Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf

Gastkommentar / von Peter Strasser / 23.02.2016

Kürzlich wurde ich aufgefordert, mich zu erklären, worin für mich das Wesen der Philosophie bestehe. Denn wieder einmal war der Verdacht geäußert worden, ich wolle unter dem Deckmantel der Weisheitsliebe (philosophia) weismachen, dass nicht sein könne, was nicht sein dürfe.

Als ich nun heute Morgen das Radio aufdrehte, schwappte mir aus den Nachrichten die ganze Kloake des gestrigen Tages und der heutigen Nacht entgegen: Scheußlich, scheußlich, scheußlich! Ich dachte mir, das kann nicht sein.

Ich drehte den Fernseher auf. Die Folge: Da capo – die ganze Kloake, bebildert und besprochen von einer Morgenkommentatorin, die andauernd über ihr ganzes Gesicht sphärisch lächelte, als ob sie mir den Weltfrieden zu offerieren hätte. Alles, was recht ist, dachte ich degoutiert und stellte mir in Gedanken die Kommentatorin verhüllt vor, mit einem – wie heißt das Ding gleich? – Niqab oder einer ähnlich effektiven Gewandung.

Kaum hatte ich mir diesen Gedanken ausgemalt, klammheimlich, da begann ich mich zu genieren für meine Gedankenentgleisung. Immerhin, die Entgleisung brachte mich auf die rechte Bahn zurück: Die Antwort betreffend die Frage, worin das Wesen der Philosophie bestehe, gründet in der Erkenntnis, dass nicht sein könne, was nicht sein dürfe.

Ergo: Wer die Weisheit liebt, wird alle Seelen- und Herzensgründe mobilisieren, um zu beweisen, dass das, was ist, nicht wirklich wirklich ist. Und schon mag ich das sphärische Weltfriedenslächeln der Morgenkommentatorin.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.