Welches ist das beste Kind?

von Markus Hofmann / 18.04.2015

Wir wollen unseren Kindern die bestmögliche Erziehung zukommen lassen. Doch soll der Nachwuchs auch genetisch selektioniert werden, um seine Chancen auf ein besseres Leben zu erhöhen? Sogenannte liberale Eugeniker finden: unbedingt. (yw)

In Österreich wurde kürzlich das Gesetz zur Fortpflanzungsmedizin ein Stück weit liberalisiert. In der Debatte über die Aufhebung des Verbots der Präimplantationsdiagnostik (PID) herrscht in der Schweiz eine eher defensive Haltung vor. Man spricht über ethische Grenzen, über schiefe Ebenen und Dammbrüche. Überraschend ist das nicht, kennt die Schweiz doch eines der restriktivsten Fortpflanzungsmedizingesetze Europas. Doch es gibt auch eine ganz andere Sichtweise. Diese betont nicht potenzielle Gefahren medizinischer Möglichkeiten, sondern vielmehr deren Chancen und lobt sie als einen Zugewinn an Freiheit.

So spricht der Oxforder Ethikprofessor Julian Savulescu von einer Pflicht, den Nachwuchs genetisch zu verändern, und zwar dann, wenn das Kind dadurch bessere Chancen auf ein gutes Leben hat. Gentests sollten also vorgeburtlich nicht nur durchgeführt werden können, um zu verhindern, dass Kinder mit einer schweren Krankheit oder einer Behinderung auf die Welt kommen, sondern auch, um sie mit den bestmöglichen Genen auszustatten. Savulescu vergleicht diese Auswahl mit der moralischen Pflicht, den Kindern die bestmögliche Erziehung angedeihen zu lassen. „Ich glaube“, schreibt Savulescu, „dass es bei der Fortpflanzung darum geht, Kinder mit den besten Chancen zu haben.“ Entscheidend für ihn sind dabei zwei Dinge: Zum einen sind es allein die Eltern, die über die genetische Verbesserung oder Selektion ihres Nachwuchses zu befinden haben. Und zum anderen darf dadurch die Autonomie des Kindes nicht beeinträchtigt werden.

Abgrenzung zur Nazi-Eugenik

Savulescu reiht sich ein in eine Gruppe von Philosophen, die eine sogenannte liberale Eugenik verteidigen. Einer ihrer Wortführer, der australische Philosoph Nicholas Agar, grenzt die liberale von der „autoritären“ Eugenik ab. Gemäß Letzterer bestimme der Staat darüber, was ein gutes Leben sei, und stelle die Selektionskriterien für den Nachwuchs auf. Die liberalen Eugeniker wollen sich von Greueltaten distanzieren, wie sie im Namen der Eugenik etwa unter dem Nationalsozialismus begangen wurden; damals ließ der Staat „unwertes Leben“ millionenfach ermorden.

Liberale Eugeniker setzen hingegen auf das Individuum. Der Staat muss sich gegenüber den individuell unterschiedlichen Konzeptionen des guten Lebens neutral verhalten. Er hat nicht zu bestimmen, welche Merkmale die Eltern bei den Kindern bevorzugen. Gleichzeitig sind auch die Eltern nicht gänzlich frei. Sie dürfen nur solche Merkmale präferieren, welche die Fähigkeiten ihrer Kinder verbessern, ohne dabei deren Autonomie zu beschneiden.

Man kann die liberalen Eugeniker nicht ohne weiteres in die Ecke besonders radikaler Ethiker stellen. Im Grundsatz vertraten deren Ideen auch so besonnene Denker wie John Rawls, der einflussreichste politische Philosoph des 20. Jahrhunderts. In seinem Hauptwerk „Die Theorie der Gerechtigkeit“ schrieb Rawls in den 1970er Jahren, dass es im Interesse jedes Einzelnen liege, „bessere natürliche Gaben mitzubekommen“: „Das hilft ihm bei der Verfolgung seines bevorzugten Lebensplans.“ Und: „Die Gesellschaft muss also mit der Zeit dafür sorgen, dass sich die natürlichen Eigenschaften wenigstens nicht verschlechtern und sich keine schweren Mängel ausbreiten.“

Die liberalen Eugeniker stoßen auf teilweise harsche Ablehnung. Der Widerstand erfolgt aber nicht nur von christlich-religiöser Seite, die den Ethikern vorwirft, ins Handwerk eines Schöpfergottes zu pfuschen, sondern auch von einem explizit säkularen Standpunkt aus. Von diesem schreibt der deutsche Philosoph Jürgen Habermas seit mehreren Jahren gegen eine Eugenik mit liberalem Antlitz an.

Paternalistische Haltung

Habermas teilt die Meinung, dass es Menschen im pluralistischen Staat möglich sein müsse, ihre je eigenen Konzeptionen eines guten Lebens verfolgen zu können, und es nicht Aufgabe des Staates sei, diese vorzuschreiben. In Bezug auf die genetische Auswahl des Nachwuchses nimmt er aber die Auswirkungen auf die Kinder genauer in den Blick. Für diese habe die genetische Intervention Folgen, die liberale Prinzipien betreffen, nämlich die Autonomie und die Gleichheit, meint Habermas. So könnten sich die „programmierten“ Personen „nicht länger selbst als ungeteilte Autoren ihrer eigenen Lebensgeschichte“ betrachten. Zudem sei es den programmierten Kindern verwehrt, sich im Verhältnis zu vorangegangenen Generationen „uneingeschränkt als ebenbürtige Personen“ anzusehen: Die „grundsätzlich symmetrischen Beziehungen zwischen freien und gleichen Personen“ würden „unterminiert“. In paternalistischer Absicht verfüge der „Programmplaner“, also die Eltern, über die genetischen Anlagen, womit für den „Abhängigen lebensgeschichtlich relevante Weichen“ gestellt würden.

Der programmierten Person „ist es prinzipiell versagt, mit ihrem Programmierer die Rollen zu tauschen“, so Habermas: „Das Produkt kann, um es zuzuspitzen, für seinen Designer nicht seinerseits ein Design entwerfen.“ Die „eugenische Programmierung“ verstetige somit „eine Abhängigkeit zwischen Personen, die wissen, dass es für sie prinzipiell ausgeschlossen ist, ihre sozialen Plätze zu wechseln“. Eine solche soziale Abhängigkeit stelle in einer moralischen und rechtlichen Gemeinschaft von freien und gleichen Personen einen „Fremdkörper“ dar.

Neben Habermas stimmt ein weiterer weltweit bekannter Philosoph in die Kritik an der liberalen Eugenik ein. Michael J. Sandel, Professor für politische Philosophie an der Harvard University, der mit seinen im Internet übertragenen Gerechtigkeits-Vorlesungen ein Millionenpublikum erreicht, überzeugen allerdings die Autonomie- und Gleichheits-Argumente von Habermas nicht restlos. Designer-Kinder seien bezüglich ihrer genetischen Merkmale genauso autonom wie natürlich geborene Kinder, meint er. Auch ohne eugenische Maßnahmen könnten Kinder ihr genetisches Erbe nicht selber bestimmen. Und was die Gleichheit sowie das Prinzip der Gegenseitigkeit zwischen den Generationen betreffe, so seien genetische Manipulationen nicht das alleinige Problem. Auch Eltern, die von ihren Kindern von frühestem Alter an künstlerische oder sportliche Höchstleistungen abverlangten, übten „eine Art Kontrolle über das Leben des Kindes aus, die unmöglich reziprok sein“ könne.

Sandel macht ein Argument stark, das er bei Habermas – und dieser wiederum bei der 1975 verstorbenen politischen Theoretikerin Hannah Arendt – findet: Unsere Freiheit sei an einen Anfang gebunden, den wir nicht kontrollieren könnten. Im Handeln ist der Mensch frei, weil er mit der Geburt als „ein einzigartig Neues in der Welt erschienen ist“, wie Arendt schrieb.

Das Geheimnis der Geburt

Das Zufällige der Geburt und die daraus abgeleitete Freiheit des Menschen werden laut Sandel durch die liberalen Eugeniker infrage gestellt. Liberale Eugeniker wollten „das Geheimnis der Geburt“ beherrschen, was wiederum die „entwerfenden Eltern“ erniedrige: Die Elternschaft als eine „soziale Praxis, die vom Standard voraussetzungsloser Liebe bestimmt“ sei, werde verdorben.

Sandel kritisiert damit grundsätzlich die Haltung der liberalen Eugeniker. Auch wenn eine genetische Selektion dem Kind nicht schade und dessen Autonomie nicht beeinträchtige, so verstärke diese Praxis „eine Haltung der Beherrschung und Macht“, meint Sandel. Menschen, die sich so zur Welt verhielten, seien nicht fähig, „den Charakter menschlicher Fähigkeiten und Erfolge als Gabe zu schätzen“, und sie übersähen „den Teil der Freiheit, der in einer dauerhaften Auseinandersetzung mit dem Gegebenen“ bestehe.