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Gesellschaftsdebatte

Weniger Werte

von Konrad Paul Liessmann / 06.01.2016

Der Begriff der Wertegemeinschaft verströmt eine eher bedrohliche Aura, findet Gastautor Konrad Paul Liessmann…ist Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien. Er schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung fortan monatlich eine Kolumne zu gesellschaftspolitisch relevanten Themen.

Viel war in letzter Zeit von Werten die Rede. Flüchtlingsströme und Weihnachten: Da lag die Besinnung auf die europäischen Werte nahe. Worin diese Werte bestehen, wie sie vermittelt werden können, wie Asylsuchende und Migranten damit bekannt gemacht werden können – alles Fragen, die häufig gestellt und noch häufiger beantwortet wurden. So verteilt die österreichische Bundesregierung seit Jahresbeginn eine mehrsprachige, comicartige Broschüre unter den Ankömmlingen, die auf die Werteordnung dieses Landes aufmerksam machen soll.

Schön, dass uns die Werte so viel wert sind. Damit sind wir aber auch schon bei einem interessanten Punkt. Wonach richtet sich eigentlich der Wert der Werte? Gerne wird vergessen, dass der Begriff des Werts erst im 19. Jahrhundert aus der Ökonomie in die Moralphilosophie importiert worden war. Bei Thomas Hobbes hatte es noch sehr lakonisch und sehr realistisch geheißen: „Die Geltung oder der Wert eines Menschen ist wie der aller anderen Dinge sein Preis.“

Dieser Preis, so Hobbes, richtet sich danach, wie viel man für die Benützung der Fähigkeiten eines Menschen bereit wäre zu zahlen. Deshalb ist dieser Wert nicht absolut, sondern – wie jeder Wert – vom Bedarf und von der subjektiven Einschätzung abhängig. Klingt hart, trifft aber den Kern der Sache.

Werte orientieren sich am Kurs

Die Attraktivität der Werte für die Moral liegt gerade darin, dass Werte diese subjektive Dimension haben: Werte beschreiben Präferenzen und Vorlieben, die sich jederzeit ändern können. Friedrich Nietzsche war es, der den Wertbegriff stark machte, weil er an einer Umwertung aller Werte arbeitete. Im Gegensatz zu Imperativen und Maximen, im Gegensatz auch zu Geboten und Verboten, vor allem im Gegensatz zu Rechtsordnungen und Gesetzen, sind Werte stets disponibel, richten sich nach Angebot und Nachfrage, steigen und fallen in ihrem Kurs, erleben rasche Konjunkturen und Depressionen, sind in hohem Maße von Stimmungen und kollektiven Erregungen abhängig.

Die unangenehme Wahrheit dieser These spüren wir täglich, wenn etwa davon gesprochen wird, dass Hilfe für Asylsuchende aus demografischen oder arbeitsmarktpolitischen Gründen geboten sei. Und, so könnte man fragen, wenn diese Gründe wegfallen – verlieren die Menschen dann ihre Ansprüche auf Hilfe? Genau aus diesem Grund ist es sehr wohl sinnvoll, zwischen Asyl und Wirtschaftsmigration zu unterscheiden. Wer verfolgt wird, hat nach geltendem Recht als Person – ungeachtet seiner Fähigkeiten – den Anspruch auf Hilfe; wer aus ökonomischen Gründen in ein Land immigrieren will, darf auch nach diesen Gründen bewertet werden.

Wer sich aber auf moralische Werte beruft und damit etwa die unverrückbaren Fundamente einer europäischen Gesellschaftsordnung meint, irrt sich. Nichts ist so schwankend wie ein Wert. Der Begriff der Wertegemeinschaft verströmt so eine eher bedrohliche Aura: Bei einer solchen weiß man im Grunde nie, woran man wirklich ist. Ein Vorschlag: Verzichten wir einfach auf Wertedebatten. Es genügt doch, Menschen, die nach Europa wollen, die Rechtsordnung der europäischen Gesellschaften klarzumachen und sie auf die damit verbundenen Ansprüche, aber auch auf die daraus resultierenden Pflichten zu verweisen. Im Namen von Werten, die heute so, morgen aber anders aussehen können, diese Rechtsordnung aber tendenziell außer Kraft zu setzen, ist nicht nur leichtfertig. Es verrät mangelndes Verständnis für das, was geschützt werden muss, weil es allein imstande ist, Schutz zu gewähren.