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Statistischer Ausreisser

Weiße Amerikaner sterben tendenziell immer früher, und niemand weiß, warum

von Elisabeth Gamperl / 05.11.2015

Weiße Amerikaner mittleren Alters sterben tendenziell früher als Altersgenossen anderer ethnischer Gruppen und anderer Industriestaaten. Warum das so ist, weiß nicht einmal Wirtschaftsnobelpreisträger Angus Deaton. 

Die Sterberate in den Industriestaaten ging in den vergangenen 20 Jahren konstant zurück – außer bei einer Gruppe: Bei weißen Amerikanern zwischen 45 und 54 Jahren. Sie haben im Gegensatz zu ihren Altersgenossen aus Ländern wie Frankreich oder Deutschland eine signifikant höhere und steigende Sterberate. Selbst Landsleute anderer Minderheiten, wie Hispanics, leben offenbar nicht so gefährlich wie sie.

Das fanden Wirtschaftsnobelpreisträger Angus Deaton und Ökonomin Anne Case von der Princeton-University heraus. In ihrem kürzlich veröffentlichten Artikel zeigt sich, dass die Todesfälle der weißen Amerikaner mittleren Alters im vergangenen Jahrzehnt konstant gestiegen sind – bei Männern wie bei Frauen, hauptsächlich mit geringem Ausbildungsniveau.

Warum das so ist, können die beiden Ökonomen nicht genau sagen. Es gebe aber Hinweise, denn parallel zur Sterberate steige auch die Krankheitshäufigkeit dieser Gruppe.

Rising midlife mortality rates of white non-Hispanics were paralleled by increases in midlife morbidity.

45- bis 54-jährige Amerikaner sterben seit 1999 verstärkt an Alkohol- oder Drogenüberdosis, chronischem Leberschaden, Zirrhose oder Suizid.

Die Studie wirft mehr Fragen auf, als sie beantworten kann. Auch amerikanische Medien rätseln über das Problem der 45- bis 54-jährigen Weißen. Wie die beiden Studienautoren vermuten auch Kommentatoren etwa des Wall Street Journals oder von Vox.com, dass ein entscheidender Indikator die Finanzkrise ist, von deren Folgen diese Gruppe offensichtlich stark betroffen ist.

Gerade Menschen mit geringem Ausbildungsniveau leiden unter finanzieller Not, heißt es etwa in der New York Times. Dieser Gruppe gehe es in ihren mittleren Jahren finanziell schlechter als vorangegangenen Generationen, schreiben Deaton und Case.

In der Washington Post und in der Huffington Post spekulierte man über die Drogensucht der weißen Amerikaner. Vor allem billiges Heroin könnte zu diesem Problem führen. Laut Washington Post werde Heroin zu 90 Prozent von weißen Amerikanern konsumiert.

Eine definitive Lösung des Rätsels um den Absturz der weißen Amerikaner gibt es dennoch nicht. Sie werden wohl in den Mittelpunkt weiterer Forschungen rücken.

Lesetipp: Angus Deaton im Slate-Interview