was es geht. Muslimische Parteiungen, aber welche? Unterdrückung der einen durch die anderen, aber wie? Zugänge zum Öl, aber wo? Und was hat das alles mit Allah, dem Propheten und dem Koran zu tun?

Inzwischen wird in Gegenden, die auf dem Atlas zu finden ich mir auch schon schwer täte, der sogenannte kalte zum heißen Krieg. Irgendwie fühle ich mich aufgerufen, Stellung zu nehmen. Innerlich wenigstens. Man muss als Mensch reagieren, eine Regung zeigen, oder?

Dass wildfremde Exemplare der Gattung Homo sapiens wegen eines mir undurchschaubaren wechselseitigen Hasses, der in einer mir gleichgültigen Weise in ihrer mir fremden religiösen Überzeugung wurzelt, mich hier und jetzt, in meiner Frühstücksecke mit Blick auf die mir wohlvertraute Kirche, moralisch dazu verpflichten könnten, gedanklich und emotional um ihre Angelegenheiten besorgt zu sein – das macht mich elend. Elend!

Ich bin außer mir, vermutlich ein schlechter Mensch. Dann aber sehe ich, dass aus dem Klostertrakt der Karmelitinnen neben der Kirche Rauch aufsteigt. Dort lebt also noch jemand. Und das beruhigt mich.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen