imago/Xinhua

Allmende

Wasser, das gefühlte Allgemeingut

von Wolfgang Rössler / 08.01.2016

Nach der Luft zum Atmen ist Wasser der wichtigste Grundstoff des Lebens. Jeder sollte Zugang zu Trinkwasser haben. Leider ist das nicht so.

Drei bis vier Tage überlebt ein gesunder Mensch ohne Wasser. Bleibt die Zufuhr aus, versagen die Nieren. Sie können die toxischen Abfallstoffe des Körpers nur mit Wasser entsorgen. Diese Abfallstoffe nisten sich nun im ganzen Organismus ein, bald wird das Gehirn betroffen, der Verstand schwindet. Beim Verdursten vergiftet sich der Körper selbst.

Ohne Wasser kein Leben. Nach der Luft zum Atmen ist sauberes Wasser das elementarste Bedürfnis des Menschen. Laut Angaben der UNO sterben jährlich 3,5 Millionen Menschen, weil ihnen kein Wasser – zumindest kein sauberes – zur Verfügung steht. Das sind 1.000 Menschen pro Tag, sieben pro Minute. Das Wasser als Allmende? So halb, in privilegierten Ländern wie Österreich. Definitiv nicht in weiten Teilen der Welt.

Im Jahr 2010 hat die UNO-Generalversammlung sauberes Wasser zum Menschenrecht erklärt. Niemand soll dursten müssen – auch wenn er oder sie nichts für Trinkwasser zahlen kann. Zwei bis drei Liter sollten es am Tag sein.

In Österreich kann man sich an vielen öffentlichen Plätzen erfrischen, holzgeschnitzte Brunnen gehören auf dem Land zur Folklore. Das Wasser der meisten Seen und Bäche könnte man trinken. Alle paar Jahre gibt es Aufregung, weil erneut ein Cafétier Geld für Leitungswasser verlangt. Das gilt als unfein. Wasser ist in Österreich ein gefühltes Allgemeingut.

Für den Privatanschluss an die Wasserversorgung fallen zwar Kosten an, doch die sind minimal: In Wien kostet ein Kubikmeter Trinkwasser 1,80 Euro. Das entspricht zehn vollen Badewannen oder dem 300-fachen Tagesbedarf. Kein Wunder, dass kaum jemand Maß hält. Denn Wasser ist hierzulande im Überfluss vorhanden: Es gibt so viel davon, dass Wasserkraft unsere wichtigste Stromquelle ist.

Dennoch leben die Österreicher in ständiger Sorge, jemand könnte ihnen das Wasser abgraben. Der Widerstand gegen den „Ausverkauf unseres Wassers“ in andere, weniger begünstigte Länder ist hierzulande ein wenig hysterisch. Selbst die NEOS entschuldigten sich umgehend, als sich eine Mandatarin positiv zu Privatisierungen äußerte. Wenn es ans Eingemachte geht, dann vertrocknet das zarte liberale Pflänzchen rasch.

Anderswo haben große Konzerne längst die Nutzungsrechte für Wasser erstanden. Dagegen lässt sich argumentieren: Oft finden solche Deals in armen Ländern statt, mit begrenzten Wasserressourcen. Es gibt  TV-Dokumentationen zu der Problematik. Firmen pumpen das Trinkwasser ab, füllen es in Flaschen und verkaufen es teuer. Der Zugang zu den Quellen wird mit Zäunen abgeriegelt. Viele Menschen vor Ort können sich das abgepackte Wasser nicht leisten und müssen verschmutze Brühe abkochen, um sie zu trinken.

Es gibt aber auch andere Beispiele. Manchmal gelingt privaten Unternehmen, woran die Regierungen zuvor gescheitert sind. Sie zapfen unterirdische Seen und Flüsse an, das Wasser kommt auch der lokalen Bevölkerung zugute.

Es ist kein Verbrechen, mit Wasser Handel zu treiben. Denn – man mag das bedauern – es ist kein Allgemeingut. Nicht überall gibt es so viel davon wie in Österreich. Ohne Investitionen wäre es noch knapper. Ein Verbrechen ist es, Menschen verdursten zu lassen.