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Islamischer Staat

Wenn das Töten nicht ausreicht

von Daniel Steinvorth / 23.04.2016

Unser Verständnis vom Dschihadismus ist gefährlich bruchstückhaft, wie Nicolas Hénin glaubt. Der Journalist weiß, wovon er spricht – er befand sich zehn Monate lang in Gefangenschaft des IS.

Eine Brasserie unweit des Gare du Nord ist kein schlechter Ort, um den französischen Journalisten Nicolas Hénin zu treffen. Das quirlige Café ist überfüllt mit Rucksacktouristen, Afrikanern und arabischstämmigen Franzosen. Hénin, der selbst fließend Arabisch spricht, scheint sich hier wohlzufühlen – bis zu dem Moment, wo sich ein trauriger Herr mit starker Alkoholausdünstung neben uns niederlässt und wir das Gespräch über den Islamischen Staat, den Syrien-Krieg und die Terroranschläge in Europa im Pariser Nieselregen fortsetzen.

Hénin kennt den IS. Er war zehn Monate lang dessen Geisel. Er kannte Mohammed Emwazi alias Jihadi John, der vor laufender Kamera westliche Gefangene enthauptete. Er machte auch die Bekanntschaft mit Mehdi Nemmouche, der später vier Menschen im Jüdischen Museum von Brüssel ermorden sollte. Etliche seiner Zellengenossen leben heute nicht mehr, Hénin aber wurde im April 2014, zusammen mit drei weiteren Franzosen, freigelassen. Seit seiner Rückkehr hat der 41-jährige zweifache Vater in vielen Talkshows gesessen, Interviews gegeben, zwei Bücher geschrieben (darunter ein Kinderbuch, in dem ein Igel seinen Weg nach Hause sucht). Aber er hat es vermieden, allzu sehr ins Detail über seine Geiselhaft zu gehen; über das, was man ihm angetan hat. Lieber will er über die Organisation IS sprechen. Ihren Erfolg. Ihre Ziele. Und unsere fatalen Fehleinschätzungen.

Woran liegt es, dass sich die Terrorsekte trotz unserer komplexen Militär- und Sicherheitstechnologie bisher nicht in die Knie zwingen ließ? Wie konnte sie, von den Geheimdiensten scheinbar ungestört, auch in europäischen Metropolen Fuß fassen? Mehr als 160 Tote und über 700 Verletzte, das ist ihre Bilanz seit den Anschlägen von Paris und Brüssel. Mit weiteren Terrorakten in westlichen Großstädten muss jederzeit gerechnet werden. Das sagen dieselben Experten, die noch vor zwei Jahren von einer „regionalen Agenda“ des IS sprachen, von Gebietserweiterungen des „Kalifats“ im Irak und in Syrien. Die rivalisierende dschihadistische Organisation al-Kaida sei viel gefährlicher und professioneller, hieß es damals.

Die Weltanschauung ist im Kern nihilistisch

„Wir haben die Dimension des Problems nicht erfasst“, sagt Hénin. „Wir müssen uns mit tausenden jungen Erwachsenen auseinandersetzen, die sich dem IS angeschlossen haben. Und sie kommen nicht aus dem Nichts. Sie sind Produkte unserer Gesellschaft.“ Produkte einer gescheiterten Integration, wie sie sich vor allem in Frankreich in Gestalt eines völlig fehlgeleiteten, sozial ausgrenzenden Wohnungsbaus manifestiert. Doch sind eben nicht nur die Kinder der Banlieues für die dschihadistische Subkultur anfällig. Unter den IS-Rekruten finden sich Konvertiten mit christlichem Hintergrund (laut Behörden 25 Prozent), Jugendliche aus Mittelschichtfamilien, Leute mit Hochschulabschluss. Keine Tätergruppe scheint für die Kriminologen schwerer zu typologisieren. Familiäre, psychologische oder gesellschaftliche Probleme können eine Rolle spielen, eine kriminelle Vorvergangenheit ebenso wie ein radikales Erweckungserlebnis.

Was bedeutet es, wenn 70 Prozent der französischen Familien, deren Kinder dem IS folgten, Atheisten sind und 80 Prozent keinen direkten oder länger zurückliegenden Bezug zur Einwanderung haben, wie der französische Auslandsgeheimdienst erfahren haben will? Was bedeutet es, wenn ein Großteil der Dschihadisten, wie es Hénin ausdrückt, „ziemlich lausige Muslime“ sind, die oft nicht mehr als ein paar arabische Floskeln zum Besten geben können? Es bedeutet, dass wir in unserer Analyse des IS der religiösen Komponente zu viel Gewicht beimessen und der kriminellen zu wenig. Dass wir der Propaganda des IS auf den Leim gehen, wenn wir seinen Kämpfern fromme Motive unterstellen und seine Weltanschauung nicht als das entblößen, was sie in Wirklichkeit ist: eine im Kern nihilistische („Jagen wir die Welt in die Luft!“), gespeist aus Rachegefühlen (gegen die ungerechte Welt), Allmachtsphantasie und Todeskult.

„Die Religion ist nur eine übergestülpte Identität“, erzählt Hénin, während wir um den Gare du Nord schlendern. „Was diese Leute antreibt, sind Demütigungen oder Verschwörungstheorien. Sie sehen einen apokalyptischen Prozess im Gang. Der Westen gegen die Muslime.“ Diese Weltsicht fand Hénin erst vor zwei Tagen wieder bestätigt, als er mit einem IS-Mann chattete. Der regelmäßige Kontakt mit jenen, die seine Wächter und Peiniger hätten sein können, ist für ihn keine Therapie, sondern journalistische Arbeit. „Mein Kontaktmann sah die letzten Anschläge als gerechte Strafe für Frankreichs Erniedrigung der Muslime und als Rache für die Luftangriffe gegen das Kalifat.“

Aufschlussreich ist ein Blick in das französischsprachige IS-Magazin „Dar al-Islam“. Voller Häme wurde dort das ikonische Bild zweier Polizisten veröffentlicht, die sich nach dem Bataclan-Massaker am 13. November weinend in den Armen lagen. Die Botschaft an die Leser: Seht her, das sind dieselben „Bullen“, die euch täglich filzen und erniedrigen, jetzt drehen wir den Spieß um. Diese Propaganda lässt den IS stark erscheinen – jeder Kleingangster darf sich plötzlich als Superheld fühlen.

95 Prozent Propaganda, 5 Prozent Peng, peng

„Terrorismus besteht zu 95 Prozent aus Propaganda und zu 5 Prozent aus Peng, peng“, sagt Hénin. Wenn also der Sprecher des „Kalifen“ über die sozialen Netzwerke verkündet, dass 400 neue Kämpfer auf dem Weg nach Europa seien, wo sie selbst entscheiden dürften, wo, wann und wie sie neue Anschläge verübten, kann diese Zahl stimmen oder auch nicht – viel wichtiger ist der Effekt, den die Nachricht auslöst. Es steckt ja bereits im Wort, dass der Terrorist nicht töten, sondern terrorisieren will. Einen Gegner zu töten, reicht nicht aus. Viel effektiver ist es, ihn in Angst und Panik zu versetzen, zu lähmen oder zu Überreaktionen anzustacheln. Spielen die Medien dieses Spiel mit und verklären den IS als das absolute Böse, können sich die Extremisten zufrieden zurücklehnen.

Wie aber sollen sich die freien Gesellschaften positionieren in diesem asymmetrischen Krieg, den der IS ihnen aufzwingt? Hénin ist Realist genug, um den Einsatz von Bomben nicht prinzipiell abzulehnen. Er weiß, dass Frankreichs Luftwaffe nach dem 13. November keine andere Wahl hatte, als die Luftangriffe zu verstärken. Sie auszusetzen, hätte einen Sieg der Terroristen bedeutet. Doch warnt er vor den Nebenwirkungen einer Strategie, die betriebsblind auf militärische Mittel setzt, und schreibt in seinem Buch „Der IS und die Fehler des Westens“: „Ich habe selbst lange genug in bombardierten Städten gelebt, um zu wissen, dass der Feind in den Augen der Bevölkerung eher das Flugzeug ist, das die Bomben feige aus der Luft abwirft, und weniger der gemeine bärtige Typ, der den Checkpoint an der Straßenecke in Schach hält.“

Welche Lösungen gibt es noch? Eine unmittelbare wäre sicher die Einrichtung einer Flugverbotszone, über die seit Jahren diskutiert wird. In ihr könnte Syriens bedrängte Bevölkerung nicht nur Schutz vor Assads Fassbomben finden, sondern auch Kräfte im Kampf gegen die Extremisten sammeln. Jedes politische Projekt, das sich sowohl der Gewaltherrschaft Assads wie der des Kalifats entzieht, wäre ein Propagandaschlag gegen den IS. Auf längere Sicht wird es ohne eine Befriedung des Syrien-Kriegs wie des konfessionellen Konflikts im Irak nicht gehen. Sie sind der Sumpf, aus dem der IS entsteigen konnte. Zu einer multinationalen Gruppe wurde die Terrorsekte aber erst, als sich den wütenden Sunniten vor Ort Europas Dschihadisten anschlossen, die „verlorenen, frustrierten oder marginalisierten Kinder der Globalisierung“ wie sie der französische Islamforscher Olivier Roy nennt. Hénin fällt dazu das Bild eines ehemaligen Klassenkameraden ein, den man nach Jahren wieder treffe und der nun Mitglied einer gefährlichen Sekte geworden sei. Seltsam vertraut und doch unergründlich. In gewisser Hinsicht, sagt Hénin, stehen wir erst ganz am Anfang.