Larry Fisher/AP

Baby-Organhandel

Wenn Aufdecker angeklagt werden

von Yvonne Widler / 29.01.2016

Der 27-Jährige David Daleiden wollte den Handel mit Organen abgetriebener Babys aufdecken. Er inszenierte Verkaufsgespräche und nahm diese mit einer versteckten Kamera auf. Doch statt Anerkennung erntet der Aktivist nun im schlimmsten Fall 20 Jahre Gefängnis.

Im Sommer 2015 sorgte ein Video in den USA für einen Skandal. Es zeigt drei Personen bei einem Gespräch in einem Restaurant. Zu erkennen ist allerdings nur eine Frau, die anderen beiden halten sich bedeckt. Die Frau, die man gut sehen kann, ist Dr. Deborah Nucatola, eine führende Vertreterin der Organisation „Planned Parenthood“.

Sie wird mit versteckter Kamera dabei gefilmt, wie sie über den Verkauf von Gewebe und Organen abgetriebener Föten spricht. Sie wird hinters Licht geführt, denn die beiden Gesprächspartner geben nur vor, „Baby-Teile“ kaufen zu wollen. In Wirklichkeit sind sie Aktivisten der Lebensschutzorganisation „Center for Medical Progress (CMP)“ und massive Abtreibungsgegner: David Daleiden und eine seiner Mitarbeiterinnen.

David Daleiden
Credits: Keystone

Insgesamt wurde eine Reihe von solchen Videoaufnahmen an die Öffentlichkeit gebracht, die Boulevardpresse nannte sie damals „Schock-Videos“.

In einer schriftlichen Erklärung warf David Daleiden Planned Parenthood vor, Körperteile abgetriebener Föten ohne Zustimmung der betroffenen Frauen zu verkaufen. Die Organisation veranlasse Teilgeburtsabtreibungen, um intakte Körperteile anbieten zu können. Die Veröffentlichung der Videos auf YouTube hat in den USA eine breite Debatte rund um das Thema Abtreibung entfacht. So wollte der US-Kongress mehr über die Praxis von Planned Parenthood erfahren, da die Organisation jährlich Millionen an Steuergeldern erhält. Eine republikanische Initiative mit dem Ziel, die Fördermittel zu streichen, scheiterte.


Credits: Keystone

Planned Parenthood ist in den USA sehr bekannt. Nicht nur für Abtreibungen, auch in der Schwangerschafts- und Sexualberatung oder der Krebsvorsorge hat sich die Organisation über Jahrzehnte hinweg einen Namen gemacht. Gefördert wird sie durch Spenden – auch von Prominenten – sowie durch staatliche Mittel. Die Organisation betreibt in den USA insgesamt 700 Gesundheitszentren.

Der Schock saß tief

Planned Parenthood sah in den Veröffentlichungen „unerhörte und vollständig unwahre Vorwürfe“ und unterstellte den Republikanern Kampagnisierung, da sie seit Jahren gegen die Organisation wettern. Nicht nur die Inhalte des Gesagten, auch die Art und Weise, wie Dr. Nucatola über abgetriebene Föten redete, erregte die Gemüter. In teils sehr lockerem und flapsigem Ton spricht sie über besonders wertvolle und begehrte Körperteile wie Herz, Lunge und Leber – natürlich aber immer in der Annahme, sich mit Interessenten zu unterhalten. Allerdings verweist sie darauf, dass man sich in einer ethisch-moralischen Grauzone bewege und kehrt die Vorteile für die Forschung hervor. So habe man mit diesen Organen die Chance, Erfolge bei der Bekämpfung bisher unheilbarer Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson Fortschritte zu erzielen.

Ein halbes Jahr später: Die große Überraschung

David Daleiden und seine Kollegin müssen sich nun vor Gericht verantworten. Die Grand Jury in Houston (Texas ) sprach Planned Parenthood nämlich – zur Überraschung und Frustration vieler – von den Vorwürfen frei und klagte stattdessen die Aktivisten an, die sich als medizinische Forscher ausgaben.

Unter dem Hashtag  unterstützen entrüstete Menschen den Aktivisten. Daleiden betonte, er habe sich nur der Methoden von investigativen Journalisten bedient. Ihm drohen bis zu 20 Jahre Gefängnis. Daleiden wird vorgeworfen, amtliche Unterlagen gefälscht zu haben. Zusätzlich wird ihm zur Last gelegt, gegen das Verbot des Erwerbs menschlicher Organe verstoßen zu haben. Das Recht des Staates Texas sehe solch eine Anklage nur vor, wenn die Person in der Absicht gehandelt hat, andere zu betrügen oder ihnen zu schaden. Der Strafrahmen beträgt mindestens zwei und höchstens zwanzig Jahre Gefängnis.

Planned Parenthood bestreitet nicht, dass sie nach Einholung einer schriftlichen Erlaubnis bei den betroffenen Frauen gegen eine Aufwandsentschädigung Föten für Forschungszwecke zur Verfügung stellt. Geschäfte würden jedoch nicht damit gemacht.

Es handelt sich hier nicht nur um eine Debatte um Abtreibung, den Schutz des Lebens oder Selbstbestimmung der Mutter. „They may have broken the law. But there’s no need to charge“, heißt es etwa in diesem Kommentar. Es handelt sich auch um eine Debatte rund um Journalismus, Aktivismus und seine Grenzen. Und darum, ob und wie man das Übertreten dieser Grenzen bestrafen soll.