Illustration: Gabi Kopp

Gleichberechtigung

Wenn das Geschlecht die Leistung bestimmt

Meinung / von Monika Bütler / 24.01.2016

Stereotype über Männer und Frauen sind die schlimmsten Feinde der Gleichberechtigung. Dabei gäbe es Mittel dagegen. Ein Kommentar von Monika Bütler, Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen.

Mit fünf zugelosten Studienkollegen hatte ich eine Aufgabe in Strategie zu bearbeiten. Nach drei ergebnislosen Treffen begann ich allein zu recherchieren und verfasste einen ersten Entwurf. Plötzlich ging es flott weiter; die Arbeit blieb dennoch weitgehend meine. Dem externen Dozenten, einem angesehenen Kadermann, gefiel das Werk. Nur, meinte er nach der Präsentation, die Beiträge der Studierenden schienen ihm doch sehr unterschiedlich, insbesondere die Dame habe wenig zum Erfolg beigetragen. Das Testat verdankte ich der Intervention eines Kollegen. Mein Vertrauen in die Urteilskraft von Wirtschaftsvertretern war hingegen angeknackst; ich wechselte noch am selben Tag in die Volkswirtschaftslehre.

25 Jahre später präsentierte Heather Sarsons, eine junge Absolventin der Harvard University, ihre Forschung zur Beurteilung von Gruppenarbeiten. Anhand von Daten aus Lebensläufen von Ökonominnen und Ökonomen rechnete sie aus, wie stark eine zusätzliche Forschungsarbeit die Wahrscheinlichkeit einer Berufung an eine Professur erhöht.

Frauen sind immer zweite Reihe

Die gute Nachricht zuerst: Eine zusätzliche wissenschaftliche Publikation in Alleinautorschaft brachte Männern und Frauen die gleich hohe Anerkennung: Die Wahrscheinlichkeit einer Berufung stieg um zirka acht Prozentpunkte. Wenn klar ist, wer sich für die Arbeit verantwortlich zeichnet, erfolgt die Anerkennung geschlechtsneutral.

Sobald jedoch die Forschung in Teamarbeit durchgeführt wird, ändert sich das Bild. Den Männern wird ihr Beitrag an die Publikation noch immer voll gutgeschrieben. Für die Frauen hingegen erhöht eine in Co-Autorschaft mit Männern verfasste wissenschaftliche Arbeit die Berufungschancen kaum mehr. Automatisch gilt: Der Frau wird an gemeinsamen Projekten höchstens eine untergeordnete Rolle zugetraut.

Stereotype sind nicht nur in der Wissenschaft eine Hürde auf dem Weg an die Spitze. Die geschlechtertypische Beurteilung in Gruppenarbeiten ist kein Einzelfall. Studierende beurteilten im Experiment eine vermeintlich weibliche Lehrkraft viel harscher als eine männliche, obwohl es sich bei dieser in Tat und Wahrheit um einen Computer handelte.

Mehr Frauen in den Auswahlgremien, wäre die naheliegende Antwort. Doch abgesehen davon, dass die wenigen Frauen in Führungspositionen schon heute durch Kommissionsarbeit aufgefressen werden, führt dies per se noch nicht zu besseren Resultaten. Frauen kämpfen mit den gleichen Stereotypen wie Männer. Weil viele sich selber zu wenig zutrauen, trauen sie auch ihren Geschlechtsgenossinnen zu wenig zu.

Männer leiden ebenso unter Stereotypen. In der Schule sind es bald Knaben, bald Mädchen, die – je nach Fach – ungerecht benotet werden, wie Nicole Althaus vor einer Woche hier ausführte. Die tiefere Maturaquote der Buben ist eine der spürbaren Folgen.

Fix the system, not the women, wie es im Englischen so schön heißt. Nicht immer kann allerdings das Auswahlverfahren so elegant reformiert werden wie das Vorspielen fürs Orchester. Seit hinter einem Vorhang vorgespielt werden muss, ist die Anzahl von Musikerinnen in die Höhe geschnellt. Weil die Musik und nicht mehr das Geschlecht beurteilt wird.

Das Beste an der heutigen Quotendiskussion ist denn auch, dass über Stereotype endlich geredet wird. Die Quote selber erreichen nämlich viele qualifizierte Frauen gar nicht mehr. Sie haben sich wegen schlechter Erfahrungen längst verabschiedet. In die Familienarbeit, in ein anderes Berufsfeld, in die Selbstständigkeit.